Rezension | Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

Nachtzug nach Lissabon | Pascal Mercier | April 2006 | btb Verlag | 496 Seiten

 

»Wann war jemand er selbst? Wenn er so war wie immer? So, wie er sich selbst sah? Oder so, wie er war, wenn die glühende Lava der Gedanken und Gefühle alle Lügen, Masken und Selbsttäuschungen unter sich begrub? Oft waren es die anderen, die beklagten, dass jemand nicht mehr er selbst sei. Vielleicht hiess es dann in Wirklichkeit: Er ist nicht mehr so, wie wir ihn gerne hätten?« (S.467)

Kurz zum Inhalt

Raimund Gregorius ist Lehrer für Latein, Griechisch und Hebräisch an einem Gymnasium in Bern. Er ist ein stiller, in sich gekehrter Mensch mit einem immensen Wissen über die alten Sprachen. Von seinen Schülern und den anderen Lehrern wird er darum sehr geschätzt.

Kirchenfeldbrücke
Kirchenfeldbrücke in Bern © Berner Zeitung

Eines Tages begegnet er einer Frau, die im strömenden Regen auf der Kirchenfeldbrücke steht und in die Tiefe blickt. Da liegt der Gedanke, sie könnte sich in die kalte Aare stürzen, nicht allzu fern, und so spricht Gregorius sie an. Schnell zeigt sich, dass die Frau nur Portugiesisch spricht. Dennoch dringt der Lehrer zu ihr durch und nimmt sie mit in seinen Unterricht, den sie bald darauf wieder verlässt.Diese Begegnung löst etwas in Raimund Gregorius aus, so dass er mitten in der Unterrichtsstunde das Schulzimmer, seine Bücher und Schüler verlässt und ziellos durch die Gassen der Stadt Bern streift. In einer kleinen Buchhandlung entdeckt er ein Büchlein von Amadeu de Prado und ist fasziniert von dessen Gedanken. Spontan beschliesst er darum den Nachtzug nach Lissabon zu besteigen und sich auf die Spuren dieses aussergewöhnlichen Mannes zu begeben.
Diese Geschehnisse bilden die Ausgangslage für eine Reise in das Leben und Wirken von Amadeu de Prado, in die Zeit des Salazar-Regime und zu einer starken Liebe. Es wird aber auch eine Reise voller Selbsterkenntnisse und wunderbaren Begegnungen.

Wie war es?

Tja, dieses Buch lässt mich etwas unschlüssig zurück. Zum einen hat mich die Lektüre herausgefordert, da ich seit meiner Schulzeit eher weniger Literatur lese, die so stark ins Philosophische geht. Und ich muss gesehen, mancher Gedankengang war mir auch zu abstrakt. Allerdings waren es aber auch genau diese Gedankengänge und philosophischen Ausschweifungen, die dieses Buch so besonders machen.

Nachtzug nach Lissabon erzählt die Geschichte zweier grundverschiedener Männer. Da wäre zum einen Raimund Gregorius, der Lehrer am Gymnasium, der in einfachen Verhältnissen in Bern aufwuchs, sich seinen Erfolg hart erarbeiten musste und sein einsames und etwas eintöniges Leben zwischen den Büchern mag. Trotzdem reist er wie aus dem Nichts in ein fremdes Land und versucht mehr über das Leben von Amadeu de Prado heraus zu finden. Dabei beginnt er sein Leben zu überdenken, sich zu reflektieren und Entscheidungen zu hinterfragen.
Und dann ist da auch noch Amadeu de Prado, der Sohn eines adeligen Richters, der zur Zeit der Salazar-Diktatur lebt und nach dem Willen seines Vaters Arzt wird. Stets spürt er die Last der Verantwortung seinen Eltern gegenüber und beginnt sich und seine Entwicklung zu hinterfragen. Was macht uns zu dem, was wir sind. Seine Gedanken hält er schriftlich fest und dieses Buch fällt Gregorius später in die Hände. Anhand dessen rekonstruiert er das Leben des portugiesischen Arztes.
So spielt die Handlung auf zwei Zeitebenen, die immer wieder durch verschiedene Stilmittel miteinander verbunden werden. Es finden sich immer wieder Prados Aufzeichnungen, Briefe und Erzählungen aus früherer Zeit wieder, die das hier und jetzt geschickt mit der Vergangenheit verknüpfen.

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Vor allem der Beginn des Buches fand ich richtig gut. Es ist spannend Gregorius dabei zu begleiten, wie er die unerwarteten Geschehnisse in Bern aufnimmt und darauf reagiert und schliesslich ganz untypisch für ihn in den Zug nach Lissabon steigt. Eine Schlüsselrolle dabei spielt – neben dem Buch von Prado natürlich – das portugisische Wort „Português“, dessen Klang ihn so sehr fasziniert, dass er diese Sprache unbedingt lernen möchte.

»Gregorius sollte diese Szene nie vergessen. Es waren seine ersten portugisischen Wörter in der wirklichen Welt, und sie wirkten. Daß Worte etwas bewirkten, daß sie jemanden in Bewegung setzen oder aufhalten, zum Lachen oder Weinen bringen konnten: Schon als Kind hatte er es rätselhaft gefunden, und es hatte nie aufgehört, ihn zu beeindrucken.« (S.59)

Dieser Einstieg macht Lust auf mehr, vermittelt Spontanität und eine Aufbruchsstimmung, die ansteckt. Allerdings wollte diese Spontanität nicht so recht zu Gregorius passen. Nach allem, was bisher im Buch erzählt wurde, schien er mit seinem Leben recht zufrieden zu sein und warum er so plötzlich nach Portugal abreisen musste, war mir nicht ganz klar. Vielleicht ahnte er da schon, dass noch viel mehr in ihm drin steckt, dass aber nur durch eine völlig neue Umgebung zum Vorschein kommen konnte. Auf jeden Fall ist es sehr spannend zu lesen, was mit ihm geschieht, sobald er seine Komfortzone verlassen hat und wie er sich fremden Leuten anvertraut.

Das besondere an diesem Buch ist wohl die Sprache. Zum einen, welche Rolle sie innerhalb des Buches einnimmt, zum anderen aber auch, wie Pascal Mercier mit ihr spielt.
Sprache und unterschiedliche Sprachen nehmen eine grosse Rolle in der Geschichte ein. So ist es ein Wort, das Gregorius dazu veranlasst aus seinem Alltag auszubrechen. Es ist aber auch ein Wort, dass ihn fast wahnsinnig werden lässt, weil er sich nicht mehr daran erinnert. Auch in Prados Aufzeichnungen wird mit Worten und Sprache gespielt.

»Die Stille einer Kirche, oder nein, einfach die Stille, in der es auf etwas ankam, eine Stille, die man nicht mit einem beliebigen Wort beenden würde. Eine Stille, die aus Worten Skulpturen machte, Monumente des Lobs, der Ermahnung oder des vernichtenden Urteils.« (S.175)

Nachtzug_1Und dann wäre da auch noch die Sprache, der Stil von Pascal Mercier selbst. Jeder Satz ist perfekt zurecht geschliffen, jedes Wort sitzt an seinem unverrückbaren Platz. Eines muss man dem Philosophieprofessor (ja, Mercier war Professor für Philosophie an der Universität Berlin) lassen, er kann Sätze von atemberaubender Schönheit zu Papier bringen. Er spielt förmlich mit den Worten, was mich manches Mal schier sprachlos, wortlos zurück liess.
Es gab aber auch Stellen, wo mir  die sehr eloquenten philosophischen Erläuterungen zu viel wurden und fast etwas abgedreht wirkten. Da musste ich mich oft etwas zwingen, weiter zu lesen, da sie die Handlung doch ins stocken brachten und das ganze Buch etwas langatmig machten.

Fazit

Lese-TippAlles in allem empfinde ich Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier aber als ein sehr gelungenes Werk mit viel Tiefgang und einigen Stellen, die doch zum Nachdenken anregen. Es ist sicherlich keine einfach Lektüre für Zwischendurch und verlangt Konzentration. Es nimmt den/die Leser*in aber mit auf eine Reise ins Unbekannte, ins Dunkle, auf der nicht nur der Protagonist etwas über sich selbst, sein Leben, seine Fehler und Qualitäten lernt, sondern hoffentlich auch der/die Leser*in selbst. Darum ist es ganz klar ein Lese-Tipp meinerseits.

Ich möchte mich auch noch ganz herzlich bei Jennifer vom Blog Lesen in Leipzig bedanken, die dieses Buch spontan mit mir zusammen gelesen hat und bereit war zu Beginn gleich einmal gute 200 Seiten aufzuholen. Danke für den tollen Austausch und die einmalige Erfahrung!

Weitere Meinungen

»Ich kann den Nachtzug nach Lissabon jedem empfehlen, der Sprache liebt, besonders Germanisten werden sicher ihre Freude daran haben! « – Lesen in Leipzig

»Es ist tief poetisch und spannend zugleich. Es hat mich Seite um Seite mehr gefesselt und ich habe bis zum tragischen Ende mit Mundus gefiebert und gehofft.« Perspektiven & Blickwinkel

»Eine tolle Geschichte fantastisch als Hörspiel konzipiert, ich bin eingetaucht nach Lissabon und habe Gregorius begleitet auf seinen Streifzügen.«Buchmomente


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