Plauderecke | dem guten Gefühl entgegen

Jeder kennt sie, diese Tage, die einfach nicht so recht wollen. Die weder Fisch noch Vogel sind und sich nicht entscheiden können, ob der Himmel nun blau oder grau sein soll. Tage, wo man sich überlegt, ob man beim ersten Weckerklingeln aufstehen mag, oder nicht doch noch ein Stündchen liegen bleiben soll.Aber nein! Es ist ja schliesslich Urlaub und man selbst erwachsen (so mehr oder weniger zumindest), da will jede Minute vom Tag genutzt sein. Man weiss ja nicht, ob es ein nächstes Mal geben wird. Also quält man sich aus dem warmen Bett und schlurft noch verschlafen ins Bad. Spätestens hier weckt der unerbittlich kalte Plattenboden wenn schon nicht den Geist, so zumindest den Körper. Von einem Bein aufs andere hüpfend erledigt man seine Morgentoilette. Wenigstens gibt es heisses Wasser, dem überdimensionalen Boiler hinter dem Klo sei dank.

Das Frühstück ist eine schweigsame Angelegenheit. Neben dem Besteckgeklapper und Kaugeräuschen hört man nur alle fünf Minuten den Stuhl knarzen, wenn sich Kerl wieder einmal nach vorne beugt und die unzähligen Graustufen des Himmels nach blauen Löchern absucht.
Nein, heute ist kein Tag, der mit Tatendrang glänzt. Wir beide hängen unseren Gedanken nach und brauchen für all unsere Verrichtungen doppelt so lange. Kein Wunder also, dass bereits die Mittagsnachrichten im Autoradio laufen, als wir uns auf den Weg machen. Die Stimmung im Auto ist gedrückt und wir werfen uns komische Blicke zu, als würde der eine dem anderen die Schuld am wolkenverhangenen Himmel geben.
Wir fahren mal links, mal rechts, immer mit dem Ziel Sognefjellet vor Augen. Doch was wir unterwegs zu sehen bekommen, stimmt uns nicht besser, tiefhängende Wolken, vereinzelte Regentropfen. Wir trösten uns mit dem Gedanken, wenigstens nicht den ganzen Tag in unserem Ferienhäuschen verplempert zu haben.
Auf der Passhöhe ist dann doch eine kleine Pause angesagt und sei es nur um das futuristisch anmutende Gebäude zu bestaunen. Als wir entdecken, dass ein kurzer Touristenpfad um den kleinen See herum führt, packt es uns doch, ein bisschen die Beine vertreten kann nicht schaden.

Ausgerüstet mit Proviant, Mütze, Schal und Handschuhen geht es also los, über die Hängebrücke und rauf auf den Hügel. Schnell sind wir abseits des Touristenpfades, auf einem Wanderweg in Richtung Jotunheimen Nasjonalpark. Über Stock und Stein stapfen wir, vorbei an leuchtenden orangen Mooren, gewaltigen Felsbrocken und schmutzigen Schneefeldern von letztem Jahr. Immer weiter tragen uns unsere Füsse, den Bergen entgegen. Vergessen ist der Gedanke, nur kurz die Beine zu vertreten. Wir wollen mehr. Mehr von dieser klaren, kalten Luft, die in unseren Lungen brennt, mehr von diesem eisigen Wind, der unsere Wangen in einem leuchtenden Rot erstrahlen lässt, mehr von diesem Gefühl, einfach einen Fuss vor den anderen zu setzen, einfach weiter zu gehen und doch ganz bei sich selbst anzukommen. Ein verdammt gutes Gefühl.

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