Interview | Im Gespräch mit Linne van Sythen

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, den neusten Roman der Autorin Linne van Sythen zu lesen. Er trägt den Titel Wenn du mich endlich liebst und handelt von Anna und Bardo. Mehr zum Inhalt findet ihr in meiner Rezension, die ich euch hier verlinke.
Die Geschichte entpuppte sich als äusserst angenehm zu lesen und überraschte mit so manch unerwarteten Wendung. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sich die Autorin bereit erklärt hat, ein „kurzes“ Interview mit mir zu führen. Aber lest ihre spannenden Antworten doch grad selbst.

Im Gespräch – Interview mit Linne van Sythen

Ich hatte das Vergnügen ihren neusten Roman Wenn du mich endlich liebst zu lesen und zu rezensieren. Und nun freue ich mich sehr, dass sie sich zu einem kurzen Interview bereit erklärt haben.
Würden sie sich meinen Lesern kurz vorstellen?

© Linne van Sythen

Linne van Sythen ist mein Pseudonym. In Wirklichkeit heiße ich Ursula Wohlfart. Ich arbeite mit Fulltimejob in der beruflichen Weiterbildung und nebenberuflich als Autorin. Immer ringe ich um meine Zeit fürs Schreiben – auch als verheirate Frau, als eine, die gerne Sport treibt, die einen so tollen Hund besitzt und viele Freundinnen und Freunde hat.
Mit dem belletristischen Schreiben begann ich 1993, um in Romanform eine gescheiterte
Liebe zu verarbeiten. Veröffentlicht wurde meine Herz-Schmerz- Geschichte nie. Kein Wunder. Zu wenig wusste ich über das Handwerk des Schreibens. Auf meinen Schreibtisch häuften sich die Absagen vieler Verlage. Dieser Roman mit dem schönen Titel „Herzragout“ war mein Anstoß, endlich professionell schreiben zu lernen. Die Kurse machten Spaß, ich lernte viele nette Autorinnen und Autoren kennen und blieb am Ball.
Heute habe ich inzwischen drei Romane veröffentlicht, bin ich Mitglied der Romance Alliance (http://romance-alliance.blogspot.de/), einer Gruppe von Autorinnen, deren Romane sich auf verschiedenste Weise mit dem Thema “Liebe” beschäftigen. Der rege Austausch, den wir haben, unterstützt mich ganz wunderbar.

Um sie noch etwas besser kennen zu lernen, können sie uns von ihrer Schreibroutine berichten. Wo schreiben sie am liebsten? Was versetzt sie in die richtige Schreib-Stimmung?
Ich schreibe nur in meinem Arbeitszimmer zu Hause. Klar, ich könnte meinen Laptop auch mit in den Garten nehmen mit Blick auf die Pferdekoppel meiner Nachbarin. Oder in das gemütliche Café um die Ecke … Aber ich brauche meinen großen Bildschirm, den ich an den Laptop angeschlossen habe. Und permanent auch meinen Drucker. Korrigieren und überarbeiten mache ich immer handschriftlich am Rande der ausgedruckten Seiten.
Ein Gläschen Wein beflügelt mich zu schreiben. Aber das Wichtigste ist absolute Ruhe. Also kein Telefonanruf, z. B. von einer liebesverzweifelten Freundin oder eine Störung durch Paul (mein Mann), der gerade mal wieder seinen Haustürschlüssel verlegt hat.Wenn_du_mich_endlich_liebst_1

Was inspiriert sie zu ihren Geschichten?
Meist, wenn ich interessante Menschen mit brüchigen Biographien kennenlerne. So entsteht eine Idee für eine Romanfigur, für die mich dann eine Geschichte „anfällt“. Im Kontext meiner Arbeit lernte ich z. B. eine Transsexelle kennen und die Frage „Was ist heute eine Frau, was ist ein Mann?“ ließ mich nicht mehr los. Die Protagonistin meines Psycho-Krimis Zucker auf der Fensterbank (Neues Literaturkontor, Münster) wurde also eine Frau, die ihr erstes Leben als Mann gelebt hat.
Aber es kann auch anders sein. Ich wünschte mir schon immer, viel mehr Zeit für meine abendliche Schreibsession neben dem Job zu haben, um meine phantasievolle Seite ausleben zu können. So dachte ich mir eines Tages, wie schön es doch wäre, eine Zwillingsschwester zu haben, die ich an meinen Arbeitsplatz schicken könnte, um den ganzen Tag Zu Hause tolle Geschichten erfinden zu können. So entstand die Idee zu meinem Roman „ Wenn zwei es wagen. (K)ein Liebesroman“ (Ullstein Forever), in dem sich zwei Zwillingsschwestern in einer Druckerei heimlich einen Ganztagsjob teilen. All die Turbulenzen allerdings, die meine Schwestern bei ihrem gewagten Jobsharing erleben und durchleiden – ständige Angst vorm Auffliegen, Liebeskummer, gegenseitiges Misstrauen und letztlich eine Erpressung – würden mich aber selbst den letzten Nerv kosten.

Kommen wir nun auf ihren neusten Roman zu sprechen. In “Wenn du mich endlich liebst” greifen sie gleich mehrere sehr kontroverse und schwierige Themen auf, wie zum Beispiel der plötzliche Kindstod oder Stalking. Wie kam es zu dieser Themenwahl und der Vereinigung in einem Buch?
Ja, ich habe da eine Vielfalt an herausfordernden Themen in meinem Roman u.a. auch noch „unerfüllte Liebe“, Leben mit einem eifersüchtigen Partner“, „Betrug beim Online-Dating“, „dem Kind den Vater vorenthalten und umgekehrt, dem Vater sein Kind verschwiegen“. Ich denke, dass passt auch, wenn man als Autorin einen Roman schreibt, der ca. 16 Jahre aus dem Leben ihrer zwei Hauptfiguren schildert. Da erleben die beiden eben sehr viel.
Wie hängen die Themen/ Herausforderungen nun zusammen? Ich wollte zeigen wie Bardo sich ganz allmählich zum Stalker entwickelt, nachdem er Anna jahrelang nach dem Tod ihres Sohnes und nach der Geburt ihrer Tochter als alleinerziehende Mutter liebevoll und fürsorglich unterstützt und dabei immer wieder auf die Erwiderung ihrer Liebe hofft. Ich brauchte also ein Leiden bei Anna (der Tod ihres Sohnes), so dass Bardo gerührt ist, und es ihn immer wieder zur Solidarität mit ihr antreibt. Erst als seine Hoffnung nicht aufgeht, entwickelt er sich Schritt für Schritt zum Stalker.
Viel wichtiger war für mich aber, Anna etwas Einschneidendes/Entsetzliches erleben zu lassen, nämlich den Tod ihres Sohnes, damit auch sie eine große Wunde erfährt, die ihr Handeln bestimmt. Sie glaubt nicht an den plötzlichen Kindstod, sondern gibt ihrem Freund Pit (Vater des Kindes) Schuld am Tod des Sohnes. Das treibt sie letztlich zu einem ähnlichen besessen Handeln wie Bardo. Sie schwört sich nach der Trennung von Pit ihm aus Strafe/Rache nie zu sagen, dass ihre Tochter Mo, die Monate später zur Welt kommt, seine Tochter ist und der Tochter verschweigt sie den Vater. An diesem Plan hält sie verbissen fest. Damit handelt sie ähnlich verbohrt wie Bardo, der von Anna nicht lassen kann.
Als sie das spät im Leben einsieht und ihren Fehler erkennt, kann sie auch Bardo besser verstehen. Damit muss sie sich natürlich auch die Frage stellen, ob sie Bardo, ihren Verfolger, wirklich verdammen will, wenn sie sich nicht selbst verdammen will.

Anna und Bardo, die Hauptfiguren in der Geschichte, werden von ihnen sehr anschaulich und lebensecht gezeichnet. Sie sind Menschen mit Ecken und Kanten und keinesfalls nur sympathisch. Was reizt sie an solch zwiespältigen oder vielschichtigen Charakteren?

»Mich langweilt es über gute Helden und böse Gegenspieler zu schreiben.«

Mich langweilt es absolut über „gute“ Helden und „böse“ Gegenspieler zu schreiben. Mich fasziniert es, Charaktere zu entfalten, die beide Seiten haben, eben „gut/sympathisch“ und „böse/unsympathisch“. Woher soll denn sonst Konflikt/Auseinandersetzung entstehen, der Romane fesselnd und spannend macht?
In meinem aktuellen Roman „Wenn du mich endlich liebst“ verfolgen beide Hauptfiguren besessen und auch skrupellos ein für sie wichtiges Lebensziel und verletzen sich gegenseitig und auch andere. Aber beide zeigen auch ihre liebenswerte Seite
Bardo ist ein kleiner Mann ohne Glück in der Liebe. Der geniale Werbetexter und Opernliebhaber, fern jeglicher Eigenschaften, die einen Frauenheld oder Herzensbrecher ausmachen, brilliert insbesondere durch fürsorgliches Verhalten Anna und seiner Riesendogge gegenüber.
Anna, der attraktiven und selbstbewussten Frau, ist nichts so wichtig wie ein harmonisches Zusammenleben mit ihrer Tochter und ihrer Mutter, die sie nach dem Tod ihres Vaters in ihr Haus aufnimmt. Wenn sie sich um ihre Tochter sorgt, ist sie ganz liebevolle Mutter, und für ihren neuen Freund, den absolut eifersüchtigen Mario, bringt sie so viel Verständnis auf, dass man sie manchmal schütteln möchte.
Beide Hauptfiguren sind sehr reflektiert und zeigen immer wieder auch Zweifel an ihrem Tun. Sie sind für mich total menschlich und leiden jämmerlich, je mehr sie sich in ihre gemeinsame Geschichte über Jahre verstricken. Sie sind mir beide so nahe, dass ich sie –wenn auch fiktive Figuren – nie mehr missen möchte.

In ihrem Roman geht es aber nicht nur um Liebesbesessenheit und Wahn, sondern auch um das eingestehen der eigenen Fehler und Vergebung. Was denken sie, wie wichtig sind diese Punkte für das Liebesglück ihrer Protagonisten und ganz allgemein?
Ich bin sehr froh über diese Frage. Sie fragt nach dem Kern meiner Botschaft in diesem Roman. Beide Hauptfiguren entwickeln sich im Miteinander und müssen sich letztlich mit ihren Fehlern und Irrwegen auseinandersetzen. Bardo muss bitter begreifen, wie wenig sich Liebe erzwingen lässt. Anna erkennt immer mehr, was sie ihrer Tochter und deren Vater angetan hat, ja, wie sehr sie Familienbande verhindert hat, Ob es für Bardo und Anna doch noch gegenseitige Liebe geben wird, verrate ich hier natürlich nicht.

»Sich selbst zu hinterfragen und Fehler eingestehen zu können, ist für die Liebe unerlässlich.«

Sich selbst zu hinterfragen und Fehler eingestehen zu können, ist meines Erachtens für die Liebe unerlässlich. Mich leitet da inzwischen (nach vielen Jahre Lebenserfahrung) ein Spruch von Mahatma Ghandi: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft der Stärke.“ Ich wünschte, ich hätte das eher in meinem Leben begriffen.

Als Leser interessiert man sich natürlich immer dafür, wieviel persönliches in einem Buch steckt. Beruhen einzelne Gegebenheiten auf eigenen Erfahrungen, oder auf Erfahrungen ihres Umfelds?
Teils, teils. Ich bin nie gestalkt worden, ich habe auch keine Kinder. Was ich aber mehrfach in meinem Leben durchlitten habe: an einer Liebe festzuhalten, für die es keine Chance gibt. Dennoch habe ich mich darein verbissen und nicht loslassen können. Gestalkt habe ich nicht. Aber die Realität nicht erkennen wollen (also unerwiderte Liebe), musste ihr mir schließlich bitter eingestehen. Insofern ist mir Bardo sehr nahe.
Und Fehler im Liebeshandeln habe ich bei mir oft sehr spät, zu spät erkannt und konnte sie mir und dem Gegenüber gar nicht oder nicht rechtzeitig eingestehen. Insofern steckt auch Biografisches in meinem Roman.

Arbeiten sie bereits an neuen Projekten? Können sie uns etwas darüber verraten?
Es ist im Kern wieder ein Liebesroman. Einer, der die Frage aufwirft, was es mit einer Frau macht, wenn ihr Partner, mit dem sie bisher glücklich war, sich derart einem beruflichen Ziel verschreibt, dass er damit die Beziehung in Gefahr bringt. Meine Protagonistin versucht alles, ihn zur Vernunft zu bringen, um die Liebe zu retten, und wählt dabei sogar kriminelle Wege. Damit begibt sie sich total aufs Glatteis und gefährdet sogar ihren Job. Ja, sie macht sich ihren Freund sogar zu ihrem entschiedensten Gegner und gerät immer mehr in eine ausweglose Situation.
Letztlich geht es um die Frage für sie, ob es doch noch eine Chance gibt, die bisher so glücklich erlebte Liebe zu retten. Der Roman wird also ein Beziehungsdrama. Als Liebesroman ist er nicht einer, der aufzeigt, wie zwei endlich zusammenkommen (das ist ja meistens so beim Liebesroman), sondern wie es einem Paar trotz aller Krisen gelingen kann, seine Liebe zu retten.

Gibt es abschliessend noch etwas, dass sie loswerden möchten?

Linne und Paula © Ursula Wohlfahrt

Als ich den Roman geschrieben habe, lebte Dana unsere Golden-Retriever- Hündin noch.Dana war ein Schatz von Hund und ich habe ihr oft von meinen Sorgen erzählt. Also musste ich sie irgendwie in den Roman einbauen. Zumal Bardo ja sehr einsam ist. Für den kleinen Bardo wollte ich aber ein wirkliches Pendant – also eine Riesendogge. Und mit der liebenswerten Tosca bespricht er ja all seine Sorgen und Fragen. Zwei Jahre nach Danas Tod (mein Mann und ich haben echt um sie getrauert) waren wir wieder soweit, uns einen neuen Hund vorstellen zu können. Unsere Nachbarn besitzen ein Bernhardinerpäärchen. Dieses hat vor zwei Jahren acht Hundebabys bekommen. Mein Mann war sofort Feuer und Flamme. Ich habe gezögert. So ein großer Hund im Haus? Aber dann hat mir quasi Bardo Mut gemacht. Und ich bin quasi durch meinen Roman –genau wie Bardo – selber zu einem Riesenhund gekommen.
Nun lebe ich mit meinem Mann Paul und meiner Bernhardinerhündin Paula zusammen. Wenn ich abends schreibe, liegt sie neben mir auf dem Teppich und gibt so ab und an einen begeisterten oder kritischen Kommentar zu meiner Schreibe ab. Wie ich diesen Hund liebe!!! Und wie erstaunt ich bin, mir das jetzige Leben mit einem Riesenhund vorweg geschrieben zu haben.

Ich möchte mich abschliessend noch einmal ganz herzlich bei ihnen für ihre Zeit, Mühe und Unterstützung bedanken. 

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