Rezension | Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt – oder wenn sich das eigene Leben zu wiederholen scheint

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt | Peter Stamm | Februar 2018 | S.Fischer Verlag | 160 Seiten

»Ich war plötzlich unsäglich wütend auf ihn, ich war nahe daran, ihn ins Gesicht zu schlagen. Er bildete sich ein, mit einer kurzen Internetsuche mein ganzes Leben auslöschen zu können, als existiere nur, was Spuren im Netz hinterliess.« – S.101

Wenn Peter Stamm eines kann, dann ist dies mit leisen Tönen zu begeistern. Seit er vor etlichen Jahren zu einem Lesungsbesuch an meinem Gymnasium vorbei kam, werden seine Bücher in regelmässigen Abständen von mir gelesen. Und auch wenn sein Stil mir in früheren Jahren noch etwas zu wolkig und ätherisch erschien, so mag ich heute seine sanften Zwischentöne umso mehr.

Ein Leben in Endlosschleife

Peter_Stamm_1In Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt spielt Peter Stamm ein gewitztes Spiel mit der Zeit. Christoph trifft sich mit Lena und erzählt ihr, dass er vor 20 Jahren in eine Frau verliebt war, die war wie sie und deren Leben dem ihren zum Verwechseln ähnlich war. Aber auch Christoph selbst begegnet seinem Alter-Ego, der in der gleichen Stadt bei den gleichen Professoren studiert und in der selben Studentenbude wohnt wie er damals. Es scheint als würde der jüngere Christoph das Leben des älteren erneut leben, die gleiche Zeitung lesen, in den gleichen Kneipen verkehren, die gleichen Fehler begehen. Was uns zum Kernthema der Geschichte bringt, muss alles so geschehen, wie es vorherbestimmt ist? Oder könnte eine jüngere Ausgabe seiner selbst den Verlauf der Dinge ändern, wenn sie das Ende kennen würde?

Was in „Agnes“ begonnen hat

 

»Ich will gar nicht wissen, was die Zukunft mir bringt, aber ich mag die Vorstellung, dass sie festgeschrieben ist, dass alles, was mir geschieht, schon einmal jemandem geschehen ist, einen Zusammenhang hat und einen Sinn ergibt. Als wäre mein Leben eine Geschichte.« – S.121

In seiner Erzählung entwickelt Peter Stamm ein gewitztes Spiel mit der Zeit, die zwei Leben scheinen zu verwischen, die Gegenwart beeinflusst sowohl die Zukunft, wie auch die Vergangenheit und während die eigene Geschichte scheinbar ausgelöscht wird, verstrickt man sich immer tiefer in die Geschichte des jüngeren Ichs.
Und etwas von dem, was Stamm in Agnes zu erzählen begonnen hat, nimmt er in dieser Geschichte nun wieder auf. Fordert in Agnes die junge Protagonistin ihren Geliebten auf, ihre Geschichte nieder zu schreiben und mehr noch die Geschichte im Erzählen vorwegzunehmen, ihr Leben anhand der Erzählung zu gestalten, so wird in diesem neuen Werk die Frage nach den Abweichungen gestellt und wie die Zukunft mit kleinen Veränderungen beeinflusst werden kann.

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Grosse Fragen und flüssige Lektüre

Wie immer in Peter Stamms Romanen geht es um grosse Fragen und tiefe Gefühle. All dies verpackt in eine unaufgeregte, ruhige

»Während ich Lena gefolgt war, hatte ich mich gefragt, ob wohl auch meiner Magdalena vor sechzehn Jahren jemand nachgegangen war, ob ich nicht nur einen Doppelgänger hatte, sondern selbst einer war, Teil einer endlosen Kette immer gleicher Leben, die sich durch die Geschichte zog.« – S.77

Sprache, die vieles nur andeutet und ungesagt lässt. Vielleicht ist es grad diese Art zu Schreiben, die einem Inne halten lässt und zum nachdenken zwingt. Die Geschichte entwickelt so ihren ganz eigenen Sog und lässt einem nicht mehr los.

Allerdings vermisste ich in diesem schmalen Büchlein auch etwas die Emotionen und die Verbundenheit mit den Figuren. Mir schien es, als konzentriere sich der Autor mehr auf die Doppelbödigkeit der Geschichte und die sich wiederholenden Leben, als auf die Gestaltung seiner Figuren. Weder Christoph noch Lena vermochte ich recht zu fassen. Neben den grossen, philosophischen Fragen blieb wohl auf den knapp 160 Seiten keinen Platz mehr für deren Ausarbeitung und so bleiben beide recht blass und eindimensional.

Fazit

Hinter Peter Stamms neustem Werk Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt steckt ein verzwicktes Spiel mit der Zeit und der Wirklichkeit, er lässt zwei Leben miteinander verwischen Lese-Tippund die Grenzen zwischen Vergangenem und Zukünftigen werden unscharf. Einmal mehr geht es in einem Buch von Peter Stamm um grosse, existenzielle Fragen und zusammen mit dem unaufgeregten, fast schon poetischen Schreibstil regt die Geschichte zum nachdenken und reflektieren an.
Einziges Manko bilden für mich die blassen und wenig ausgefeilten Figuren, weder Christoph noch Lena bekam ich recht zu fassen. Neben den grossen Fragen blieb wohl auf den knapp 160 Seiten keinen Platz mehr für die Ausarbeitung der Charaktere.

Weitere Meinungen

»Bei allem Reiz, den der Plot ausübte, konnte mich „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ jedoch nicht überzeugen. Christophs Geschichte berührte mich nicht, löste lediglich eine kurze Selbstreflexion aus, ob ich alles in meinem Leben wieder so tun würde und das war schon alles.« – Frau Hemingway

»Statt ins kalte Herz des Silicon Valleys zu schauen, wie Lüscher, oder gar die Fundamente der westlichen Zivilisation in Frage zu stellen, wie Bärfuss, stellt Stamm in seinen Texten die großen Fragen nach den Möglichkeiten der Liebe, zweiten Chancen, Sinnhaftigkeiten von Existenzen und den Bedingungen eines glücklichen Lebens. So auch in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, das jedoch nicht mehr ist als ein Zwischentext.« – Zeilensprünge

»Ein Roman, der das Zeug zur Verunsicherung hat. Ein Roman, der Fragen stellt, die ich für mich schon lange beantwortet zu haben glaubte. Ein Roman, der konzentriert erzählt, nie abschweift, beinahe sachlich erzählt. Peter Stamm kocht nicht Altes auf. Dafür spritzt er mit heissem Wasser!« – Literaturblatt


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