Rezension | Federica de Cesco – Die Traumjägerin

»Wir waren Jäger der Träume, verstört und aufgeregt, weil die vergangenen Leben, die in uns pochten, so mächtig waren. Weil die Stimmen von fern her kamen und wir sie zunehmend deutlicher hörten.« (S. 216)

Kurz zum Inhalt

Seit mehr als dreissig Jahren hat Umas Grossmutter Elinor kein Wort mehr gesprochen und lebt zurück gezogen in einem Pflegeheim. In der Stunde ihres Todes verlangt sie jedoch nach ihrer Enkelin und überträgt ihr ein uraltes Vermächtnis.
Uma versteht nicht recht, was die Grossmutter von ihr will und die Bedeutung des Ganzen. Als sie immer wieder von einer unerklärlichen Unruhe erfasst wird und sich einige seltsam Dinge ereignen, beginnt Uma zu recherchieren. Dabei stösst sie auf die Spuren ihrer Ahnen in den USA, die eng mit dem Volk der Lakota verknüpft sind und langsam erwacht eine alte indianische Legende zum Leben.
Gleichzeitig wird auf einer zweiten Zeitebene die Geschichte des grossen Indianerhäuptlings Tashunka Witko (Crazy Horse) und der Legende um „Den, der niemals sterben kann“ erzählt.

Und wie war es denn nun?

Gleich mal vorne weg, ich weiss nicht, wie objektiv diese Buchbesprechung werden wird. Federica de Cesco und ich, das könnte man als harte Liebe bezeichnen, in meiner Teeniezeit habe ich ihre Bücher eins nach dem anderen weggelesen und konnte gar nicht genug kriegen von ihren starken Mädchengestalten (das waren ja noch keine Frauen in den Jugendbücher). Aber irgendwie habe ich sie, je älter ich wurde, aus den Augen verloren und nie eines ihrer Bücher für Erwachsene gelesen. Bis mir vor ein paar Wochen, ja bereits Monaten, ihr Roman Die Silbermuschel empfohlen wurde. de_Cesco_2Gelesen habe ich nun Die Traumjägerin, ein leicht mystischer und sehr stimmungsvoller Roman über die Indianische Kultur und den Geist der Vorfahren.

Und mystisch und zum Teil recht philosophisch war es wirklich. Federica de Cesco scheint frei von der Leber weg zu philosophieren, als würde sie sich all ihre Gedanken von der Seele schreiben müssen, die sie in ihren Jugendbüchern noch zurück hielt. Verknüpft mit dem indianischen Kulturgut und Mythologie bekommt die Geschichte beinahe etwas esoterisches und schwebendes. Manche der Gedankengänge waren mir gar etwas zu abstrakt. Nichts desto trotz hat man als Leser*in das Gefühl, dass de Cesco weiss, wovon sie spricht und ihr die Materie vertraut ist. Ehrlich gesagt sind diese ganzen philosophischen Gedankengänge zwar interessant zu lesen und die Mythologie dahinter auch wichtig für die Geschichte, aber wenn es einem zu viel wird, darf man gut und gerne auch einmal etwas quer lesen, ohne dass man wesentliche Dinge verpassen würde.

»Es gibt einen Unterschied zwischen Aufrichtigkeit und Einfalt. Ungekünsteltheit ist kein Unterpfand für Dummheit. Wir sind nicht dumm, nur weil es in unserer Sprache das Wort Lüge nicht gibt.« (S.151)

Auch die Protagonisten und das Setting sind eher typisch für ein Buch von Federica de Cesco, die unabhängige, starke Frau, die sich in dieser Welt behauptet oder noch behaupten muss, ein hübscher Mann aus einer fremden, mystischen Kultur, der sie zu ihren Wurzel zurück führt, ein Funken Spiritualität. Und natürlich, unweigerlich, die Liebesgeschichte.
Das alles ist zugegebener Massen nicht neu und wirkt leicht klischeehaft, aber dennoch hat dieses Buch etwas. Etwas, das einem als Leser*in mitreisst und packt, dass die Seiten nur so dahin fliegen lässt. Federica de Cesco lässt uns eintauchen in diese fremde, indianische Welt voller Mythen und Legenden und wo jedes noch so kleine Ding seinen Platz und seine Aufgabe hat. Sie philosophiert mit uns über das Leben und Sterben und ich wage gar zu behaupten, dass sie uns Denkanstösse und neue Blickwinkel anbietet. Nach der Lektüre hatte ich definitiv das Bedürfnis noch mehr über das Leben von Tashunka Witko und die indianische Kultur zu erfahren.

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»Ergriffen sah ich zu, wie sie [Elinor] stufenweise ihre Körperfunktionen einstellte, wie Muskeln und Nerven erschlafften, in einer Lockerung nach der anderen, die sie gänzlich entspannten. Eine Erlösung, die sich vor meinen Augen vollzog, deutlich sichtbar zwischen einem Hinsehen und dem nächsten.« (S. 44)

Wesentlich zu diesem tollen Lesevergnügen beigetragen hat auch de Cescos Schreibstil. Ich mag es, wie sie mit ihren Worten Bilder zeichnet, Gefühle heraufbeschwört und fremde Kulturen auferstehen lässt. Dabei wechselt sie leichtfüssig zwischen sachlichen und äusserst poetischen Passagen ab und schafft es eine Spannung zu erzeugen, die die Seiten nur so dahin fliegen lässt.

Wie bereits ganz zu Beginn erwähnt, weiss ich nicht recht, wie objektiv diese Buchbesprechung ist, denn für mich war dieses Buch von Federica de Cesco eine kleine Offenbarung und ein wieder entdecken meiner Lieblingsautorin. Das nächste Buch von ihr steht jedenfalls bereits in den Startlöchern.

Fazit

Lese-TippVor allem bekannt und berühmt für ihre Jugendbücher schreibt Federica de Cesco aber auch wundervolle Erwachsenenliteratur. Und wenn die Charaktere und der Handlungsverlauf das Rad nicht neu erfinden und reichlich mit Klischees beladen sind, so hat das Buch dennoch etwas. Mit ihren poetischen Schreibstil lässt sie uns abtauchen in eine fremde und beinahe vergessene Kultur und verzaubert mit einer Geschichte voller Mystik und Legenden. Wer sich nicht vor ein bisschen Klischee abschrecken lässt und gerne Mythen und Legenden entdeckt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.
Und natürlich auch allen, die gerne Indianergeschichten lesen.


Über die Autorin

Federica de Cesco, Tochter einer Deutschen und eines Italieners, wuchs in verschiedenen Ländern mehrsprachig auf. Mit fünfzehn Jahren schrieb sie ihr erstes Buch, den Jugendbestseller Der rote Seidenschal. In Belgien studierte sie Kunstgeschichte und Psychologie.
Sie hatte bereits über fünfzig Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben, als ihr mit Silbermuschel ein aufsehenerregendes Debüt in der Belletristik gelang. Weitere grosse und erfolgreiche Romane folgten.
Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura in der Schweiz.


Bibliographische Daten

Die Rechte am gezeigten Cover sowie den zitierten Textstellen liegen bei den genannten Verlagen.

de_Cesco_Cover erschienen am 21. September 2006
im Verlag Marion von Schröder der Ullstein Buchverlage

Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3547711110

neu nur noch als Taschenbuch aus dem Ullstein Buchverlag erhältlich

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