Rezension | Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

»Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.« (Seite 559)

Kurz zum Inhalt

Portrait of Orleans
Edward Hopper; Portrait of Orleans

Mit seinem ersten Roman landete Marcus Goldman einen Bestseller. Doch um weiter auf der Erfolgswelle reiten zu können, muss er ein weiteres Buch schreiben. Und das ist alles andere als einfach, wenn man von der Schriftstellerkrankheit befallen ist und keinen brauchbaren Satz zu Papier bringt. Hilfe suchend wendet er sich an seinen Mentor und Freund Harry Quebert, seines Zeichens ebenfalls erfolgreicher Schriftsteller.
Doch nun geschieht etwas völlig unerwartetes. Auf dessen Grundstück Goose Cove in Aurora New Hampshire wird bei Gartenarbeiten das Skelett eines jungen Mädchens zusammen mit dem handgeschriebenen Manuskript von Harry’s Erfolgsroman gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem Skelett um die 15-jährige Nola Kellergan handelt, die vor 33 Jahren spurlos verschwand. Alle Indizien deuten auf Harry Quebert als Täter. Nur Marcus ist von dessen Unschuld überzeugt und macht sich daran das best gehütete Geheimnis von Aurora zu lüften.

Wie war es nun?

Als dieses Buch 2012 das erste Mal erschienen ist, gab es einen riesen Hype um die Geschichte, den ich so gar nicht wahrgenommen habe. Ich war zu der Zeit auch bereits wieder in der Deutschschweiz und hatte mein Studium in Fribourg abgeschlossen. Hätte ich damals noch in dieser schönen Stadt an der Saane gelebt, wäre mir dieser Roman vielleicht schon früher in die Hände gefallen. Zum Glück gibt es aber für Bücher kein Verfallsdatum und so konnte mich die Lektüre auch gut fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung begeistern.

Harry_Quebert_1Was macht denn nun dieses Buch so besonders, dass ich behaupten kann, der Hype darum war absolut gerechtfertigt? Das ist nämlich ganz schön schwer zu beschreiben. Sicherlich spielt die Tatsache, dass es von der ersten bis zur letzten Seite äusserst spannend ist, eine wichtige Rolle. So bildet der geschilderte Anruf bei der Polizeizentrale, um ein flüchtendes Mädchen zu melden, nicht nur den Anfang des Buches, sondern den Anfang dieser schrecklichen Ereignisse überhaupt.

Joël Dicker konstruiert nun seine Geschichte äusserst geschickt mit mehreren Handlungssträngen und Zeitebenen. So befinden wir uns in der Gegenwart des Jahres 2008, aber auch im Jahr 1975 oder in der College und Unizeit von Marcus. Das Grundgerüst bilden drei Teile, die beschreiben, wie Marcus Goldman seinen zweiten Roman schreibt, die Geschichte über den Fall Harry Quebert, wo er alles darin verarbeitet, was er im Laufe seiner Recherchen heraus findet. Und während Marcus die Geheimnisse der Kleinstadt Aurora ergründet, erfährt auch der/die Leser*in mittels Rückblenden, Zeitungsberichten, Briefen, Erzählungen und Auszügen aus Queberst und Goldmans Romanen die Wahrheit.

»Was denken Sie, Marcus?« Es war das erste Mal, dass er mich beim Vornamen nannte. »Hatte er recht oder nicht?«
»Ich weiss es nicht.«
»Ich auch nicht. Ich weiss nur, dass das Leben eine Abfolge von Entscheidungen ist, zu denen man hinterher stehen muss.« (S.346)

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist wahrlich ein Kaleidoskop an Stilmitteln, Perspektiven, Charakteren und Erzählweisen. Und genau das macht dieses Buch meiner Meinung nach  so unglaublich spannend und interessant. Irgendwie ist es eine Liebesgeschichte, gleichzeitig aber auch ein verdammt guter Kriminalroman und ganz gehörig viel Drama bekommt der/die Leser*in auch noch geboten. Als Leser*in lässt es sich super miträtseln und mitfiebern, was denn nun eigentlich an besagten Tag im August 1975 geschehen ist. Und Joël Dicker schafft es ein ums andere Mal zu überraschen und noch eine weitere Wendung einzubauen.

Harry_Quebert_2

Zugegeben, auf die doch eher arg kitschige Liebesgeschichte hätte ich jetzt auch verzichten können. Tatsächlich waren diese Passagen des Buches, jene, die ich möglichst schnell hinter mich bringen wollte. Nola’s schmalzige Liebesbekundungen: „Oh Harry! Ich liebe dich so sehr!“ wiederholen sich für meinen Geschmack ein paar mal zu oft und wirken auch gar sehr theatralisch.

Ein Schmanckerl hingegen war das Buch im Buch und die Sicht auf den Literaturbetrieb. So dreht sich ein Grossteil der Geschichte um Marcus Goldman, den Schriftsteller, der ein neues Buch schreiben muss/will. Immer wieder dürfen wir so kleine Einblicke in seinen Schreiballtag und das Verlagswesen erhaschen. Dabei wird vor allem am rücksichtslosen Verleger kein gutes Haar gelassen. Und für angehende Autoren dürften wohl auch die 31 Ratschläge interessant sein, die Marcus von seinem Mentor Harry während seinem Studium erhalten hat und jeweils den Beginn eines Kapitels markieren.

»Worte sind schön und gut, Marcus. Aber schreiben Sie nicht, um gelesen zu werden. Schreiben Sie, um sich Gehör zu verschaffen.« (Seite 501)

Fazit

HighlightEinmal mehr zeigt sich, dass Bücher kein Verfallsdatum besitzen und es sich auch lohnt etwas ältere Bücher zu lesen und zu entdecken. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich dieses wunderbare Werk so lange auf meinem Bücherstapel versauern lassen konnte. Mit seiner einzigartigen Erzählweise, dem Zeiten-Hopping, den differenzierten Charaktere und einer Handlung, die sich uns Leser*innen erst nach und nach erschliesst, konnte mich Joël Dicker – trotz einer eher mässig gelungenen Liebesgeschichte – voll und ganz überzeugen. Wenn ihr das Buch also noch nicht gelesen habt, dann wird es nun höchste Zeit!

Weitere Meinungen

»Der ein oder andere mag das Buch kritisieren weil die Wendungen nicht überraschend genug waren oder ihm der Anteil der Liebesszenen zu hoch war. Dem kann ich nicht zustimmen, mich hat die Geschichte einfach völlig überzeugt und vor allem richtig, richtig gut unterhalten!« – Readpack

»Der Einstieg in die Geschichte fiel mir leicht und bis zur Hälfte konnte mich das Buch wirklich fesseln. Danach jedoch hatte „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ leider seinen Reiz verloren, da ich wohl zu aufmerksam gelesen habe und so einen Teil der Auflösung wusste.« – Zeilenblicke

»Eine fesselnde wie unterhaltsame Geschichte, ein wunderbarer Schreibstil und Charaktere, deren Geheimnisse und Handlungen man erst selbst nach und nach entdecken und entschlüsseln muss.« – Primeballerina’s Books


Über den Autor

Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. 2010 schloss er sein Jurastudium ab und noch im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Roman „Les Derniers Jours de nos Pères“. Für seinen zweiten Roman „La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert“ („Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“) gewann er zahlreiche Preise, darunter den Grand Prix du Roman der AcadémieFrançaise und den Prix Goncourt des Lycéens. Mit seinem neusten Werk „Le Livre des Baltimores“ („Die Geschichte der Baltimores“) konnte er an diesen überwältigenden Erfolg anknüpfen. (Quelle: Wikipedia)


Bibliographische Daten

Die Rechte am gezeigten Cover sowie den zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag.

Harry_Quebert_Cover
© Piper
erschienen am 13. August 2013
im Piper Verlag
aus dem Französischen von Carina von Enzenberg

736 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

ebenfalls erhältlich als Taschenbuch und eBook

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

10 Kommentare zu „Rezension | Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

      1. Jaa, oh der Film, da sagst du was! Der steht ja auch schon so lange im Raum, dann lief irgendetwas mit den Verträgen nicht richtig und er wurde abgeblasen … ich hoffe, dass das Projekt bald endlich wirklich realisiert wird. :)

        Gefällt 1 Person

  1. Den Hype habe ich damals auch nicht mitbekommen und bin erst letztes Jahr auf den Titel aufmerksam geworden. Deine Rezension hat mich jetzt auf jeden Fall darin bestätigt, dass ich das Buch lesen muss. Der Inhalt und auch der Aufbau hören sich nach einer interessanten und fesselnden Geschichte an, die mir sehr gefallen könnte. :)

    Gefällt 1 Person

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