Rezension | Stephen King – In einer kleinen Stadt

»Die Zeiten änderten sich, ebenso die Methoden; auch die Gesichter. Aber wenn die Gesichter ein Bedürfnis hatten, dann waren es immer die gleichen, die Gesichter von Schafen, die ihren Hirten verloren haben, und es war diese Art des Geschäftemachens, die ihm am meisten lag, bei der er sich vorkam wie der wandernde Hausierer von einst, nicht hinter einem eleganten Tresen mit einer Sweda-Registrierkasse, sondern hinter einem schlichten Holztisch, wo er das Wechselgeld aus einer Zigarrenkiste herausgab und ihnen immer wieder denselben Gegenstand verkaufte.« (S. 684)

Kurz zum Inhalt

In Castle Rock, einer verschlafenen Kleinstadt, die eingefleischte King Leser*innen bereits in und auswendig kennen dürften, eröffnet ein merkwürdiges Geschäft. Es trägt den Namen „Needful Things“ und keiner kann sich etwas darunter vorstellen. Trotzdem – oder gerade deswegen – wird der Laden rege besucht und jeder scheint das Ding seiner Träume zu finden. Doch in diesem Geschäft wird nicht nur mit Geld bezahlt, der Inhaber Mr. Leland Gaunt scheint die Sehnsüchte und Schwächen jedes Einzelnen genau zu kennen und so werden die begehrten Dinge mit Streichen bezahlt. Langsam aber sicher hetzt Mr. Gaunt die Einwohner von Castle Rock gegeneinander auf bis hin zum Supergau. Nur wenige scheinen gegen seinen Zauber immun zu sein…

Wie war es denn nun?

Nun, ich muss gestehen, dass ich ganz lange nicht so recht wusste, was ich von dieser Geschichte halten soll. Ehrlich gesagt, weiss ich es noch immer nicht so genau und so ganz an etwas fest machen, kann ich dieses Gefühl auch nicht. Aber beginnen wir mal mit einigen Dingen, die ich sehr gerne mochte.

King_2Und dazu zählen mit Sicherheit Stephen King’s Schreibstil. Ich mag es manchmal ganz gerne, wenn zur eigentlichen Geschichte auch noch ein wenig Hintergrund geboten wird. Gut das „ein wenig“ ist in diesem Buch auf ein „ein bisschen arg viel“ angewachsen, aber nichts desto trotz vermag es King durch diese Hintergrundinformation ein sehr lebendiges und atmendes Bild von dieser verschlafenen Kleinstadt zu zeichnen. Und das ist mir allemal lieber, als wenn einfach alles blass bleibt. Dann quäle ich mich auch einmal durch über 330 Seiten Vorgeschichte und eine Unmenge an Charaktere. Ja, bis der gute Herr dann mal zur Sache kommt, ist beinahe die Hälfte des Buches um. Und ja, irgendwie hat mich das auch genervt. Aber nur bis ich die zweite äusserst rasante und spannende Hälfte gelesen hatte und verstand, warum all dieses Vorgeplänkel nötig war. Denn eines muss man Stephen King wirklich lassen, er versteht es zu (be)schreiben, ein kleines, feines Netz aus Andeutungen und Ungereimtheiten zu weben und den/die Leser*in so immer wieder den Atem anhalten und denken zu lassen: „Jetzt, auf der nächsten Seite geht es los.“ Was es dann natürlich nicht tut, aber ihr versteht, was ich meine.

»Er blickte mit zärtlich liebenden Augen auf die Stadt hinaus. Noch war es nicht seine Stadt, aber sie würde es bald sein. Er hatte bereits ein Pfandrecht auf sie. Sie wussten es noch nicht – aber sie würden es erfahren. Sie würden es erfahren.« (S. 403)

Wie gesagt, über gewisse Längen und endloses Vorgeplänkel kann ich auch mal grosszügig hinwegsehen, wenn ich dafür am Ende mit ganz viel Spannung und unerwarteten Wendungen belohnt werde. Was mich aber wirklich gestört hat an diesem Buch war das diffuse Thema. Mal hatte ich das Gefühl es ging um Habgier, mal um Rache und wieder ein andermal um die tiefsten Sehnsüchte und Ängste der Charaktere. Wahrscheinlich ging es um all diese Themen gleichermassen, aber da ich es nicht so recht zufassen bekam, machten die einzelnen Geschichten für mich lange einen sehr unzusammenhängenden Eindruck.
Überhaupt hatte ich manchmal etwas das Gefühl, dass Stephen King unglaublich viele Ideen hatte, die er auch noch irgendwie in dieses Buch packen wollte. Besonders die Geschichte um Frank Jewett und George T. Nelson empfand ich als absolut überflüssig, sie trug weder etwas zur Gesamthandlung bei noch wäre sie nötig gewesen. Die beiden Männer kamen auch nur gerade in ihren wenigen Szenen vor. Da hätte man gut und gerne 30 Seiten einsparen können. Und ich könnte noch ein paar weitere aufzählen.
Leider kam da auch bis auf ein paar vereinzelte Szenen der Horror und die Grusel-Schockmomente etwas zu kurz. Und der gewaltige Showdown am Ende brachte für mich leider auch nicht den gewünschten Effekt. Es hatte viel eher Ähnlichkeit mit einem Actionstreifen den einem Horrormovie.

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Was ich jedoch zum Abschluss noch positiv hervorheben möchte, sind die vielen psychologischen Aspekte, die In einer kleinen Stadt zu bieten hat. Mit seiner Beobachtungsgabe gelingt es King, die Sehnsüchte und Schwächen der Menschen (ich sage bewusst nicht, der Einwohner von Castle Rock, denn diese Sehnsüchte und Schwächen sind universell) einzufangen. Wahrscheinlich kann sich jeder in der ein oder anderen Geschichte wieder finden. Wer war nicht schon einmal eifersüchtig, litt unter dem Verlust geliebter Menschen oder kennt einen Nachbarn, der einfach nur nervt?
In diesem Zusammenhang ist auch Leland Gaunt, der Ladenbesitzer, eine interessante Figur, ihn zu beobachten, wie er die Einwohner gegeneinander aufhetzt und im Hintergrund die Fäden zieht und somit als Leser*in immer mehr zu wissen als die handelnden Personen, hat was.

»Wenn du mit mir Geschäfte machst«, sagte Gaunt und hob den Arm zum Wurf, »dann darfst du zweierlei nicht vergessen: Mr. Gaunt weiss es am besten – und der Handel ist erst abgeschlossen, wenn Mr. Gaunt sagt, dass der Handel abgeschlossen ist.« (S.310)

Fazit

Nun, In einer kleinen Stadt ist vor allem im zweiten Teil eine packende Geschichte über menschliche Sehnsüchte und Schwächen, die leider etwas Zeit braucht, bis sie in Fahrt kommt. GeschmacksacheDies ist auch gleich die grösste Schwäche des Buches, einige Geschichten waren absolut überflüssig, taten nichts für die Handlung und wirkten auf mich so, als wenn Stephen King einfach noch eine weitere Idee einbauen wollte. Leider ging dadurch auch viel von der Spannung und den Horrorelementen flöten.
Durch diese vielen, kleinen Handlungsstränge wirkte auf mich auch das eigentliche Thema sehr diffus und so konnte mich die Geschichte von In einer kleinen Stadt nicht ganz so begeistern, wie ich das gerne gehabt hätte. Einzig der Schreibstil von Stephen King vermochte mich wie gewohnt zu packen.

Weitere Meinungen

»Für alle Horror-Fans ein Muss, um das man nicht herum kommt!« – Private Readers

»Dieses Buch hat mich sehr bewegt und wohl auch die Art, wie ich mich gegenüber meiner Besitztümer verhalten habe, wieder in ein gerades Licht gerückt.« Secret diary of a nerd

»In einer kleinen Stadt (Needful Things) ist ein ordentlich dicker Wälzer, der einem den Einstieg in das Buch nicht gerade leicht macht, dann hinterher aber richtig spannend wird und eine gute Prise Mystery enthält.« – Armarium Nostrum


Über den Autor

Stephen King wurde 1947 in Portland, Main geboren und gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten amerikanischen Schriftstellern. Seine Bücher haben sich bis heute weltweit über 400 Millionen Mal verkauft und wurden in über 50 Sprachen übersetzt. Unter anderem schreibt er auch unter den Pseudonymen Richard Bachman und John Swithen.
Stephen King ist verheiratet mit der Schriftstellerin Tabitha King. Zusammen haben sie drei Kinder, wovon zwei ebenfalls als Schriftsteller arbeiten. (Quelle: Buch & Wikipedia)


Bibliographische Daten

Die Rechte am gezeigten Cover sowie den zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag.

King_Cover erschien am 1. September 2009 (Erstausgabe 1991)
im Heyne Verlag
aus dem Amerikanischen von Christel Wiemken

Taschenbuch, Broschur
880 Seiten
ISBN: 978-3-453-43399-1

 

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