Quicktipp | Lindsey Lee Johnson – Der gefährlichste Ort der Welt

Der gefährlichste Ort der Welt | Lindsey Lee Johnson | aus dem Amerikansichen von Kathrin Razum | dtv | Oktober 2017 | 304 Seiten

 

»Irgendjemand würde das Ganze beenden, dachte Cally. Tristan würde seinen Account schliessen. Er würde jemandem davon erzählen. Oder irgendein Erwachsener – seine Mutter, Ms Flax – würde merken, dass etwas nicht stimmte, würde sich in die Facebook-Welt vorwagen, sehen, was sich da abspielte, uns sie alle vom Rand des Abgrunds zurückziehen.« (S. 46)

Kurz zum Inhalt

Mill Valley ist ein paradiesisches Städtchen in der Nähe von San Francisco und der Inbegriff von Wohlstand und Sorglosigkeit. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz beschaulich, aber bei genauerem Hinsehen tun sich Abgründe auf.
Als der etwas merkwürdige Aussenseiter Tristan der bildhübschen und angesagten Cally einen Liebesbrief schreibt und dieser dann auf Facebook veröffentlicht wird, beginnt eine Hetzkampagne, die damit endet, dass sich Tristan das Leben nimmt.
Vier Jahre später wird nun aus verschiedenen Blickwinkeln berichtet, was dieses Ereignis für Auswirkungen auf Tristans Klassenkameraden hatte und wie sie mit der Frage nach der Schuld umgegangen sind.

Meine Meinung

Es gibt sie an jeder Highschool, die Schöne, den Sportler oder die Bemühten. So auch an der Highschool von Mill Valley und als einzelne Kapitel in diesem Buch. Das besondere an Der gefährlichste Ort der Welt sind wirklich die einzelnen Kapitel, die jeweils aus der Sicht eines anderen Schülers oder einer Schülerinn erzählt werden. Dabei wird jedes dieser Kapitel sehr sorgfältig aufgebaut, die neuen Protagonisten mit viel Hintergrund eingeführt. Für den ein oder anderen mag dies vielleicht etwas langatmig sein, mir macht es jedoch immer sehr viel Spass solche Charakterisierungen zu lesen. Darum habe ich es auch genossen einen Blick hinter die Fassade der Coolen und Schönen und Schüchternen zu werfen.
Denn jeder der Jugendlichen verbirgt bei genauem hinsehen ein grösseres oder kleineres Geheimnis. Als Leser erfährt man von den strengen Eltern, die ihren Sohn unter Druck setzen, damit er gute schulische Leistungen erzielt. Man liest von einem bildschönen Mädchen, dass sich von allem abkapselt und ihre Schönheit als Bürde sieht. Es wird von Alkohol- und Drogenmissbrauch erzählt, von Betrügereien, falschen Freunden und zweifelhaften Internetbekanntschaften. Und über allem schwebt die Frage nach der Schuld und „dem Leben danach“.
Und so langsam wird einem auch klar, warum der Titel dieses Buches eben so lautet, wie er das tut: Der gefährlichste Ort der Welt. Denn die Schule kann verdammt gefährlich sein, besonders wenn nur zählt, mit wem du zu Mittag ist und ob du die richtigen Klamotten am Leib trägst.
Betrachtet man die Geschichte nur oberflächlich, so beschreibt Lindsey Lee Johnson die  unterschiedlichen Archetypen an Highschool Schülern, die Coolen, die Nerds, die Cheerleader. Schaut man jedoch etwas genauer hin, erkennt man, dass sich die Charaktere nicht so einfach in Schubladen stecken lassen, sie sind Archetypen mit einem Twist quasi.
Ich habe dieses Buch in einem Rutsch durchgelesen, bin von einer Geschichte in die nächste getaucht. HighlightDer Aufbau der Kapitel entwickelt einen regelrechten Sog, dem ich nicht widerstehen konnte. So Einiges zu diesem Sog beigetragen hat auch der einerseits sehr poetische und doch auch wieder äusserst klare Schreibstil der Autorin. Sie zeichnete Bilder mit ihren Worten und liess dieses beschauliche, jedoch zum zerreissen gespannte Atmosphäre vor meinem inneren Auge lebendig werden.
Lindsey Lee Johnson hat mit ihrem Debütroman eine wirklich grossartige Geschichte geschaffen, die uns Einblicke in das Leben von Jugendlichen gibt, die alles haben und am Ende doch alleine dastehen.


Mein Dank geht an den dtv Verlag für dieses Leseexemplar. Dieser Umstand hat meine persönliche Meinung nicht beeinflusst. Die Rechte am Cover und den zitierten Textstellen liegen beim Verlag.

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