Rezension | Das Dänische Mädchen – einige Worte zu Buch und Film

Das Dänische Mädchen | David Ebershoff | aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz | Dezember 2015 | Goldmann Verlag | Taschenbuch | 380 Seiten

»Greta hatte niemals einen anderen Menschen geliebt als sie, das wusste Lili. Und jetzt – jetzt, da sogar ihre amtlichen Papiere sie als Lili Elbe auswiesen – empfand sie die Gewissheit, dass Greta sich nicht ändern würde. Und diese Gewissheit half ihr durch die einsamen Nächte im Krankenzimmer unter der schweren Decke und durch die Schmerzen, die sich wie ein Dieb an sie heranschlichen und über sie herfielen. Lili änderte sich immerzu, aber Greta nicht, nein, Greta niemals.« – S.310

Ich weiss, viele von euch plädieren dafür erst das Buch zu lesen und sich erst dann den Film anzugucken. Meistens halte ich das auch so, in diesem speziellen Fall aber ging diese ach so tolle Reihenfolge flöten. Um Ostern wurde nämlich der Film im TV gezeigt und als ich ein paar Tage später in der Bibliothek über das Buch stolperte, fackelte ich nicht lange und packte es ein. Belohnt wurde ich mit einer einmaligen Erzählstimme, die die Geschehnisse im Film wunderbar ergänzte.

Das_Dänische_Mädchen_1Ein kleiner Moment

Seinen Anfang nimmt die Geschichte um Einar und Greta Wegener in Kopenhagen. Im Film heisst Greta übrigens Gerda, was auch der Realität entsprechen würde, David Ebershoff nimmt sich hier etwas künstlerische Freiheit heraus und benennt sie kurzerhand um. Auch in seinem Nachwort betont der Autor, dass die Geschichte zwar an das Leben von Lili Elbe angelehnt ist, dass aber vor allem die innersten Gedanken und Gefühle der Figuren ohne Vorstellungskraft und Fantasie nie so zu zeigen gewesen wären.

Einar und Greta leben ein aufregendes Künstlerleben, er malt Bilder von Dänischen Fjordlandschaften und sie widmet sich hauptsächlich Portraits. Und genau ein solches Portrait wird für Einar zum Moment der Offenbarung, als ihn seine Frau nämlich bittet, ihr einen Gefallen zu tun. Dieses kurze Modellsitzen in Seidenstrümpfen und Schuhen mit goldenen Schnallen erweckt Lili zum Leben. In diesem kleinen Moment wird eine Türe aufgestossen, eine lange gefühlte, sexuelle Verunsicherung wird langsam zur Gewissheit. Tief in seinem Inneren spürt Einar zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts, was ihn beinahe zu zerreissen droht. Und während Lili immer mehr Raum einnimmt, geht diese Entwicklung nicht spurlos an der Beziehung zu Greta vorüber. Diese spürt, dass sie in ihrem Mann etwas ausgelöst hat.

Eine grenzenlose Liebe und die Suche nach Identität

Lily_Elbe_by_Gerda_Wegener
Lili Elbe von Gerda Wegener, ca. 1928 Quelle: https://wellcomecollection.org/

Einar geht es nicht ums Verkleiden, es ist kein Spiel, das merkt Greta ziemlich schnell. Für sie bedeutet dies allerdings, dass sie ihren Lebensgefährten, die Liebe ihres Lebens verlieren könnte. Und so gibt sie Einar die Freiheit zu sein und seine bis anhin versteckte oder unterdrückte Seite auszuleben, akzeptiert die Anwesenheit Lilis, ihre Suche nach Erfüllung und sich selbst.
Mit den Portraits von Lili erlangt Greta Berühmtheit und doch merkt sie von Bild zu Bild mehr, wie ihr Mann ganz in Lili aufgeht und immer mehr schwindet. Sogar seine eigene Malerei hat er aufgegeben.
Diese tiefe Liebe von Greta zu ihrem Mann hat mich sehr berührt, auch wenn die Ehe nach Lilis Geschlechtsumwandlung vom Dänischen König annulliert wurde und die beiden danach (zumindest in der Realität, in Buch und Film waltet auch hier die künstlerische Freiheit) getrennte Wege gingen.
Und auch der finale Akt der Geschlechtsumwandlung, zur damaligen Zeit eine Operation, die noch nie vorher gewagt wurde, ist für Greta brutal, ich kann es nicht anders sagen. Bedeutet dies doch für sie, dass sie Einar, ihren Mann endgültig verliert und nun Lili an seine Stelle tritt.

»Sie fragte sich niemals, warum sie es zuliess, dass Lili sich in ihr Leben drängte. Wenn es Einar glücklich macht, ist alles erlaubt, sagte sie sich. Absolut alles.« – S.95

Aber auch Einars und Lilis Suche nach einer eigenen Identität wird von David Ebershoff auf einfühlsame Art dargestellt. Einar und Lili sind grundverschieden und doch nicht ganz voneinander zu trennen. Lili existiert ebenso, wie dies Einar tut. Sie sind gleichberechtigte Persönlichkeiten. Auf ihrem Weg erlebten Lili und Einar manch kleingeistigen Arzt, der ihr „Problem“ als Homosexualität, einen vorübergehenden Spleen oder gar Schizophrenie diagnostizierte. In der geschlechtsangleichenden Operation findet Einar seinen Weg und Bestimmung. Wie bereits gesagt, zur damaligen Zeit ein riskanter Schritt.
Diesen inneren Konflikt und die Suche nach Identität und Antworten zeichnet David Ebershoff wunderschön mit seiner Sprache. So wie ein Maler seine Landschaften oder Stillleben zeichnet, so formt der Autor mit seinen Worten eine Gedanken- und Gefühlswelt, die poetischer und ergreifender (manchmal gar beklemmender) nicht sein könnte. Ohne Partei zu ergreifen oder zu werten wird der Entwicklung von Lili und Einar Rechnung getragen.

Das_Dänische_Mädchen_2

Das Buch und der Film

Das Buch besticht vor allem durch seine Innenansichten der Protagonisten. Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf den Gedanken, Gefühlen und Beziehungen von Einar, Greta und Lili. Der Persönlichkeitsentwicklung von Lili wird im Roman weit mehr Raum gegeben, als im Film. Aber auch Einar und Greta bekommen mehr Geschichte, die bereits vor Beginn der Filmhandlung angesiedelt ist.
So sind sie im Buch beispielsweise kein junges, verliebtes Pärchen mehr, dass seine Sexualität eben erst entdeckt, sondern ein etwas gesetzteres Paar, dessen sexuelle Beziehung schon länger brach liegt und mit dem Gedanken kämpft, wohl nie eigene Kinder zu bekommen.
Dennoch ist auch der Film ein Meisterwerk. Eddie Redmayne ist ebenso sehr Lili Elbe, wie er Einar Wegener ist. Er haucht den Figuren Leben ein und wird ihrer Geschichte auf respektvolle Art und ohne Kitsch und Überzeichnung gerecht.
Müsste ich mich entscheiden, was mir denn nun besser gefiel, ich könnte es nicht. Buch und Film haben beide ihre Qualitäten und erzählen auf ihre eigene Weise und mit ihren eigenen Stilmitteln.

Fazit

Das Dänische Mädchen – Buch wie Film – erzählt die wahre Geschichte von Lili Elbe, die sich der ersten Geschlechtsangleichenden Operation der Geschichte unterzog. Und zwar zu einer Zeit, als die Welt ganz andere Sorgen hatte, Highlightals sich um die Geschlechtsidentität eines einzelnen Menschen zu kümmern.
Besonders berührt hat mich die tiefe Liebe von Greta Wegener zu ihrem Mann und ihre Toleranz gegenüber seiner Suche nach sich selbst. Aber auch Einars und Lilis Suche nach Identität und die Bestimmtheit mit der sie ihren Weg gegangen sind, hat mich beeindruckt.
Ich kann euch also sowohl das Buch wie auch den Film ans Herz legen, da beide diese aussergewöhnliche Geschichte auf meisterhafte Art und Weise erzählen.

Weitere Meinungen

»Einar Wegener, besser bekannt als Lili Elbe, war der erste Mensch, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und somit eine einzigartige Geschichte vorzuweisen hat. Leider kann das Buch nicht mit den unglaublichen Bildern der Verfilmung mithalten.« Jules Leseecke

»„The Danish Girl / Das dänische Mädchen“ ist ein Roman voller Poesie und nachdenklich stimmender aber stets lebensbejahender Momente. Besonders berührt haben mich ihre Aufenthalte in Dresden und ihre Verbindung zu Greta.« – Studierenichtdeinleben

»Das dänische Mädchen ist ein unglaublich lesenswertes Buch, dass das Thema Transgender auf sehr gefühlvolle Weise behandelt. Die gut ausgearbeiteten Charaktere und ein zur Zeit passenden Schreibstil machen die Geschichte zu einem interessanten Lesevergnügen.« – Anja’s Bücher

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

16 Kommentare zu „Rezension | Das Dänische Mädchen – einige Worte zu Buch und Film

  1. Liebe Daniela,
    wie schön, dass du dich mit Buch und Film auseinandergesetzt hast und deine Meinung mit uns teilst. Mich haben Buch und Film bisher nie reizen können, obwohl ich nur Gutes gehört habe. Mittlerweile bin ich doch etwas neugierig geworden und ich glaube, ich versuche den Film in naher Zukunft mal.
    Ich denke, dieser würde mich tatsächlich mehr reizen als das Buch!
    Ich habe vergangenes Wochenende „Ready Player One“ im Kino geguckt. Das Buch dazu wurde in den letzten Monaten ja auch stark gehyped, sagte mir persönlich aber gar nicht zu. Der Film hingegen umso mehr! Von daher finde ich es auch nicht schlimm, wenn man zuerst den Film schaut und dann das Buch liest. Es sind ja auch unterschiedliche Medien, die dementsprechend anders wirken 😊
    Liebe Grüße,
    Janika

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    1. Liebe Janika,
      tausend Dank für deinen lieben Kommentar. Wie gesagt, in diesem Fall sind sowohl das Buch, wie auch der Film wunderbar gelungen und darum kann ich dir nur ganz fest zunicken und hoffen, dass dir der Film dann auch so gut gefällt wie mir.
      Ich persönlich tue mich auch nicht so schwer mit der Reihenfolge und auch gegenüber Spoilern bin ich relativ unempfindlich, aber ich kenne grad so einige liebe Menschen, die sich nie und nimmer den Film vor dem Buch zu Gemüte führen würden.
      Grüessli, Daniela

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  2. Den Film fand ich unglaublich gut. Ich hatte mich, bevor ich ihn gesehen habe, gar nicht groß mit dem Inhalt auseinander gesetzt und war von der Umsetzung des Themas wirklich begeistert. Er war so emotional und gleichzeitig auch etwas schockierend.
    Das Buch habe ich bisher noch nicht gelesen, werde ich aber definitiv noch nachholen :)

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  3. Huhu!
    Den Film habe ich damals 3mal im Kino gesehen und daheim nun auch noch. Die Geschichte ist so unglaublich berührend, dass sich mir bei all den inneren Konflikten immer das Herz verkrampft und die Tränen fließen. Irgendwann muss ich auch das Buch lesen, noch mehr jetzt nach deiner Rezension – danke dafür!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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  4. Hey! Ich kenne das Buch nicht, aber den Film hatte ich damals kurz nach Erscheinung gesehen! Ich fand ihn sehr gut gemacht, Eddie Redmayne ist sowieso ein Meister im Schauspielen und ich finde er hat die Rolle(n) sehr sehr glaubwürdig verkörpert! Die Geschichte war sehr bewegend, vor allem, wenn man eben den wahren Hintergrund und die damalige Zeit bedenkt! Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Daniela,

    tausend Dank für diese wirklich sehr einfühlsame Rezension. Ich habe damals den Film im Kino gesehen und war absolut hin und weg von der schauspielerischen Leistung der beiden Hauptfiguren. Dass dem Film ein Buch zugrunde liegt, wusste ich zu meiner Schande zu dem Zeitpunkt nicht – aber jetzt habe ich ja noch mehr Grund, mir die Geschichte noch einmal in Buchform vorzunehmen. Vor allem, weil ich es so beeindruckend finde, dass hier eine wahre Begebenheit so tiefsinnig und fast schon zart umgesetzt wurde, trotz der Schwere und Tragik des Gefühls, im falschen Körper zu stecken. Schlimm genug, dass es heute so vielen Menschen genauso geht und sie immer noch vielerorts dafür verurteilt werden, jemand anderes sein zu wollen, als die Gesellschaft ihnen gerne vorgeben will.

    Liebste Grüße,
    Ida <3

    Gefällt 1 Person

  6. Hallo Daniela,

    eine sehr schöne Rezension! Das Buch steht schon sehr lange auf meiner Wunschliste & auch den Film wollte ich eigentlich schon längst anschauen. Aber bisher ist es nie dazu gekommen. Nach deiner Rezension muss das Buch jetzt aber unbedingt her!

    Liebe Grüße,
    Pia

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