Writing Friday | #1 – Mut

Der Writing Friday ist ein Projekt von Elizzy vom Blog Read Books and Fall in Love. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Was, kann jeder selbst entscheiden, ob Wahrheit oder Fiktion, lang, kurz, Lyrik oder Prosa — egal, hauptsache man schreibt.Inspiriert durch die Montagsfrage vom 26. März versuche ich mein Bestes und schliesse mich diesem Projekt an. Bitte erwartet hier aber keine literarisch hochstehende Texte und absolut tiefgründige Gedanken. Ich muss mein kreatives Schreiben erst wieder trainieren.
Die Themen für den April und die weiteren Teilnehmer findet ihr hier.

Writing Friday

 

Mut

Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie Tobi mit wehenden Haaren um die Ecke bog. Den Oberkörper vorne über gebeugt trat er wie wild in die Pedalen und steuerte auf die improvisierte Bretterrampe zu. Das Gebilde sah alles andere als vertrauenserweckend aus. Krumm und schief stand es mitten im Hinterhof und hie und da stand auch ein Nagel gefährlich ab. Aber es war ihre Rampe, den ganzen Sonntagnachmittag hatten sie daran gebaut, Holz vom Sperrmüll zusammengetragen und die Nägel auf dem Schrottplatz stibitzt. Die Hammerschläge tönten dumpf durch die sonntägliche Stille und mehrere Augenpaare linsten durch die Küchengardinen in den Hof hinunter, um zu sehen, was dieser Lärm zu bedeuten hatte. Mehr als einmal war die Konstruktion unter lautem Getöse zusammengebrochen und Lukas und Tobi hatten wieder ganz von vorne beginnen müssen. Hätte der alte Herr Fischer aus der kleinen Wohnung im Erdgeschoss nicht erbarmen mit den zwei Jungs gehabt und ihnen nach dem zweiten Fehlschlag beim Bau geholfen, so stünde die Rampe wohl noch immer nicht richtig.
Nun aber wartete Lukas zusammen mit dem alten Mann auf Tobi, der mutig genug war, den ersten Sprung zu wagen. Die Sonne stand bereits so tief, dass sie durch die Hinterhofeinfahrt auf den Platz schien und lange Schatten warf. Bald würde es für die Jungs Zeit sein, aufzubrechen und nach Hause zu gehen. Aber erst wollte Tobi sein Können beweisen. Er radelte durch die Hofeinfahrt raus auf die Strasse und einmal um die alte Linde auf dem Platz. Ob das wohl für den Anlauf reichen würde? Vorsichtshalber beugte sich Tobi über den Lenker und trat kräftig in die Pedalen. Mit wehenden Haaren bog er um die Hausecke und steuerte direkt auf die Rampe zu. Im Licht der tiefstehenden Sonne leuchtete diese regelrecht und je näher ihr Tobi kam, desto bedrohlicher erschien sie ihm.

Bereits als Tobi zur Hofeinfahrt raus gefahren war, kamen ihm die ersten Zweifel. Er war müde, verschwitzt und sein linker Daumen, wo er sich mit dem Hammer drauf gehauen hatte, pochte unangenehm. Aber er wollte sich selbst und Lukas beweisen, dass er auch mutig sein konnte.  Tobi war nicht wie Lukas, kein Teufelskerl, der für alles zu haben und für jeden Streich zu begeistern war. Er geriet nicht gerne in Schwierigkeiten, bezahlte brav seine Brötchen beim Bäcker und als das Fenster von Frau Meister beim Fussballspiel zu Bruch ging, hielt er sich unauffällig im Hintergrund. Aber nun war er drauf und dran seinen ersten Sprung über die Rampe zu wagen und hätte am liebsten einen Rückzieher gemacht.
Der Fahrtwind wehte ihm die Haare aus dem Gesicht und aus lauter Angst, krampften sich seine Hände um den Lenker, dass die Knöchel weiss hervor traten. Tobis langer Schatten hatte die Rampenauffahrt beinahe erreicht. Die Zweifel und die Angst wurden stärker. Was, wenn er zu langsam war? Oder den Sprung am Ende nicht stehen konnte?
Im letzten Moment riss Tobi den Lenker rum und bremste. Die Räder blockierten und das Fahrrad geriet ins schlingern.

Das Knirschen von Metall auf Asphalt liess Lukas die Härchen an den Armen zu Berge stehen. Unwillkürlich hatte er die Hände vor das Gesicht gehalten und nun blinzelte er gegen das Sonnenlicht an. Das Fahrrad lag mit verbogenem Vorderrad am Fuss der Rampe. Tobi lag ein paar Meter davon entfernt benommen auf dem Asphalt. Der linke Ellbogen sah blutig aus und auch das Knie war aufgeschrammt. Etwas mühsam rappelte sich Tobi auf, befühlte seinen Ellbogen, schaute sich erst das Knie und dann das Fahrrad an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. In diesem Moment kam auch schon Lukas angerannt, klopfte ihm kräftig auf die Schulter und rief begeistert:“Du Pfundskerl, du!“ Tobi grinste nur.
Inzwischen hatte Herr Fischer das Fahrrad aufgehoben und an die Hausmauer gelehnt. Fachmännisch betrachtete er es. „Im Schuppen habe ich noch irgendwo so ein altes Rad rum stehen. Da finden wir morgen bestimmt die passenden Ersatzteile zum flicken, aber erst einmal verarzten wir deine Blessuren. Kommt!“, rief er den beiden Jungs zu. Diese lagen sich lachend in den Armen, nur schwer konnten sie sich vom Anblick der Rampe lösen. Nein, mit diesem Ausgang des Tages hatte keiner der beiden gerechnet, aber doch waren sie beide glücklich und auch ein bisschen stolz auf sich selbst und dieses krumme Ding, das in den letzten Strahlen der Abendsonne leuchtete.


Dieser Text entstand zur Aufgabe, eine Geschichte zu schreiben, die mit dem Satz „Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie …“ beginnt.

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