Rezension | Catharina Junk – Auf Null

Auf Null | Catharina Junk | Kindler Verlag | August 2016 | 400 Seiten

 

»Du spinnst wirklich«, wiederholt mein Vater noch einmal und boxt mich etwas unbeholfen gegen den Oberarm. Das ist eine bedeutungsvolle Geste, wenn man bedenkt, dass mein Vater mich seit der Diagnose gar nicht mehr berührt hat, damit nichts kaputt geht. (S.16)

Kurz zum Inhalt

Nina ist 20 Jahre alt und das Leben liegt verlockend vor ihr, zusammen mit ihrer besten Freundin Bahar schmiedet sie Urlaubspläne. Aber nach einem spontanen Besuch im Sonnenstudio kommt alles ganz anders. Ihr Körper ist übersät mit roten, juckenden Punkten und eine besonders schwere Grippe rafft sie dahin. Denkt zumindest Nina, doch der Arzt den sie daraufhin konsultiert überweist sie direkt in die Notfallstation des örtlichen Krankenhauses. Schnell wird Nina klar, dass die um sie herum wuselnden Ärzte nichts Gutes verheissen.Die Diagnose lautet akute myeloische Leukämie. Bahar kümmert sich aufopfernd um ihre beste Freundin, strickt ihr Wollmützen und setzt alle Hebel in Bewegung einen geeigneten Knochenmarkspender zu finden. Auch Ninas Familie ist tieftraurig.
Ein Jahr später wird Nina aus dem Krankenhaus entlassen – gesund aber noch nicht geheilt. Für Nina klingt das wie: Freu dich bloss nicht zu früh. Und sowieso ist nichts mehr so, wie es vor dem Krebs war. Mit Bahar ist sie zerstritten, ihr Bruder ist strenggläubig geworden und überhaupt kann Nina ihrem Körper nicht mehr vertrauen. Wie soll sie mit dieser zweiten Chance umgehen, wenn doch eh nichts im Leben sicher ist?

Wie war es denn nun?

Auf Null ist anders. Natürlich geht es um Krebs, um den Schock der Diagnose, die Chemotherapie, Haare die ausfallen, Depressionen nach Rückschlägen und den Kampf ums Leben. Aber es geht eben auch noch um viel mehr und zwar um ein Leben danach, wenn man sich einen Alltag ohne die täglichen Untersuchungen nicht mehr vorstellen kann und hinter jedem noch so kleine Ziehen und Zwacken im Körper der Verdacht auf einen Rückfall steht. Auf_Null_2
Wie findet man zurück in sein Leben, dass während der Krankheit ja quasi auf Pause stand? Wie besiegt man die allgegenwärtige Angst vor einem Rückfall? Und wie verhält man sich gegenüber seiner Familie, die monatelang besorgt um einen war? Hat es da überhaupt Platz für neue Begegnungen oder gar die Liebe?
Catharina Junks Buch umfasst all diese Bereiche und noch so viel mehr ohne je rührselig, nostalgisch oder kitschig zu werden. Auf Null ist ein sehr humorvolles Buch zu einem ernsten Thema.

Die Geschichte beginnt am Tag von Nina’s Entlassung aus dem Krankenhaus, wo ihr Leben quasi Auf Null steht. Denn obwohl sich Nina monatelang durch die immer gleichen Krankenhaustage gequält hat, hat sie nicht eine Sekunde daran gedacht, was wohl danach alles passieren wird, wenn sie wieder gesund ist. Ninas Leben beginnt bei Null, sie knüpft nicht einfach dort an, wo sie vor der Krankheit stand. Auch wenn sie dies lange noch gehofft hat.
Nina erzählt abweschselnd von ihrer Krankheit und wie sie versucht zurück ins Leben zu finden. Nach und nach erfahren wir so mehr über ihre Familie, ihre Freundin Bahar und was schliesslich zum Zerwürfnis der beiden geführt hat. Aber auch wie sie Partys und Konzerte besucht und versucht eine normale junge Frau zu sein.

»Vielleicht darf ich das jetzt, glücklich sein. Vielleicht darf ich aufhören, meinem Körper zu misstrauen, und vielleicht packt die doofe Tante Angst endlich ihren Zweifelkoffer und verschwindet nach Auf-nimmer-Wiedersehen?« (S.160-161)

Die Angst vor einem möglichen Rückfall ist dabei aber immer präsent und so fällt es Nina schwer, sich auf ihr neues Leben einzulassen. In dieser Erzählung ist besonders der Charakter von Nina ein absoluter Gewinn. Sie meistert nämlich alle Situationen mit einer gehörigen Prise Humor und Selbstironie. Wie gesagt, es ist ein äusserst humorvolles Buch und die sarkastischen und schonungslos ehrlichen Sprüche von Nina treffen genau meinen Geschmack. Allerdings lässt Catharina Junk ihre Protagonistin nicht einfach nur richtig sarkastisch durchs Leben gehen, sie lässt sie auch über ihr Verhalten und ihre Sprüche reflektieren. Diese Balance fand ich ganz grosse Klasse.

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Überhaupt gibt es in diesem Buch ganz ganz viele Dinge, die grosse Klasse sind. So zum Beispiel die zarte Liebesgeschichte zwischen Erik und Nina, die sich nicht einfach ins Schema F pressen lässt. Oder auch die Geschichte um Nina’s Bruder Theo, der während der Krankheit seiner Schwester zum Kind, das keinen Krebs hat, degradiert wird und so seinen Halt in der Religion sucht. Sich dann aber beinahe selbst verliert, weil er seine Sexualität verleugnet.
Dieses Buch vermag wirklich mit einer Vielzahl an Themen zu fesseln, ohne überladen zu wirken. Jedes kleine Thema bekommt seinen Raum sich zu entfalten, so dass dieses Buch nicht einfach nur die Geschichte einer Leukämie-Erkrankung ist.

»Sie darf noch nicht sterben. Sie wird geliebt und noch gebraucht. Und dann sofort mein Verstand, der sagt: Idiotin, das war noch nie ein Argument gegen den Tod.« (S.299)

Fazit

Auf Null bietet eine  ganze Bandbreite an Emotionen und nimmt uns Leser*innen mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. HighlightDabei schaffte es Catharina Junk mich so sehr mitzureissen, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nina’s Geschichte ist mitreissend erzählt, absolut lebensbejahend und ergreifend. Wer also mitgenommen werden möchte auf eine emotionale Achterbahnfahrt, witzige Dialoge und Situationskomik liebt und auch keine Angst vor ernsteren Themen und einigen dunklen Momenten hat, der dürfte mit diesem Buch einen Volltreffer landen. Mich konnte die Autorin jedenfalls voll und ganz überzeugen.

Weitere Meinungen

»Für mich ist das Buch jedenfalls Anwärter auf mein liebstes Sommerbuch diesen Jahres, denn die Geschichte um Nina hat mich tief bewegt, unterhalten und hat mir irgendwie auch, trotz einiger trauriger Momente, ein wohliges Gefühl gegeben.« – frühlingsmärchen

»Auf Null von Catharina Junk – eine Geschichte, die bewegt und einen so schnell nicht loslässt. Die Mut und Hoffnung macht, aber auch die harten Seiten des Kampfes gegen den Krebs aufzeigt. Und verdeutlicht, dass dieser Kampf nach der Genesung noch lange nicht vorbei ist.«Leselust

»„Auf Null“ ist in meinen Augen einer der besten Romane dieses Jahres. Catharina Junk setzt da an, wo viele Romane über eine Krebserkrankung aufhören. Was passiert nach dem vermeintlichen „Happy End“?« – Books in my World


Über die Autorin

Catharina Junk, 1973 in Bremen geboren, studierte Deutsche Sprache und Literatur, Psychologie und Volkskunde an der Universität Hamburg, arbeitete mehrere Jahre als Redakteurin für Fernsehserien und Reihen beim NDR und ist seit 2008 selbständige Drehbuchautorin für Film und Fernsehen. 2014 erhielt Catharina Junk für ihren ersten Roman „Auf Null / Liebe wird aus Mut gemacht“ den Hamburger Förderpreis für Literatur. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg. (Quelle: Rowohlt)

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