Rezension | Tracy Chevalier – Der Ruf der Bäume

Der Ruf der Bäume | Tracy Chevalier | aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller | Januar 2017 | Albrecht Knaus Verlag | 320 Seiten

 

»Die Bibel hat mir nie besonders viel Trost gebracht«, sagte Molly jetzt, »aber ich verstehe. dass diese Bäume es tun könnten. Sie sind jetzt schon viel, viel länger da als wir alle mit unserer Dummheit, und noch in ein paar Hundert Jahren werden sie über uns lachen, glaubst du nicht?« – S.263

Tja, was tut Frau in ihrem Skiurlaub, wenn Wind und Wetter die schönen Abfahrten auf der Piste verunmöglichen? Genau, sie kauft sich in der örtlichen Buchhandlung Lesenachschub. Und darum möchte ich heute über eine tolle Familiengeschichte, über Bäume und historische Figuren sprechen.

Familiäre Kleinkriege

Amerika im 19. Jahrhundert, es ist die Zeit des grossen Zuges nach Westen, wo zahlreiche Siedler versuchten eine neue Heimat zu finden.  So auch die Familie Goodenough die sich im Westen mit ihren Apfelbäumen eine neue Existenz aufbauen möchte. Auf ihrer Reise bleiben sie jedoch im Schlamm von den Black Swamps in Ohio stecken und versuchen gezwungener Massen dort Wurzeln zu schlagen. 50 Obstbäume müssen gepflanzt werden, damit man das Land von Gesetzes wegen sein eigen nennen kann.
Doch das Leben in den Sümpfen ist hart und verlangt der Familie und den Bäumen alles ab. Jahr für Jahr werden sie in der Erntezeit vom Sumpffieber zur Ruhe gezwungen und immer mal wieder stirbt auch eines der Kinder. Während sich James, der Familienvater ganz in seine Arbeit stürzt und seinen jüngsten Sohn Robert in die Kunst der Veredelung von Mostäpfeln einweiht, erliegt Sadie, die Mutter, dem Applejack einem starken Apfelschnaps, der ihr jeweils von John Appleseed gebracht wird, und wird zunehmend verbitterter. Appleseed ist übrigens eine von zwei weiteren historisch belegten Figuren in diesem Roman, aber dazu an einer anderen Stelle mehr.
Zwischen den Eltern entwickelt sich ein richtiger familiärer Kleinkrieg. Sadie ist überzeugt, ihren Mann treffe der Verlust seiner Kinder nicht so hart, wie der Verlust seiner Apfelbäume und so beginnt sie ihm in sein Handwerk zu pfuschen, zerstört die Reiser, treibt das Vieh auf die frisch keimenden Bäume oder verbäckt die letzten, süssen Tafeläpfel. James indes ist ganz von den Zahlen besessen und versucht alles, um 50 Obstbäume zu züchten und zieht sich komplett von seiner Frau zurück.

sequoia
Quelle: http://www.sequoiacompany.com/

In ihrem Kampf ums Überleben und in ihrer Einsamkeit in den Black Swamps werden ihre Fehden immer extremer, ziehen sogar ihre Kinder in die Streitereien rein, bis zu dem Tag, an dem ein schlimmer Unfall passiert.

Grad in diesem ersten Teil lernt man die beiden Elternteile, Sadie und James sehr gut kennen, da die Geschehnisse jeweils abwechselnd aus ihrer Sicht geschildert werden. Und beide wurden mir dadurch nicht gerade sympathisch, Sadie allerdings strapazierte meine Nerven ganz schön. In ihrer Gegenwart bekommen die Wörter Bosheit und Hinterlist noch einmal eine ganz neue Dimension. Ich kann James also ganz gut verstehen, dass er sich zu seinen Apfelbäumen flüchtet. Wobei dies wohl auch zu Sadies Bosheit beiträgt. Ein Teufelskreis.

»Hier ist es zu schwierig. Immer stirbt etwas.
Letztes Jahr haben wir keine Kinder verloren. Das ist doch schon etwas.
Wir haben neun Bäume verloren.
Ich [Sadie] fing an zu lachen. Darum geht es dir also? Um diese gottverdammten Bäume?«
– S.63

Die Liebe zu den Bäumen

Von nun an folgt die Geschichte den Spuren des jüngsten Sohnes Roberts. Nach dem Unfall müssen die fünf Goodenough Kinder ihren eigenen Weg finden und Robert zieht es weiter nach Westen zu den Mammutbäumen in Kalifornien. Über viele Jahre reist er durch das Land und wir erfahren von seinen vielen Stationen, Abenteuer und dem Goldrausch, den ihn kurzzeitig gepackt hat, nur über Briefe, die er in regelmässigen Abständen seiner Familie schickt. Ein geschickter Schachzug, der dazu führt, dass das Buch doch mehrere Jahrzehnte umfasst, aber dennoch nicht in die Länge gezogen wird. Mit seinen 313 Seiten ist es für eine historische Familiengeschichte nämlich ganz schön knapp bemessen. Die Briefpassagen lassen aber erahnen warum.
In Kalifornien erliegt Robert nicht nur der Faszination der Riesenbäume, sondern lernt auch William Lobb kennen. Dieser sammelt Samen, Sämlinge und Setzlinge von verschiedenen nordamerikanischen Pflanzen, hauptsächlich jedoch von Redwoods und Sequoien, den Riesenbäumen und verschifft sie nach England. In Robert findet er in seiner Liebe zu den Bäumen einen Verbündeten und weiht ihn in die Geheimnisse der Pflanzenkunde ein. Zusammen sammeln sie die Zapfen der Mammutbäume und verdienen gutes Geld damit.
Auf ganz andere Art verdient Billie Lapham sein Geld mit den Bäumen. Er ist nämlich der Mitbegründer und Mitbesitzer von Calaveras Grove, einem grossen Baum-Hain, der zu einem Hotel und Vergnügungsort umgestaltet wurde.

James Goodenough, William Lobb, Robert und im weitesten Sinne auch Billie Lapham verbindet wohl die Liebe zu den Bäumen. Hegte und Pflegte James noch seine Apfelbäume mehr als seine Familie, so nehmen Lobb und Robert doch ungeahnte Strapazen auf sich, um die wertvollen Samen der Bäume zu finden. Diese Bäume stehen aber auch für etwas, dass viele Siedler und in diesem Buch die Familie Goodenough so verzweifelt suchten, für einen Ort an dem sie Wurzeln schlagen und den sie Heimat nennen konnten.

Historische Figuren in einer fiktiven Geschichte

Ihr habt es bestimmt schon gemerkt, ich habe eine kleine Schwäche für Geschichten, die in irgend einer Art historisch angehaucht sind. Und besondere Freude habe ich jeweils daran, wenn historische Figuren in einer fiktiven Geschichte auftauchen. So ist das auch in Der Ruf der Bäume von Tracy Chevalier.

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© monumentaltrees.com

So hat beispielsweise Johnny Apleseed wirklich gelebt und auf seinem Kanu Apfelbäume nach Ohio und Indiana gebracht. Er könnte also gut bei der Familie Goodenough halt gemacht haben und seine Setzlinge, Samen und den Applejack verkauft haben. Auch William Lobb und Billie Lapham haben wirklich gelebt. So wachsen dank Lobbs unermüdlicher Sammelarbeit (und vielleicht auch ein wenig dank der Hilfe von Robert) einige Redwoods und Sequoien in britischen Parks und Gärten und der von Billie Lapham mitbegründete Calaveras Grove kann noch heute besichtigt werden, auch wenn das Hotel nicht mehr steht.
Tracy Chevalier hat diese historischen Figuren wirklich wunderbar in ihrem Roman eingearbeitet und ihnen Gestalt verliehen. Für mich bekommt die Geschichte dadurch ganz eine andere Tiefe und historische Einbettung, als sie dies sonst gehabt hätte.

»Vielleicht hast du recht«, sagte er [Robert] nach einer Weile. »Wie kommt es, dass du mich besser kennst als ich selbst?«
Martha lächelte. »Andere Menschen zu kennen ist leicht, sich selbst zu kennen aber nicht.« – S.239

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Ein Ende, das kein Ende ist

Während grad der Beginn der Geschichte in den Black Swamps etwas zäh zu lesen ist und beinahe wie die Goodenoughs im Sumpf stecken bleibt, so fliegt der Teil in Kalifornien nur so dahin. Die innerfamiliären Konflikte des ersten Teils sind zwar spannend zu verfolgen, aber ab und an halt in der direkten und unverblümten Sprache Tracy Chevaliers auch echt hart zu lesen und somit nichts für zartbesaitete Gemüter.
Dafür ist Roberts Geschichte wirklich toll zu lesen und spannend geschrieben. Er entwickelt sich auch zu einem interessanten Charakter, der auf der einen Seite unbeirrt seinen Weg geht und trotzdem immer nach jemandem lechzt der ihm eine Richtung und Führung gibt.
Und das Ende? Tja, das ist leider nicht wirklich ein Ende. Manch anderer Autor hätte da wohl noch gut und gerne ein paar hundert Seiten mehr dran gehängt. Denn irgendwie hört die ganze Geschichte dort auf, wo das eigentliche Abenteuer beginnt. Aber vielleicht ist das auch die heimliche Stärke dieses Buches.

Fazit

Lese-TippDer Ruf der Bäume von Tracy Chevalier ist eine tolle historische Familiengeschichte, die vor allem mit der grossen Liebe zu den Bäumen punkten kann. Nach dieser Lektüre ist man sich in jedem Fall bewusst, wie wichtig die Bäume für das Überleben der Menschen in jedweder Hinsicht waren und noch immer sind. Dabei konnten mich die unterschiedlichen Erzählmittel ebenso begeistern, wie die verschiedenen historischen Persönlichkeiten, die geschickt in die fiktive Geschichte eingewebt wurden. Fans von historischen Romanen dürften bei Der Ruf der Bäume also voll auf ihre Kosten kommen.

Weitere Meinungen

»Als Roman super, als Familiensaga nicht. Und der Umschlag verspricht eine Familiensaga. Dieses Versprechen wird in meinen Augen leider nicht gehalten.« – Lexas Leben

»Eine schicksalshafte Migrationsfamiliengeschichte in einer harten Zeit und entfesselter Natur lässt und daran denken, wie klein wir Menschen doch sind. Ein bewegender Roman, ich schmecke jedem Apfel sogleich intensiver nach, betrachte jeden Baum eindringlicher, welch ein Buch!« – Lesefieber


Über die Autorin

Die Amerikanerin Tracy Chevalier hat bisher acht historische Romane geschrieben. Ihr zweiter, Das Mädchen mit dem Perlenohrring, wurde zum Weltbestseller und mit Scarlett Johansson und Colin Firth in den Hauptrollen verfilmt. Der Ruf der Bäume ist nach Zwei bemerkenswerte Frauen und Die englische Freundin ihr dritter Roman bei Knaus.
Tracy Chevalier lebt mit ihrer Familie in London.

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

5 Kommentare zu „Rezension | Tracy Chevalier – Der Ruf der Bäume

    1. Ich hab wie keine Vergleichsmöglichkeit. Erst nach der Lektüre habe ich bemerkt, dass ich damals „Girl with a Pearl Earring“ im Englischunterricht gelesen habe. Aber ich tue mich immer schwer, deutsche und englische Bücher zu vergleichen und da ich von „Girl with a Pearl Earring“ den Film abgöttisch liebe, wäre der Vergleich wohl alles andere als objektiv. :)

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Daniela,
    ich finde deine Rezension sehr schön. Sie hat eine tolle Länge, so dass man sich eine gute Meinung vom Buch bilden kann. Das gefällt mir sehr. Bei dem Satz „und immer mal wieder stirbt auch eines der Kinder“ musste ich richtig schmunzeln. Als ob es das Normalste der Welt sei, dass immer mal wieder ein Kind stirbt! :D
    Liebe Grüße,
    Janika

    Ps: Deine selbst gemachten Bilder sind wunderschön!

    Gefällt 1 Person

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