Rezension | Alex Capus – Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer | Alex Capus | Juli 2013 | Hanser Literaturverlag | 288 Seiten

 

»Oppenheimer zuckte mit den Schultern. Wenn die Bombe möglich ist, wird jemand sie bauen.
Wahrscheinlich.
Ganz sicher.
Fragt sich nur, wer.
Jemand der’s kann, sagte Oppenheimer. So viele sind’s nicht. Wir oder die andern, nicht wahr?« – S.215

Kurz zum Inhalt

Nur einmal in ihrem Leben können sich die drei begegnet sein und zwar 1924 am Hauptbahnhof Zürich.
Felix Bloch, der junge, pazifistische und intelligente Zürcher Jungspund, der in seinem Leben unbedingt etwas Schönes, Nutzloses und ganz und gar Zweckfreies (S.57) machen möchte und so schliesslich an der ETH Physik studiert.
Laura d’Oriano, die junge, schöne Frau, die schon als Kind mit ihrer Familie durch die ganze Weltgeschichte reist und nie so werden möchte, wie ihre Mutter, die auf der Bühne singend ihr Stumpfband her zeigt.
Und Emile Gilliéron, der Sohn eines rebellischen, blaue Jacken tragenden archäologischen Zeichners, der in die Fussstapfen seines Vaters tritt und alte Kunstwerke neu interpretiert.
Vor dieser Ausgangslage zeichnet Alex Capus nun die Lebenswege dieser drei unterschiedlichen Protagonisten, deren Wege so verschieden und doch auf eigentümliche Weise miteinander verschränkt sind.

Und wie wars?

Capus_1Ok. Ich gebs zu, ich bin ein kleiner Alex Capus Fan. Obwohl ich erst zwei Bücher dieses wunderbaren Schweizer Autors gelesen habe, so vermochte er mich doch beide Male mit seiner Erzählkunst und Wortpoesie zu begeistern. Auch wenn ich dieses Mal den Einstieg etwas harzig fand.

Die besagte Szene nämlich, wo sich unsere drei Protagonisten begegnet sein könnten, spielt sich nämlich auf den ersten 20, 30 Seiten des Buches ab. Und danach habe ich erst einmal den Zusammenhang zwischen diesen drei so unterschiedlichen Lebenswegen gesucht, aber nicht gefunden. Nach und nach entfaltete sich aber die Geschichte und die Verbindungen und Gemeinsamkeiten werden klarer.
Felix Bloch weiss nach der Matura nicht so recht, was er studieren soll. Ginge es nach dem Vater, so wäre es Maschinenbau an der ETH, dagegen sträubt er sich aber, da Maschinen seit Urgedenken zur Kriegsführung gebraucht werden. Viel mehr fühlt er sich zur Physik hingezogen, Atomphysik und Quantenmechanik, ein Studienbereich, der noch in den Kinderschuhen steckt. Bloch macht sich also in diesem Bereich schnell einen Namen und forscht mit seinen Kollegen aus aller Welt. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges emigriert er in die USA, wo er sich mit Oppenheimer und anderen Wissenschaftlern am Bau der Atombombe beteiligt. Womit er letzten Endes genau dort angekommen ist, wo er nie hinwollte und sich am Bau einer Kriegsmaschine beteiligt.
Laura d’Oriano war eines mehrere Kinder eines Künstlerehepaars und reiste bereits als kleines Mädchen von Tripolis nach Bagdad und Istanbul. Sie bewegte sich mit Leichtigkeit in den Künstlerkreisen und schon bald fasste sie den Entschluss eine grosse Sängerin zu werden, aber eine, die ohne Dekolletee und Strumpfband auskam. Diesen Traum musste sie jedoch bald begraben und so richtete sie sich ihr Leben in der Musikalienhandlung ihrer Eltern ein, bis sie einen Schweizer kennen und lieben lernte. Laura wurde Ehefrau und Mutter und der Zweite Weltkrieg zwang die Familie zur Flucht in die Schweiz. Doch das etwas eintönige und beschränkte Leben in der Schweiz war der Weltenbummlerin nicht genug und so zog es sie wieder nach Marseille, wo sie beginnt als Spionin zu arbeiten.

»Es war nicht wahr, dass Laura in ihrem Leben ein grosses Ziel verfolgte; sie hatte nur immer gewusst, was sie nicht wollte. Sie hatte kein folgsames Kind sein wollen, und kein liebreizender Backfisch, keine begehrenswerte Braut und keine zuverlässige Gattin, keine umsichtige Hausfrau und keine treusorgende Mutter – nur deshalb hatte sie sich immer aufs Treppchen gesetzt und gesungen.« –  S.228

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„Saffron Gatherer“, Fresko von Knossos © The Metropolitan Museum of Art, New York

Und Emile Gilliéron schliesslich stammt aus der kleinen Ortschaft Villeneuve und zeigt schon als kleiner Junge grosses künstlerisches Talent. Durch seinen Freigeist eckt er in dem Ort bald an und so studiert er Kunst ohne viel dafür tun zu müssen. Zusammen mit Heinrich Schliemann reist er nach Griechenland und betätigt sich auf dessen Ausgrabungsstätten als archäologischer Zeichner. Sein beruflicher Weg führt ihn weiter zum Engländer Evans, der glaubte, auf Kreta den Palast der Minoer entdeckt zu haben und nun einen Zeichner brauchte, der den Ausgrabungsstücken zu neuem Glanz verhalf. So entstanden ettliche Repliken und Duplikate, die an reiche Privatleute und weltberühmte Museen verkauft wurden.

Alex Capus versteht es nun, diese doch sehr lose scheinenden Handlungsstränge und Lebensverläufe miteinander zu verknüpfen. Die allwissende Erzählperspektive wirkt hierbei wie eine Märchenstunde bei Oma und Opa, wo aus einem ereignisreichen Leben berichtet wird. Aber es ist noch mehr, als dieses mögliche, und keinesfalls wahrscheinliche, Treffen am Zürcher Hauptbahnhof.
Dem Rekonstruieren antiker Kunstwerke, den Träumereien einer jungen Frau und der theoretischen Physik sind eines gemeinsam, die Lücken, das nicht Greifbare, die Leere und Unwissenheit darüber, was denn nun eigentlich wahr ist. Die drei Protagonisten füllen dies auf ihre ganz eigene Art und Weise aus und erfahren so – wie wir Leser*innen auch – dass alles irgendwie miteinander verbunden ist.

»Des Menschen Wissen ist immer lückenhaft, das ist unser Schicksal. Nur deshalb tragen wir letztlich Glaube, Liebe und Hoffnung in unseren Herzen – damit wir diese Bruchstücke unseres Wissens in Beziehung zueinander bringen und daran glauben können, dass das alles hienieden einen Sinn hat.« –  S.148

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Mich hat Alex Capus‘ Werk aber nicht nur durch die Rekonstruktion und Verknüpfung dieser Lebensgeschichten überzeugt. Ja, unsere drei Protagonisten haben wirklich gelebt und gewirkt, sondern auch durch die sprachliche Gestaltung des Buches. Diese Mischung aus Nüchternheit und Verspieltheit ist nahezu perfekt. Viele seiner Botschaften entdeckt man nicht nur durch die gewählten Worte, sondern stehen auch zwischen den Zeilen. Und auch wenn das Buch die Lebensgeschichte dreier unterschiedlicher Menschen erzählt, so wirkt es in keinster Weise biografisch. Capus schafft es, zwischen den „harten“ Fakten fesselnde Geschichten zu erzählen. Und auch wenn mich nicht alle Lebenswege gleichermassen packen und mitreissen konnten (Die Geschichte von Felix Bloch fand ich doch bei weitem am spannendsten), so ist das doch eine grosse Leistung.

Fazit

HighlightViel zu schnell waren die knapp 280 Seiten zu Ende. Aber auf diesen wenigen Seiten vermag es Alex Capus die unterschiedlichen Lebenswege von unseren drei Protagonisten spannend zu erzählen und miteinander zu verknüpfen. Zwischen die Fakten packt er interessante Geschichten von drei ungewöhnlichen Menschen. Besonders gelungen fand ich auch die sprachliche Gestaltung durch den nüchternen Erzählton des allwissenden Erzählers.
Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer ist definitiv ein Lesegenuss für alle, die auch gerne mal zwischen den Zeilen lesen.

Weitere Meinungen

»Man hätte aus dem Buch auch einen 2000- Seiten- Schinken machen können. Aber dies nicht zu tun, sich darauf zu beschränken, was essentiell ist: Das macht Capus zu so einem guten Schriftsteller.« – Fräulein Bücherwald

»Ein Roman, wie geschaffen für Freunde des Autors, für Leser abspruchsvollerer Literatur, die gleichsam in Worten versinken und gleichzeitig intellektuell unterhalten werden wollen. Göttliche Lektüre!« – Büchernische


Über den Autor

Alex Capus ist ein Schweizer Autor, der an der Universität Basel Geschichte, Philosophie und Ethnologie studierte. Daneben arbeitete er als Journalist bei verschiedenen Tageszeitungen.
Heute lebt Alex Capus in Olten und ist freischaffender Schriftsteller.

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