[Buchbesprechung]: „Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante

»In der Schule trug ich einen schlecht sitzenden schwarzen Kittel. Was dachte sie wohl, die Professoressa, was unter diesem Kittel war, Unterkleider, Unterwäsche wie ihre? Da war aber Unzulänglichkeit, da war Armut, schlechte Erziehung.« (S. 193)

Erster Satz

Im Frühling 1966 vertraute Lila mir in höchster Aufregung eine Blechschachtel mit acht Schreibheften an.

Verlagstext

Lila und Elena sind sechzehn Jahre alt, und sie sind verzweifelt. Lila hat noch am Tage ihrer Hochzeit erfahren, dass ihr Mann sie hintergeht – er macht Geschäfte mit den allseits verhassten Solara-Brüdern, den lokalen Camorristi. Für Lila, arm geboren und durch die Ehe schlagartig zu Geld und Ansehen gekommen, brechen leidvolle Zeiten an. Elena hingegen verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Studenten, doch der scheint nur mit ihren Gefühlen zu spielen. Sie ist eine regelrechte Vorzeigeschülerin geworden, muss aber feststellen, dass das, was sie sich mühsam erarbeitet hat, in ihrer neapolitanischen Welt kaum etwas gilt.

Trotz all dieser Widrigkeiten beharren Lila und Elena immer weiter darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen, auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen müssen, bisweilen brutal ist. Woran die beiden jungen Frauen sich festhalten, ist ihre Freundschaft. Aber können sie einander wirklich vertrauen? (Quelle: Suhrkamp)

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Meine Meinung

Zugegeben, ich habe ja etwas gebraucht, bis ich mich nach dem ersten Band der neapolitanischen Saga nun auch an den zweiten heran getraut habe. Und habe ich den ersten noch gut, aber nicht überragend gefunden, so wurde ich von dieser Fortsetzung gerade zu mitgerissen. In nicht einmal einer Woche habe ich die gut 620 Seiten verschlungen und warte nun sehnsüchtig auf den Mittwoch, wo der dritte Teil in die Läden kommt.

Dort wo der erste Band aufgehört hat, steigt nun Die Geschichte eines neuen Namens wieder ein, bei der Hochzeit von Lila und Stefano nämlich, wo aus Lila Cerullo Signora Carracci wird. Sie bekommt damit nicht nur einen neuen Namen, sondern es wird ihr auch ein Lebensentwurf aufgezwungen, dem sie sich nicht fügen will. Sie möchte ihre Wünsche nicht zurück stecken, früh Kinder kriegen und sich um ihren Mann und den Haushalt kümmern. Die Folgen ihres „Ungehorsams“ sind Schläge, Misshandlungen und heftige Ehestreitigkeiten.

»Von klein auf hatten wir gesehen, wie unsere Väter unsere Mütter schlugen. Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ein Fremder uns keinesfalls anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte, aus Liebe, um uns zu erziehen und uns zu bessern« (S.64)

Elena (auch Lenù genannt) besucht weiter die Schule, geht ans Gymnasium und kämpft sich mit eiserner Disziplin bis zum Abitur vor. Sie nimmt sogar ein Studium in Pisa in Angriff und verschreibt sich ganz dem Lernen. Allerdings muss sie immer wieder feststellen, dass sich ihre Herkunft trotz aller Bildung nicht verheimlichen lässt. Im Rione ist sie nicht mehr richtig zu Hause, zu gebildet ihre Ausdrucksweise, zu anders ihr Verhalten. Aber zu den Studenten aus wohlhabendem Haus gehört sie auch nicht recht dazu, zu anders ihr Dialekt und ihre Kleidung.

Ferante_2Wie schon im ersten Teil lässt sich auch in Die Geschichte eines neuen Namens kein richtiger Handlungs- und Spannungsbogen finden. Erzählt werden alltägliche Erlebnisse, kleine Abenteuer und Konflikte, die wohl jeder schon einmal so oder ähnlich erlebt hat. Und genau darin liegt auch der Zauber dieser Geschichte. Auf den geografischen Raum vom Rione, Neapel und Ischia beschränkt, erhalten wir Leser Einblick in den Mikrokosmos der im Buch erwähnten Familien, in krumme Geschäfte, häusliche Gewalt, aber auch in all die Irrungen und Wirrungen der Liebe und einer treuen Freundschaft. Wie sehr konnte ich mich mit Lenù identifizieren, mit ihren Selbstzweifel und Ängsten und stets im Schatten der alles überstrahlenden Freundin.

»Ich bin was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich zu akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss.« (S. 402)

Zu den faszinierendsten Aspekten dieses Buches gehört wohl die Beschreibung der Freundschaft von Lila und Lenù. Dieses ungleiche Paar pendelt zwischen Bewunderung und Verachtung, Liebe und Hass aber auch zwischen Nähe und Distanz hin und her. Immer scheint ein Wettstreit um das Krönchen der Besseren, der Schlaueren, der Hübscheren zu herrschen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass Lila das Glück und den Erfolg von Elena nur schlecht ertragen kann und es ihr nicht gönnt. Ferrante beschreibt so zahlreiche spannungsgeladene Situationen zwischen den Freundinnen, die sowohl äusserst alltäglich, als auch psychologisch unglaublich spannend zu verfolgen sind.

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Dieser scharfe Blick ermöglicht es Ferrante aber auch gleichzeitig nicht nur von dieser Freundschaft zu berichten, sondern noch so viel mehr in ihrer Geschichte zu verstecken. So erzählt sie von Heimat, vom Italien der sechziger Jahre, von auferzwungenen Lebensentwürfen und festgefahrenen Geschlechterrollen, von Identität, Gewalt und Liebe und dem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, ein Ausbrechen aus den gewohnten Strukturen.

Fazit

Der zweite Teil der neapolitanischen Saga Die Geschichte eines neuen Names vermochte mich mitzureissen und zu begeistern. HighlightElena Ferrante erzählt hier die Geschichte einer Frauenfreundschaft feinfühlig und wunderbar tiefsinnig. Die Figuren werden mit Leben und Charakter gefüllt, so dass sie einem berühren und man sich freut, sie begleiten zu dürfen. Trotz des schlichten Schreibstils und der einfachen Worte hat dieses Buch eine unglaubliche Kraft.
Und nun warte ich sehnsüchtig auf Mittwoch und das Erscheinen des dritten Bandes.


Über die Autorin

Elena Ferrante ist die grosse Unbekannte der Gegenwartsliteratur. In Neapel geboren hat sie sich mit dem Erscheinen ihres Debütroman im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga besteht aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Names, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes. Diese Bücher erschienen in 50 Ländern und haben sich millionenfach verkauft. (Quelle: Buchumschlag)


Verlagsinfo

Ferrante_Cover
© Suhrkamp Verlag
Erschienen am 10. Januar 2017
im Suhrkamp Verlag
übersetzt von Karin Krieger

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
623 Seiten
ebenfalls erhältlich als eBook
ISBN:978-3-518-42574-9

Band 3 erscheint am 23. August diesen Jahres, Band 4 voraussichtlich im Januar 2018.

Die Reihe

Meine geniale Freundin | Die Geschichte eines neuen Namens | Die Geschichte der getrennten Wege | Die Geschichte des verlorenen Kindes

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

2 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante

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