Rezension | A.K. Amherst – Belfast Central

Belfast Central | A.K. Amherst | April 2018 | Morawa Lesezirkel | 532 Seiten

»Ich bin aus der Firma meiner Familie ausgestiegen, weil ich Gewalt verabscheue. Weil  ich diesen ganzen Hass, der um uns herrscht, nicht auch noch mit Waffen unterstützen wollte. Und jetzt … jetzt bin ich zu jemandem geworden, der ich nie sein wollte.«
»Und das wäre?«, fragt Elaine.
»Ein Mörder« – S. 424

Ich überlege jetzt schon länger, wann ich den letzten Thriller gelesen habe und es will mir beim besten willen nicht einfallen. Dementsprechend lange dürfte es wohl auch her sein. Umso grösser war darum auch meine Neugier auf Belfast Central, das Debütwerk der Autorin A.K. Amherst und ich wurde positiv überrascht.

Zwischen den Fronten, zwischen Fiktion und Realität

Der Nordirlandkonflikt spaltete das Land zwischen 1969 und 1998 in zwei Lager. Die Katholiken und die Protestanten bekämpften sich bis aufs Blut. In dieser von Hass und Gewalt geprägten Zeit siedelt A.K. Amherst ihren Thriller an und spinnt um historische Ereignisse eine Geschichte.
1993, Ryan Goodwin arbeitet als Sanitäter und versucht so seinem Namen zu entfliehen. Die Familie Goodwin produziert und verkauft seit Generationen Waffen und ist somit, seiner Meinung nach, an den Konflikten mitschuldig. Die Geschichte beginnt nun mit jener verhängnisvollen Nacht, als Ryan und sein Kollege Jarvis zu einer Schiesserei mit Verletzen am Bahnhof gerufen werden. Die beiden Sanitäter geraten zwischen die Fronten, Jarvis wird getötet und Ryan schwer verletzt. Kurz bevor er das Bewusstsein verliert, sieht er jedoch einen Mann, der ihm zu helfen versucht. Die Polizei geht von einem Anschlag aus und legt den Fall rasch zu den Akten. Ryan jedoch versucht nach seiner Genesung seinen Retter zu finden, was ihn mitten in den Kampf zwischen der Ulster Defence Association (UDA) und der Irish Republican Army (IRA) bringt.

Belfast_Central_2Ryan ist der Ich-Erzähler der Geschichte und so sind wir ganz nah bei ihm, begleiten in zu dem verhängnisvollen Einsatz, suchen mit ihm nach seinem Retter und durchschauen so langsam die Strukturen der paramilitärischen Organisationen. Wir erleben auch, wie ihn die Geschehnisse verändern, wie er plötzlich vieles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten beginnt. So wird die Entwicklung, die Ryan in der Geschichte durch macht sehr greifbar und authentisch, aus dem freundlichen, eher scheuen Sanitäter wird ein Kämpfer, was auch seinen Wunsch nach Frieden ins Wanken bringt. Die Autorin zeigt mit diesem Charakter wirklich gut, wie aus eigentlich neutralen Personen, Kämpfer für die eine oder andere Seite werden können. Es ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit in einem von einem Konflikt geprägten Land nicht für die eine oder die andere Seite Partei zu ergreifen.
Überhaupt erscheinen die Protagonisten dieses Thrillers sehr vielschichtig, niemand ist einfach nur „böse“ oder „gut“. Alle verfügen über ihre ganz eigenen Beweggründe und Rechtfertigungen für ihr Handeln. Allerdings sieht sich ein jeder auch im Recht und so wird Gewalt mit Gewalt bekämpft.

»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, sagt sie nach einer Weile. »All das Leid, das Fianna verursacht hat, hat mit ihr endlich ein Ende«
Ihre Worte überraschten mich »Sie wollen keine Rache?«
»Rache? Was hat Rache uns denn je gebracht – ausser Tote?« – S.467

Macht man sich während der Lektüre einmal Bewusst, dass diese Ereignisse nicht ausschliesslich der Fantasie der Autorin entsprungen sind, sondern sich durchaus auch in der Realität so zugetragen haben könnten, wird einem ganz Flau im Magen. Die Sinnlosigkeit der Gewalt und die sture Brutalität erschrecken und stimmen einem nachdenklich.

Zwei Zeitebenen und viele Nebenschauplätze

Ryan gelingt es schliesslich seinen Retter Adam zu finden und so verlagert sich die Geschichte ab und an auf eine zweite Zeitebene. Dann nämlich wenn Adam aus seiner Jugend in den 30er Jahren erzählt, wie er von zu Hause abgehauen und in Belfast gelandet ist, wie er und seine Schwester Elaine versuchten ein ehrliches Leben aufzubauen und sie doch vom langen Arm der IRA eingefangen wurden. Diese Erzählungen zeigen, wie Adam zu dem Mann wurde, der er heute ist. Sie zeigen aber auch, wie tief verwurzelt der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken ist.

Belfast_Central_1

Neben den zwei Haupterzählsträngen um Adam und Ryan gibt es auch noch zahlreiche Nebenschauplätze, die tiefere Einblicke in das Leben von Ryan und seinen Freunden und Familie bieten. Das war zwar interessant zu lesen und gab Ryan und seiner Entwicklung auch noch einmal mehr Tiefe, allerdings fiel diesen Nebenhandlungen auch ab und an die Spannung zum Opfer. So war die Liebesgeschichte um Lena und Ryan oder die Gerichtsverhandlung von Hausmann zwar irgendwie interessant, aber beides tat meines Erachtens nach nicht wirklich etwas für die Geschichte. Diese zusätzlichen Abzweigungen hätte es nicht gebraucht. Da das Ende allerdings Hoffnung auf mehr macht (und wie mir die Autorin auch bestätigte, ist Teil zwei bereits in Arbeit), kann es ja auch möglich sein, dass diese Nebenschauplätze noch weiter gesponnen werden. Und dann macht es schon Sinn, sie auch bereits im ersten Teil einzuführen.

Lese-TippFazit

A.K. Amherst hat mit Belfast Central eine packende Mischung aus Fiktion und realen historischen Ereignissen geschaffen. Die zum zerreissen gespannte Atmosphäre dieser konfliktreichen Zeit wird gekonnt rübergebracht. Stellenweise hatte ich selbst das Gefühl zwischen den Fronten und der Sinnlosigkeit und Brutalität des Konflikts gegenüber zu stehen.
Wer sich also ein wenig für die Geschichte Nordirlands interessiert und gerne mal einen spannenden Thriller liest, der ist mit Belfast Central bestens bedient.

Weitere Meinungen

Ihr habt das Buch ebenfalls rezensiert und möchtet gerne verlinkt werden? Dann lasst mir doch in den Kommentaren kurz euren Rezensionslink da. 


Ein herzliches Dankeschön geht an A.K. Amherst für dieses Rezensionsexemplar. Meine ehrliche und persönliche Meinung wurde von diesem Umstand nicht beeinflusst. 


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