Rezension | Anne Tyler – Die störrische Braut

Die störrische Braut | Anne Tyler | aus dem Englischen von Sabine Schwenk | Oktober 2016 | Knaus Verlag | 224 Seiten

»Diese Bemerkung ging ihr nun häufig durch den Kopf, wenn sie sich morgens zur Arbeit aufmachte. Wenn sie dort Kindern beim Schuhe ausziehen half, wenn sie Knete unter Fingernägeln hervorpulen oder Pflaster auf Knie klebte; wenn sie wieder beim Schuhe anziehen half. Sie – hat – keinen – Plan– S. 22

Manchmal bin ich ja wirklich ein kleines Cover-Opfer. Mir gefallen einfach schön gestaltete Buchcover, in der Buchhandlung greife ich als erstes nach Büchern, die sich toll anschauen lassen. Kein Wunder, ist es doch auch das erste, was einem ins Auge springt. Natürlich ist das Cover dann nicht der einzige Grund für einen Kaufentscheid, da muss dann schon auch der Klappentext und eine kleine Leseprobe Lust auf mehr machen.
Bei Die störrische Braut von Anne Tyler haben aber alle Faktoren gepasst und so wanderte es schnurstracks in mein Bücherregal. Erst später habe ich dann herausgefunden, dass diese Geschichte ja eine moderne Variante von Der widerspengstigen Zähmung von Shakespeare ist. Da ich das Original nicht kenne, ging ich relativ unbefangen ans Werk und wurde auch ganz gut unterhalten. Aus den Socken gehauen hat es mich aber nicht.

Witzige Charaketer und Situationskomik

In dem Buch geht es um Kate Battista, eine junge Frau, die nach dem Abbruch ihres Studiums in einer Kindertagesstätte arbeitet. Ihr Vater arbeitet an einem Forschungsprojekt über Autoimmunerkrankungen und die jüngere Schwester Bunny bändelt lieber mit dem Nachbarsjungen an, als sich in der Schule anzustrengen. Zu Hause schmeisst Kate also den Haushalt für den chaotischen Vater und kümmert sich um die Schwester und den Garten. Manches Mal lässt sie das frustriert aufstöhnen, erst recht, als ihr Vater die glorreiche Idee hat, sie könne doch seinen Assistenten Pjotr heiraten, da dessen Visum sonst ablaufe.
Die_stoerrische_Braut_1Nicht nur diese verflixte Ausgangslage bietet Stoff für reichlich komische Situationen, wie jene beispielsweise, wo der schusselige Forscher probiert die „Liebesgeschichte“ von Kate und Pjotr mittels Handyfotos zu dokumentieren. Sondern auch die Charaktere warten mit einer Fülle von komischen Eigenschaften auf. So ist Professor Battista der Inbegriff eines weltfremden, chaotischen Forschers, Pjotr macht sich einen Sport daraus, seine Mitmenschen falsch zu verstehen und auch Bunny beherrscht das Repertoire eines rebellischen Teenagers perfekt. Das bietet ganz schön viel Raum für komische und lustige Begebenheiten und so wird die Lektüre auch luftig und leicht. Einzig Kate blieb für meine Begriffe da etwas blass, auch wenn sich einige amüsante Situationen zwischen Pjotr und ihr ergaben. Auf mich wirkte sie ganz oft kindlich und naiv, da war ihre jüngere Schwester wesentlich erwachsener und brachte auch sehr vernünftige Gedanken mit ein, grad was Kate’s Hochzeit anbelangte.

»Hör zu«, sagte Bunny. »Du musst das nicht machen. […] Ich weiss, du bildest dir ein, es wäre nur so eine kleine Sache auf dem Papier, um die Einwanderungsbehörde auszutricksen, aber dieser Typ tut ja jetzt schon so, als würdest du ihm gehören! Er schreibt dir vor, welchen Nachnamen du haben, wo du wohnen und ob du weiter arbeiten sollst. Ich meine, ich würde mich ja freuen, ein grösseres Zimmer zu kriegen, aber wenn der Preis dafür ist, dass einer es schafft meine einzige Schwester zu zähmen und einen ganz anderen Menschen aus ihr zu machen…« – S.156

Vorhersehbare Handlung, und eine Wendung, die ich nicht nachvollziehen kann

So unterhaltsam die Geschichte auch ist und so wunderbar Anne Tyler diese auch erzählt, so vorhersehbar war auch die Handlung. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass jetzt etwas absolut unerwartetes passiert, die Geschichte eine komplett andere Wendung nimmt oder einer der Charaktere aus seiner Rolle tanzt. Aber eventuell muss man da dem Buch auch zu Gute halten, dass es halt eine moderne Nacherzählung von altbewährtem Stoff ist. Vielleicht ist da auch einfach das Überraschungspotential etwas beschränkt, ich weiss es nicht.
Zwischen den Zeilen versucht die Autorin jedoch immer wieder etwas ernstere Themen einzustreuen, wirft Fragen zu arrangierten Ehen oder der Rolle der Frau auf, aber alles in allem bleibt es leichte Kost und geht nicht zu sehr in die Tiefe.

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Womit ich mich jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht anfreunden konnte und wohl auch nie anfreunden werde, ist die finale Wendung. Und damit sei jetzt nicht gemeint, dass Kate und Pjotr letzten Endes vor den Traualtar treten. Das war mir irgendwie schon von Beginn weg klar. Und wer jetzt nicht gespoilert werden möchte, der überhüpfe jetzt bitte den folgenden kurzen Abschnitt, wo ich meinem Frust Luft machen muss.
Was mich wirklich gestört hat, war Kate’s Begründung für ihre Handlungen. Klar kommt sie durch Pjotr von ihrem Elternhaus weg und kann ihr Leben neu in Angriff nehmen, studieren und sich weiter entwickeln. Und auch wenn sie für all das keinen Mann bräuchte, hat ihr Pjotr doch den sprichwörtlichen Arschtritt diesbezüglich verpasst. Aber was sollte nochmal genau das Gebrabbel am Hochzeitsessen von »Männer sind viel unfreier als Frauen« (– S.213) und müssen sich mit Kriegen, Ruhm und Erfolg herum schlagen? Irgendwie habe ich mich grad ein bisschen in die Zeit meiner Grosseltern zurück versetzt gefühlt, als eine Frau ihren Platz noch am heimischen Herd und bei den Kindern sahen. Aber nun gut, glücklicherweise erfolgte diese kleine Rede auf der letzten Seite vor dem Epilog, so dass ich mich gar nicht lange darüber aufregen konnte. Doch leider hinterliess diese Szene doch einen schalen Nachgeschmack.

»Jetzt wartet doch mal!«, hätte sie am liebsten gerufen. »Findet ihr nicht, dass ich mehr wert bin als das hier? Ich habe eine echte Liebesgeschichte verdient, mit einem Mann, der mich um meiner selbst willen liebt, der mich anbetet. Mich mit Blumen, selbst geschriebenen Gedichten und Traumfängern überschüttet.«
Doch stattdessen schwieg sie und verrührte das Eis in ihrem Schüsselchen. – S.147

Fazit

Die störrische Braut von Anne Tyler ist eine charmante Nacherzählung von Shakespearse Werk Der widerspenstigen Zähmung und greift gekonnt Strandlektüreden komödiantischen Teil der Geschichte auf. Es macht Spass das Buch zu lesen und es lässt sich wirklich gut in einem Nachmittag wegschmökern.
Leider konnte ich mich mit der finalen Wendung, und vor allem der Begründung zu derjenigen, so gar nicht anfreunden, was mir das Lesevergnügen auf den letzten Seiten doch etwas vermieste.

Weitere Meinungen

»Eine witzige Story, die sehr gut zu lesen ist, ideal für einen schönen faulen Sonntagnachmittag auf dem Sofa.« – Kill Monotony

»Anne Tyler bleibt im Großen und Ganzen recht nah an der Originalgeschichte, ich persönlich hätte mich über einen besonderen Kniff noch mehr gefreut. Dennoch handelt es sich bei „Die stürmische Braut“ um eine witzige, gut gemachte Neuinterpretation „Der Widerspenstigen Zähmung“ und kann sich sehr gut sehen sowie lesen lassen.« – Paper and Poetry

»Ein weiteres Buch der Reihe „Hogarth Shakespeare“ welches mich überzeugen konnte. Enthält viele charmante Einfälle und nimmt den komödiantischen Teil sehr gut auf. « – Little Words

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