Rezension | Elena Ferrante – Die Geschichte der getrennten Wege

»Ich hatte mich ihr zugerechnet, und ich fühlte mich verstümmelt, sobald ich mich ihr entzog. Nicht ein Einfall ohne Lila. Nicht ein Gedanke, auf den ich ohne den Rückhalt ihrer Gedanken vertraute. Nicht ein Bild. Ich musste mich ausserhalb von ihr akzeptieren.«
– aus „Die Geschichte der getrennten Wege“ S.360-361 

Die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante ist ohne Zweifel ein Phänomen und begeistert Millionen von Leserinnen und Lesern um den ganzen Erdball. Die Bücher über die zwei so unterschiedlichen Freundinnen und auch über ein ganzes Stück Weltgeschichte werden wohl auch in Zukunft noch so einige Menschen begeistern können.
Auch ich konnte mich ab einem gewissen Punkt dem „Ferrante-Fever“ nicht mehr entziehen und so stehen die vier Bände schön in Reih und Glied bei mir im Bücherregal. Die Geschichte der getrennten Wege ist nun der dritte Teil und knüpft nahtlos an die vorangegangenen Bände an.

*** Für alle, die die ersten beiden Bände der Neapolitanischen Saga nicht gelesen haben, kann die folgende Rezension Spoiler enthalten ***

Unterschiedliche Lebenswege

Der dritte Band beginnt mit der Veröffentlichung von Elenas erstem Buch und zeigt die Erfolge, die sie damit feiert. Währenddessen schuftet Lila in einer Wurstfabrik und kümmert sich um ihren kleinen Sohn. Lila bleibt auch in einer schäbigen Mietwohnung in Neapel zurück, während Elena nach ihrer Hochzeit mit Pietro nicht nur nach Florenz zieht, sondern auch in eine angesehene Familie einheiratet und in ein neues gesellschaftliches Milieu gerät. Das Band zwischen den beiden Freundinnen scheint immer dünner zu werden und auch die Ferrante_3Herausforderungen des Alltags und die Zerwürfnisse innerhalb der Familien scheinen die beiden Freundinnen voneinander zu entfernen.

Elenas Debütroman verkauft sich gut und bekommt auch begeisterte Kritiken. Dennoch bleiben auch negative Stimmen nicht aus und gar von skandalösen Szenen ist die Rede. Das alles setzt Elena sehr zu, gleichzeitig warten alle sehnlichst auf ihr zweites Buch. Als dann ihre erste Tochter zu Welt kommt, wachsen ihr die Aufgaben beinahe über den Kopf. Von ihrem Mann kommt keine Hilfe, da sich dieser ja seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen hat. Elena verkümmert zusehends, emotional wie auch intellektuell. Elenas Ehemann ist nicht gewalttätig, so wie es Stefano Caracci war, aber doch engt er sie mit seiner Ignoranz und seinem Egoismus ein.

»Eine Gemeinschaft, die es normal findet, so viel weibliche Intelligenz mit der Sorge um Kinder und Haushalt zu ersticken, schadet sich selbst und merkt es nicht mal.«
– aus „Die Geschichte der getrennten Wege“, S. 465

Elenas Probleme bekommt Lila nur am Rande mit. Sie schuftet bis zur Erschöpfung in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo und muss sich nicht nur gegen anzügliche Bemerkungen ihrer Arbeitskollegen, sondern auch gegen jene des Chefs zur Wehr setzen. Privat kümmert sie sich um ihren Sohn und lernt mit Enzo, ihrem loyalen Freund die Programmiersprache. Als sie eines Abends in revolutionären Kreisen von ihrem Arbeitsalltag berichtet, überschlagen sich die Ereignisse und eine Welle von Gewalt wird losgetreten.

Politische Umwälzungen und Feminismus

Denn ja, dieses Buch ist noch weit mehr als seine Vorgänger in der politischen Zeitgeschichte Italiens verankert. Und auch unsere Protagonistinnen sind aktiver am Geschehen beteiligt als noch in den beiden Bänden zuvor.
Die Geschichte der getrennten Wege spielt sich in den 70er Jahren in Italien ab, es ist die Zeit der Studentenunruhen, dem Konflikt zwischen Faschisten und Kommunisten (Brigate Rosse) und einer aufkeimenden Frauenrechtsbewegung. Dieser gesellschaftliche Umbruch ist als Hintergrund zur Geschichte von Lila und Elena zu betrachten und beide sind in ihrem jeweiligen Umfeld darin involviert.

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Elena engagiert sich auf der intellektuellen Ebene und konzentriert sich später auf feministische Fragen. Lila dagegen kämpft beinahe an vorderster Front in der Wurstfabrik und sammelt Informationen für die Kommunisten. Auch im Rione wird der Umgangston immer härter und der Kampf zwischen Rechten und Linken fordert Opfer auf beiden Seiten. Diese unerbittliche Gewalt verleiht dem ganzen dritten Band eine gewisse Düsternis und Ernsthaftigkeit.

Elena beginnt gar ihre Rolle als Ehefrau und Mutter zu hinterfragen und liest feministische Schriften und Pamplete. Sie begibt sich dabei auf sie Suche nach ihrer persönlichen Freiheit und ihrem Lebensweg und versucht alte Strukturen aufzubrechen und ihre Rolle zu verändern und daraus auszubrechen. Ist sie doch sowohl Hausfrau und Mutter als auch eine erfolgreiche Romanautorin, die endlich ihr zweites Buch schreiben möchte.

»Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass ich vor allem besser verstehen musste, wer ich war. Meine weibliche Natur erforschen. Ich hatte es übertrieben, hatte mich gezwungen, mir männliche Fähigkeiten anzueignen. Ich glaubte alles wissen zu müssen, mich um alles kümmern zu müssen.«
– aus „Die Geschichte der getrennten Wege“ S. 360

Getrennt und doch verbunden

Lila und Elena haben zwei grundsätzlich verschiedene Lebenswege eingeschlagen und dennoch bleiben sie verbunden und dies hat nicht zuletzt mit ihrer Herkunft zu tun. Beide verbrachten ihre Kindheit im Rione von Neapel und wurden von dessen Sitten, der Sprache und dem Benehmen geprägt. Lila lebt gar wieder in diesem Viertel und ist und bleibt ein Teil davon.
Ferrante_2Für Elena steht der Rione aber auch für alles, was sie hinter sich lassen wollte, was sie nicht mehr will und folglich versucht sie sich möglichst von ihren alten Angewohnheiten zu lösen. Das bringt ihr aber viel Unsicherheit und Selbstzweifel ein und oft erscheint sie wie ein Fähnchen im Wind, dass sich je nach Lob oder Kritik mal in die eine, mal in die andere Richtung dreht.
Die zwei Freundinnen sind sich also fremd geworden und doch auch irgendwie verbunden geblieben. Elena steht für Lila für ein Leben, dass sie nie erreicht hat. Und Lila ist für Elena alles, was sie nicht ist, selbstbestimmt und selbstsicher.

»Ich hatte nur deshalb etwas werden wollen – und das war der springende Punkt –, weil ich Angst hatte, Lila könnte sonst etwas werden, und ich würde hinter ihr zurück bleiben.«
– aus “ Die Geschichte der getrennten Wege“ S. 445

Fazit

Auch Die Geschichte der getrennten Wege, der dritte Teil der neapolitanischen Saga bietet packende Unterhaltung auf hohem Niveau und entführt den/die Leser*in ins Italien der 70er Jahre.Lese-Tipp Neben dem italienischen Flair, dass die beiden ersten Bände noch so gekennzeichnet hat, bietet die Fortsetzung nun noch etwas mehr Politik und Gesellschaftsentwicklung und es ist absolut glaubhaft, wie Lila und Elena in diesem Milieu agieren.
Auch wenn Die Geschichte der getrennten Wege über weite Teile ein gemächliches Erzähltempo anschlägt, so gewinnt die Geschichte zum Ende hin doch noch an Fahrt und ich bin schon gespannt, wie das Leben von Elena und Lila im vierten und letzten Band weiter gehen wird.

Weitere Meinungen

»Mich bewegt Elenas Ringen um Zugehörigkeit sehr. Aber ich denke, es liegt daran, dass es mir in manchen Teilen ähnlich geht.« – Frau Hemingway

»Zum Abschluss gibt es den bereits aus den beiden Vorgänger-Bänden bekannten Cliffhanger, der die Neugierde auf den Folgeband und damit den Abschluss der Saga spürbar verstärkt.« – Zeichen & Zeiten

»Die Autorin macht es einem eben nicht leicht, sondern verlangt einem als Leser ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen und Energie ab – genau das macht diese Reihe einfach so besonders und genau deswegen habe ich keine Ahnung, was mich im letzten Band erwarten wird.« – Miss Naseweiss


Über die Autorin

Elena Ferrante ist die grosse Unbekannte der Gegenwartsliteratur. In Neapel geboren hat sie sich mit dem Erscheinen ihres Debütroman im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga besteht aus Meine geniale FreundinDie Geschichte eines neuen NamesDie Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes. Diese Bücher erschienen in 50 Ländern und haben sich millionenfach verkauft. (Quelle: Buchumschlag)


Bibliographische Daten

Die Rechte am gezeigten Cover sowie den zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag.

Ferrante_Cover
© Suhrkamp
erschienen am 28.August 2017
im Suhrkamp Verlag
Gebunden, 540 Seiten
ISBN: 978-3-518-42575-6

ebenfalls erhältlich als eBook und Hörbuch

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