Plauderecke | Das Ding mit den Rezensionsexemplaren

Dieser Beitrag schlummert schon eine ganze Weile in meinen Entwürfen, denn immer mal wieder kocht in der Buchbloggerwelt die Debatte um die lieben Rezensionsexemplare hoch. Bei einigen sind sie verpönt, andere sammeln sie wie Trophäen. Ich selbst bewege mich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen und versuche nun hier die Gründe zu suchen. Wohin genau dieser Beitrag sich bewegt, kann ich nicht sagen. Lassen wir uns also überraschen.

Ich lese und rezensiere sowohl selbst gekaufte, wie auch in der Bibliothek oder von Freunden ausgeliehene Bücher. Und immer mal wieder ist gar ein Rezensionsexemplar darunter. Ich gehöre also schon mal nicht zu der Sorte Leser und Blogger, die Rezensionsexemplare generell ablehnen und ganz vom Blog verbannen. Wie sieht also mein Umgang mit diesen aus?

Rezensionsexemplare und ich

Als ich angefangen habe über Bücher zu sprechen, hatte ich keine Ahnung von der Möglichkeit, Rezensionsexemplare anzufordern. Als „normale“ Leserin ging ich schön brav in die Buchhandlung meines Vertrauens und besorgte mir dort Lesenachschub. Und so handhabe ich das auch heute noch grösstenteils. Allerdings stiess ich Buchbloggerneuling ganz schnell auf diese Rezi-Ex, Leseexemplare, Freiexemplare, Rezensionsexemplare oder wie sie auch immer genannt werden. Da gab (und gibt) es Anleitungen anderer Blogger und Bloggerinnen, wie man diese bei Verlagen anfragen kann, Links zu Plattformen, die ebensolche anbieten oder schlicht und einfach eine kurze Kennzeichnung in den Rezensionen. Da machte ich natürlich erst einmal grosse Augen und freute mich. Ein ganz kleines bisschen war ich auch neidisch auf diese grossen, tollen Blogs, die diese Möglichkeit kannten und nutzten. Gleichzeitig war mir aber auch klar, dass ich als Neuling und mit meiner geringen Reichweite diesbezüglich wohl kein Brot haben würde und so versuchte ich mein Glück gar nicht erst.
Mittlerweile sind einige Monate, gar Jahre ins Land gezogen und ich habe meine Erfahrungen mit Rezensionsexemplaren gemacht. In regelmässigen Abständen flattern auch immer mal wieder Newsletter oder Rezensionsangebote ins Haus, ab und an gibt es gar Überraschungspost. Ich freue mich über diese Anfragen, bin aber über das unreflektierte Annehmen aller Angebote hinaus. Ok, zugegeben in dieser Phase war ich eigentlich nie, schon immer habe ich mir die Anfragen sorgfältig angeschaut und ausgewählt, was zu mir und meinem Lesegeschmack passt. Im Durchschnitt schreibe ich also bedeutend mehr Absagen als Zusagen. Aber manchmal werden auch richtig gute Bücher an mich herangetragen wie zum Beispiel Jonas bleibt oder Belfast Central, die ich ohne die  netten Anfragen der Autorinnen wahrscheinlich gar nicht entdeckt hätte.
Selten frage ich Bücher aus eigenem Antrieb bei Verlagen an, obwohl ich in vielen Presseverteilern und speziellen Bloggerverteilern bin und auch regelmässig die Verlagsvorschauen durchgucke. Ich weiss nicht, ob ich für diese Art von Vorpreschen einfach zu zurückhaltend bin, oder ob mir dann der Kontakt plötzlich zu persönlich, die Verpflichtung zu bindend wird… Ich werde da aus mir selbst nicht ganz schlau. Ich habe mich bis jetzt auch noch nicht auf eine Buchmesse getraut. Einzig beim Bloggerportal von Randomhaus habe ich schon (aber auch ganz selten) Bücher angefragt. Durch dieses Portal wird die Hemmschwelle allerdings auch bewusst niedrig gehalten, praktisch für Leute wie mich.

Rezensionsexemplare_1

Wie ihr seht, gehe ich mit Rezensionsexemplaren sehr bedacht um (und ich denke, das ist – wie bei so vielen anderen Dingen – der springende Punkt). In meinem Bücherregal werdet ihr nie mehr als zwei, drei ungelesene Exemplare dieser Spezies finden. Alles darüber setzt mich zu  sehr unter Druck und bringt mich in einen Lesestress. Das möchte ich vermeiden, denn schliesslich ist das Lesen mein Hobby und ein Hobby soll Spass machen. Mit einem Rezensionsexemplar gehe ich aber eine Verpflichtung ein (zumindest für mich fühlt es sich so an) – Buch gegen Rezension, und da möchte ich mir nicht zuviel davon aufhalsen. Verpflichtungen habe ich im Job und in meinem täglichen Leben schon genug. Darum verstehe ich Menschen, die sich einen SuB aus Rezensionsexemplaren anlegen überhaupt nicht. Ich würde jedesmal beim Anblick dessen schreiend das Weite suchen. Mein Pflichtgefühl bekäme Panikschübe davon. Aber vielleicht gibt es ja gute Gründe dafür…

Was ich an Rezensionsexemplaren gut finde

Kommen wir nun aber zur Sache. Wie aus den vorangegangenen Erläuterungen klar wurde, finde ich Rezensionsexemplare nicht per se schlecht. Es gibt sogar einige Dinge, die ich richtig gut finde, darum möchte ich diese hier auch einmal benennen.

♦ Die Möglichkeit Bücher vorab lesen zu dürfen

Ich persönlich empfinde es nach wie vor als eine grosse Ehre, Bücher vor ihrem eigentlichen Erscheinungstermin lesen zu dürfen. Auch wenn ich ein in meinen Augen absolut durchschnittliches Leben führe und glücklich bin damit, so ist der Moment, wo ich ein Vorableseexemplar aus meinem Briefkasten fische doch ein ganz besonderer und mit einem speziellen Gefühl verbunden. Denn irgendwie ist es einfach toll, wenn man vor allen anderen ein neues Lieblingsbuch entdecken und vielleicht andere Leser*innen, die beste Freundin oder den Bruder mit seiner Begeisterung anstecken kann.

♦ Neuentdeckungen von unbekannten Autorinnen und Autoren

Durch Rezensionsanfragen von Autorinnen und Autoren habe ich schon so manches Buch entdeckt, dass sonst nie und nimmer in meiner Filterbubble aufgetaucht wäre. Denn wir alle nehmen oft nur das wahr, was uns interessiert, folgen Bookstagramaccounts und Blogs, die ähnliches lesen wie wir und verpassen so oft einiges, was da im Blog nebenan noch so geschieht. An und für sich ja nicht schlecht, denn irgendwie müssen wir uns ja in der Fülle an Informationen zurecht finden. Manchmal lohnt sich aber auch ein Blick über den Tellerrand und dafür sind Rezensionsexemplare ganz praktisch.

Der Kostenfaktor

Ja, den Kostenfaktor darf man halt auch nicht ausser acht lassen. Nicht dass dies jetzt der grösste und einzige Grund sein sollte ein Rezensionsexemplar anzufragen, aber grad Neuerscheinungen und Hardcover sind in der Schweiz echt teuer. Und je nach Lebenssituation oder finanziellen Mitteln kann auch ein Bibliotheksabo nicht mehr im Haushaltsbudget liegen.
Ich finde ganz klar, es sollte nie der einzige Grund sein, warum ein Buch beim Verlag angefragt wird, aber Rezensionsexemplare sind durchaus eine Möglichkeit, den ein oder anderen Franken zu sparen.

♦ Möglichkeiten für weitere Kooperationen

Grad wenn Anfragen von Autorinnen und Autoren persönlich kommen, bietet sich oft die Gelegenheit, die Zusammenarbeit noch etwas auszuweiten. Ist der Autor oder die Autorin noch unbekannt oder hat erst grad das Erstlingswerk veröffentlicht, so ist es vielleicht die perfekte Gelegenheit für ein Interview oder ein Gewinnspiel um das Buchmarketing etwas anzukurbeln und zu unterstützen. Das gibt neue Möglichkeiten für den Blog und der eigene Erfahrungshorizont kann ausgeweitet werden.

♦ Unterstützung für unser Hobby

Indirekt wird mit Rezensionsexemplaren ja unser Hobby und unser Blog unterstützt. Der ganze Zeitaufwand für die Gestaltung und Unterhaltung des Blogs (zu diesem Thema wurden auch schon einige gute Artikel geschrieben), das „Marketing“, das wir auf unseren Social Media Kanälen betreiben und mitunter auch die finanziellen Investitionen zum Beispiel für eine eigene Domain oder ein Layout werden in gewisser Weise auch durch Rezensionsexemplare honoriert.

Rezensionsexemplare_2

Was ich an Rezensionsexemplaren nicht mag

Aber natürlich hat jede Medaille zwei Seiten und so verbinde auch ich nicht nur gute Dinge mit Rezensionsexemplaren. Manche Dinge beobachte ich sehr kritisch oder störe mich gar daran.

Wenige Bücher werden gehypt

Ganz oft scheint es so, als würden nur jene Bücher rezensiert, zu denen auch Rezensionsexemplare verteilt werden oder eine Marketingstrategie der Verlage geplant ist. Besonders auf Instagram beobachte ich ganz oft, dass plötzlich ein, zwei, vielleicht drei Wochen ein bestimmtes Buch in aller Munde (oder eher in jedem Bild) ist. Kurze Zeit später folgt dann die Rezensionswelle auf den Blogs. Daraus entstehen manchmal richtige Hypes, die ich durchaus auch kritisch beobachte. Aber zu diesem Thema habe ich an einer anderer Stelle etwas mehr philosophiert.
Aus dieser Omnipräsenz in den Sozialen Medien und auf Blogs ergibt es sich dann aber auch, dass andere Nutzer und Nutzerinnen angeregt werden dieses oder jenes Buch zu kaufen, was wiederum zu noch mehr Bilder, Rezensionen und what so ever führt. Ein Teufelskreis! Oder gutes Marketing wie andere sagen.

Das Abgreifen von Rezensionsexemplaren

Auf manchen Blogs werde ich den Eindruck nicht los, dass Rezensionsexemplare abgegriffen werden, einfach weil es Rezensionsexemplare sind. So werden ganze Stapel von Büchern angehäuft. Abgesehen davon, dass mich persönlich so ein SuB an Rezensionsexemplaren stark unter Druck setzen würde, finde ich es auch nicht fair gegenüber dem Verlag oder dem*der Autor*in, die ja alle auf eine möglichst rasche Rezension hoffen.

♦ Wie schauts aus mit Kritik?

Ich persönlich versuche völlig unvoreingenommen an ein Buch ran zu gehen, egal ob ich mir das in der Buchhandlung selbst gekauft habe oder nicht. Nichts desto Trotz stelle ich mir immer die Frage, wie kritisch kann, darf und muss ich sein, wenn ich doch vorher so netten Kontakt mit dem*der Verlagsmitarbeiter*in oder dem*der Autor*in hatte. Wie formuliere ich meine Kritikpunkte? Wie weit kann ich gehen ohne zu verletzen? Ich hoffe wirklich, ich bekomme diesen Spagat irgendwie hin. (Btw, wie unvoreingenommen ist meine Rezension eigentlich noch, wenn ich mir solche Gedanken im Vorfeld mache? Hmmm?)
Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass andere Blogger und Bloggerinnen da weniger gewissenhaft und weniger kritisch sind und Rezensionsexemplare ungefiltert in den Himmel loben.

Der „Rezensionszwang“

Ganz klar, durch die Annahme eines Rezensionsexemplars gehe ich eine Verpflichtung ein, denn das Buch gibt es im Austausch gegen eine Rezension. Natürlich gibt es die Möglichkeit auch ein Rezensionsexemplar unrezensiert zu lassen, dennoch erzeugt diese Verpflichtung einen gewissen Druck oder Zwang. Und so werden dann oft nur noch jene Bücher rezensiert, bei denen man sich zu einer Rezension verpflichtet hat. Das hinterlässt dann oft den Eindruck, dass eine Bloggerin oder ein Blogger nur Rezensionsexemplare liest, auch wenn dem gar nicht so ist. Und neben bei erscheint halt auf einem weiteren Blog eine Rezension zu Buch XY. Schade.

Und nun, Teufelszeug oder Gottesgeschenk?

Wie so viele Dinge im Leben haben auch Rezensionsexemplare ihre guten und ihre schlechten Seiten und alles hängt von unserem Umgang damit ab. Ganz auf Leseexemplare zu verzichten fände ich Schade, wäre mir doch schon so manches gutes Buch durch die Lappen gegangen. Andererseits beäuge ich Blogs, die nur oder hauptsächlich Leseexemplare besprechen und dann auch noch die selben wie auf beinahe jedem zweiten Blog auch kritisch.
Ich glaube, der Schlüssel liegt wirklich in unserem bedachten Umgang mit all den Angeboten und Anfragen. Grundsätzlich sollten wir alle das lesen, worauf wir Lust haben und wenn das halt das gehypte Buch auf dem Instagramaccount der Lieblingsbloggerin ist, dann ist das halt so. Aber für das eigene Lesevergnügen tut es manchmal ganz gut, Neues zu wagen und die Rezensionsexemplare sorgfältig auszuwählen. Für die Vielfalt und Einzigartigkeit unserer Beiträge und Blogs sind wir am Ende des Tages nämlich immer noch selbst verantwortlich.

Wie steht ihr zu Rezensionsexemplaren? Wie geht ihr mit dem Angebot um?

Beim Hinterlassen eines Kommentars werden eure IP-Adressen und ggf. der (Nutzer-) Name, die E-Mail Adresse und eure Website-Url gespeichert.

Advertisements