Blogtour | 5 Gründe, warum man „Bis ich dich finde“ gelesen haben sollte

Manche Bücher, die liest man einfach nur, in andere verliebt man sich, manche findet man gar schrecklich und dann gibt es auch noch jene Bücher, die man vergöttert, die man immer wieder aus dem Regal zieht, ein ums andere Mal liest und jedem unter die Nase bindet, egal ob er es hören möchte oder nicht.
Genau um diese Bücher geht es bei der wunderbaren Must-Read-Blogtour von Lady Smartypants und ich freue mich, darf ich ein Teil davon sein und euch heute mein absolutes Herzensbuch präsentieren. Gestern stellte euch bereits Hiltrud vom Blog ilseluise ~ Clownerie & Theologie ihr liebstes Lifestylebuch vor und morgen wird es dann bei Nina auf dem Blog Book-Blossom mit einem Young Adult Fantasy Buch weiter gehen. Ihr könnt also gespannt sein!

Aber genug Vorgeplänkel, starten wir nun damit, warum ihr Bis ich dich finde von John Irving unbedingt gelesen haben solltet!

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Darum geht’s:

Bis ich dich finde ist die die Geschichte des Schauspielers Jack Burns. Seine Mutter, Alice, ist eine Tätowiererin aus Leith. Sein Vater, William Burns, ist ein junger Kirchenorganist aus Edinburgh und ein »Tintensüchtiger«, dem nachgesagt wird, daß er sich so viele Tattoos stechen lassen wird, bis sein Körper ein einziges Notenblatt und jeder Quadratzentimeter beschrieben ist. Eine düstere Prophezeiung. Doch Alice lässt sich nicht beirren – der tintensüchtige Organist hat längst ihr Herz erobert. Als Jack vier ist, begleitet er seine Mutter auf eine Reise durch verschiedene Ost- und Nordseehäfen – Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, Oslo, Helsinki. Die beiden suchen Jacks Vater, der verschwunden ist. Aber Alice benimmt sich höchst rätselhaft, und der Vater bleibt unauffindbar. Jack wird in Kanada und Neuengland erzogen, doch geprägt – und unauslöschlich gezeichnet – wird er durch seine Beziehung zu älteren Frauen. Erst als er längst kein kleiner Junge mehr ist und als Hollywoodstar in Transvestitenrollen Triumphe feiert, bricht Jack noch einmal – allein – nach Europa auf.
Bis ich dich finde ist ein in Roman über Obsessionen und Freundschaften; über fehlende Väter und (zu) starke Mütter; über Kirchenorgeln, Ringen und Tattoos; über gestohlene Kindheit, trügerische Erinnerungen und über die Suche nach der einen Person, die unserem Leben endlich einen Sinn gibt. (Quelle: Diogenes)

Bis ich dich finde | John Irving | 1. Auflage 2006 | Diogenes Verlag | Hardcover | 1139 Seiten

»Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte.« – S.11

Dieser Roman hat mit seinen 1139 Seiten nicht nur einen beträchtlichen Umfang, er ist wohl auch das persönlichste Buch, das John Irving je geschrieben hat. Warum ihr diesen Schinken aber dennoch in die Hand nehmen solltet, verrate ich euch nun.

1 – eine Welt für sich

Eines der besonderen Merkmale von Irvings Romanen ist wohl, dass er seine Leser und Leserinnen immer in eine ganz eigene Welt entführt. Eine Welt voller Skurrilitäten, voller liebenswerten, schrägen und beschädigter Gestalten, Sex, Blumenkohlohren, Motorrad fahrenden Bären, Ringkämpfer, tragischen Todesfällen, Kirchenorgeln, lebenslangen Freundschaften und vor allem eine Welt voller Weisheiten und sowohl todtraurigen, als auch urkomischen Szenen.
Selten lese ich Bücher, die mich so eintauchen lassen in ihren ganz eigenen Kosmos, in denen ich die Figuren so genau kennenlerne und die Geschichten hautnah miterlebe. Und auch wenn auf den ersten Blick vieles recht normal und kleinbürgerlich wirkt in Irvings Geschichten, so offenbart sich hinter der Fassade doch immer eine unglaubliche Vielfalt und Diversität. Manchmal gefangen in den Konventionen seiner Zeit und wahrscheinlich auch nicht immer ganz politisch korrekt, aber immer voller Wärme und Wohlwollen und dem unerschütterlichen Glauben, dass alles seinen Platz hat in dieser Welt. Egal ob gross oder klein, gesund, krank, behindert, homo oder hetero, erfolgreich oder gescheitert, alle Formen menschlichen Lebens, Schaffens und Liebens haben Platz in Irvings Welt.
Gut, diese Merkmale passen nicht nur auf Bis ich dich finde, sondern so gut wie auf jeden Roman von Irving, aber sie sind nun mal mit ein Grund, warum dieses Buch so speziell für mich ist. Ich mag nun mal Geschichten von Menschen, deren Leben nicht immer nur gerade aus gehen und mit ungewöhnlichen Umständen zurecht kommen müssen. Und das alles bietet mir John Irving wie kein anderer.

2 – vom Hundertsten ins Tausendste

Bei manch einem Autor oder einer Autorin mag eine allzu grosse Detailverliebtheit auch ins Auge gehen, nicht so bei Irving. Jedes noch so kleine Detail hat seinen Platz in der Geschichte und trägt zu diesem fantastischen Irving-Kosmos bei. Ich rieche förmlich die Luft in der Ringhalle, höre das Summen der Tätowiermaschinen in den Studios und spüre die Anspannung vor einer Theateraufführung.
Durch diese Fülle an Details wird die Geschichte von Jacks Suchen und Finden, von seinen Verletzungen in der Kindheit und seinem Leben als Erwachsener lebendig und farbig. Und zu keiner Zeit langweilig.

3 – das Spiel mit Fiktion und Realität

Bis ich dich finde ist John Irvings persönlichster Roman, dementsprechend viele Begebenheiten aus seinem Leben finden sich in der Geschichte wieder. So lernt Irving seinen biologischen Vater erst im Erwachsenenalter kennen, wie Jack Burns auch. Folglich malen ihn sich beide in ihrer Fantasie aus und setzen ihn in ihr Publikum, der eine bei seinen Ringkämpfen, der andere für seine Theateraufführungen. Und beide, Jack und John, wurden in ihrer Jugend Opfer von sexuellem Missbrauch. John_Irving_3Über all das schreibt der Autor in diesem Buch. Und doch ist es keine Autobiographie. Neben all den Anleihen aus der Realität gibt es auch genügend Fiktion, die skurrilen Gestalten aus der Welt des Tätowierens zum Beispiel (obwohl auch da nicht alles frei erfunden ist), die Organisten, die Prostituierten und Ärzte.
Einer der Höhepunkte dieses Spiels mit Realität und Fiktion ist gewiss die im Buch dargestellte Oscarverleihung aus dem Jahre 2000, auf der Jack Burns nicht etwa den Oscar für eine seiner Rollen gewinnt, sondern jenen für das beste Drehbuch. Jenen Oscar also, den Irving im realen Leben für das Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag erhalten hat. An dieser Verleihung beobachtet Jack Burns zudem wie Michael Caine mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wird. Im Film Gottes Werk und Teufels Beitrag notabene, auch wenn dies im Buch nicht so explizit erwähnt wird. Auch im Spiel mit der Fiktion und der Realität ist Irving ein Meister seines Fachs.

4 – eine unglaubliche Themenvielfalt

Und wie sich das für einen Roman über das Leben an sich gehört, finden wir in Bis ich dich finde unglaublich viele Themen wieder. Von der Beziehung zur Mutter, über die erste Liebe, Theateraufführungen und das Leben an Internatsschulen, den Ringsport, die Kunst des Tätowierens, über den Kampf mit dem eigenen Gewicht, das Fehlen einer Vaterfigur, trügerische Erinnerungen und sexueller Missbrauch – einfach alles findet seinen Platz in diesem grossartigen Buch.
Und wer sich jetzt fragt, ob die Geschichte dadurch nicht überladen und vollgestopft wirkt, nein tut sie nicht. Denn alle Themen sind wichtig für das Leben von Jack (oder John) und haben darum ihren Platz zu recht verdient.

5 – weil am Ende alles ganz anders ist

Und wenn ihr bis hier hin noch nicht überzeugt seid, so seid gewiss, dass euch das Ende von Bis ich dich finde komplett aus den Socken hauen wird. Denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es war.
Grad im ersten Teil des Buches basiert die Erzählung auf Jacks Erinnerungen. Und diese sind wiederum geprägt von den Erzählungen seiner Mutter, die ihm nicht immer alles haarklein erzählt, sondern ein paar Infos aussen vor lässt. Genau diese Erzählungen bestimmen Jacks eigene Wahrnehmung und tragen bei zu einem Bild von seinem abwesenden Vater, einem Vater, der ihn im Stich gelassen hat. Die grosse Stärke von Bis ich dich finde ist genau dieser Moment, wo Jack und gleichzeitig auch wir Leser*innen diese Erinnerungen hinterfragen müssen. So begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Jack wiederholt die Reise, die er als Vierjähriger mit seiner Mutter gemacht hat und begibt sich auf die Suche nach seinem Vater und der Wahrheit. Inwieweit Jacks Erinnerungen der Wahrheit entsprechen, sei an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: John Irving versteht es hervorragend mit der Wahrnehmung der Leser*innen zu spielen.

»Vielleicht hatte jeder irgendwo eine versteckte Rose von Jericho, dachte Jack. Vielleicht war sie nicht immer sichtbar, sondern bloss eine andere Art von Tätowierung – etwa eine Gratis-Tätowierung. Eine, mit der man ebenso fürs Leben gezeichnet war – nur dass niemand es sah.« – S.285

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So, neugierig geworden? Ich hoffe ich konnte einigen von euch diesen grossartigen und sehr persönlichen Roman von John Irving näher bringen und ich würde mich freuen, wenn der/die ein oder andere beim nächsten Besuch in der Buchhandlung danach greifen würde.
Wer mit einem Irving nicht so viel anfangen kann (diese komische Spezies soll es ja bekanntlich geben), der darf morgen gerne bei Nina von Book Blossom vorbei schauen. Vielleicht seid ihr ja einfach mehr Young Adult Fantasy Fans?
Und wer noch mehr grossartige Buchtipps möchte, der stöbert doch einfach noch einmal durch die Teilnehmerliste der Must-read-Blogtour.

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