[Buchbesprechung]: „Eleanor Oliphant is completely fine“ von Gail Honeyman

»There are scars on my heart, just as thick, as disfiguring as those on my face. I know they’re there. i hope some undamaged tissue remains, a patch which love can come in and flow out. I hope.« (S. 85)

Erster Satz

When people ask me, what I do – taxi drivers, dental hygienists – I tell them I work in an office.

Verlagstext

Eleanor Oliphant leads a simple life. She wears the same clothes to work every day, eats the same meal deal for lunch every day and buys the same two bottles of vodka to drink every weekend.
Eleanor Oliphant is happy. Nothing is missing from her carefully timetabled life. Expext, sometimes, everything,
One simple act of kindness is about to shatter the walls Eleanor has built around herself. Now she must learn how to navigate the world that everyone else seems to take for granted while searching for the courage to face the dark corners she’s avoided all her life.
Change can be good. Change can be bad. But surely any change is better than fine?

Eleanor_Oliphant_2

Meine Meinung

Jetzt sitze ich bestimmt schon eine halbe Stunde vor meinem Computer Bildschirm und weiss nicht so recht, wie ich den Einstieg in die Rezension zu dieser Geschichte finden soll. Zu viel möchte ich sagen über dieses Buch, wie es mich berührt hat, wie es mich aber auch manches mal mit einem Kopfschütteln zurück gelassen hat. Und wie ich auch ein kleines bisschen stolz auf mich selbst bin, dass ich seit langem wieder einmal ein Buch auf Englisch gelesen habe.

Eleanor Oliphant führt ein einfaches, geregeltes Leben, sie steht jeden Tag zur selben Zeit auf, isst das gleiche Mittagessen jeden Tag, löst ihre Kreuzworträtsel und kauft sich für das Wochenende jeden Freitagabend zwei Flaschen Wodka. Eleanor scheut den Kontakt mit ihren Arbeitskollegen und überhaupt mit jeglicher sozialer Interaktion. So verbringt sie manche Tage, ohne dass sie ein Wort spricht. Die Frage nach dem Warum bleibt fast bis zum Schluss unbeantwortet. Einzig in den wöchentlichen Telefongesprächen mit ihrer Mutter lassen sich Andeutungen finden.
Der Lauf der Geschichte zwingt Eleanor jedoch aus ihrem Schneckenhaus zu kommen. Zusammen mit ihrem Arbeitskollegen Raymond beobachtet sie nämlich, wie ein alter Mann zusammen bricht und einen Herzinfarkt erleidet. Sie leisten erste Hilfe und kommen so in Kontakt mit der Familie des Opfers. Zum ersten Mal erlebt Eleanor so etwas wie Freundschaft und familiären Zusammenhalt.
Und dann verliebt sie sich.

»Grief is the price we pay for love, so they say. The price is far too high.« (S. 238)

Eleanor ist ein Charakter der stark polarisiert. Als Leser erhalten wir einen sehr genauen Einblick in ihre Gedankenwelt, da sie uns die Geschichte grad selbst erzählt. Und grad zu Beginn kommt Eleanor selbst nicht unbedingt gut weg. Sie wirkt geradezu überheblich und arrogant und scheint sich ganz bewusst von ihren Mitmenschen zu distanzieren. Sie stellt ihre gewählte Ausdrucksweise und ihre mustergültigen Manieren zur Show. Eleanor_Oliphant_3Gleichzeitig weiss sie jedoch nicht, dass bei Starbucks die Namen auf die Pappbecher geschrieben werden, oder wie man das Internet nutzt. Auch in sozialen Situationen ist sie extrem unbeholfen und erstellt sich quasi Pläne, wie sie in welchen Situationen zu reagieren hat. Ich kann also jeden verstehen, der sie absolut unsympathisch findet und mit ihren Charakter zu kämpfen hat. Je mehr ich Eleanor allerdings kennen lernte, desto mehr sah ich auch all ihre psychischen und sozialen Probleme, die emotionale Deprivation, ihre Traumata und die grosse Abwesenheit von Liebe in ihrem Leben.
Eine „normale“, gesunde Liebe hat sie nie kennen gelernt, weder von ihrer Mutter, noch von ihrem Ex-Freund, der sie geschlagen und gedemütigt hat. Also ist es da verwunderlich, dass sie sich in einen Musiker verliebt und sich in Tagträumen und Schwärmereien vergisst? Sie glaubt, er ist ihr Schicksal, der Mann für die Ehe und Kinder.
Für Eleanor war es eine Offenbarung, als ihre Therapeutin sie zum Ende des Buches hin fragte, und was den mit ihren emotionalen Bedürfnissen gewesen sei. Bis anhin konzentrierte sie sich nur auf ihre physischen Bedürfnisse, Nahrung, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, aber dass ein Mensch auch emotionale Wärme, Geborgenheit und Liebe benötigt, war ihr komplett fremd. Betrachtet man ihre Schwärmerei für diesen Star aus diesem Blickwinkel, scheint es mir nur logisch, dass sie sich da in etwas verrennt. Einen „normalen“ Umgang mit diesen Emotionen hat sie nie gelernt.

»She looked at him with so much love that I had to turn away. At least I know what love looks like, I told myself. That’s something. No one had ever looked at me like that, but I’d be able to recognize it if they ever did.« (S. 106)

Und da kommt nun Raymond ins Spiel, als Gegenpart quasi. Durch ein Computer Problem lernen sich Eleanor und Raymond kennen und er ist der einzige, der sich durch ihre abweisende Art nicht abschrecken lässt. Und auf seine unperfekte Art ist Raymond einfach nur perfekt. Ganz ohne Waschbrettbauch und gut sitzende Klamotten, dafür mit ganz viel Herz und einer gehörigen Portion Optimismus ist er Eleanor genau der Freund, den sie braucht, eine Konstante in ihrem Leben.

Eleanor_Oliphant_1

Ihr seht, mich hat vor allem der psychologische Ansatz in diesem Buch begeistert, wie Menschen Traumata erleben, verarbeiten und wie sie ihr ganzes weiteres Leben bestimmen und begleiten. Aber auch, dass aus einer Negativspirale ausgebrochen werden kann und Menschen ihr Verhalten ändern können. Und genau aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre dieses Buches. Es werden so viele ernste Themen angesprochen, Alkoholismus, Deprivation, Einsamkeit und Depressionen um nur ein paar zu nennen.
Die Handlung ist zugegebener Massen stellenweise etwas mau und unglaubwürdig und hätte mich ohne die psychologische Dichte der Figuren und Eleanor’s Seelenleben nicht bei der Stange gehalten. Seitenweise passiert nämlich einfach nichts, der Leser bekommt nur Eleanor’s Alltagsbeobachtungen oder Schwärmereien für den Musiker zu lesen, was manchmal zwar ganz amüsant ist, aber alles in allem hat man es auch schnell gesehen. Allerdings hat mich ihre Entwicklung über das gesamte Buch hinweg wirklich so begeistert und gepackt und barg für mich genug Spannung, dass ich über die lasche Handlung gut hinwegsehen konnte. Besonders die letzten beiden Buchteile „Bad Day“ und „Better Days“ dürften für psychologisch interessierte Leser spannend sein.

testÜbrigens habe ich dieses Buch im Rahmen der BUCHWeltreise von Yvonne von umgeBUCHt gelesen und bin zusammen mit Eleanor und Raymond durch die Strassen Glasgow’s gestreift und tief in die menschliche Psyche abgetaucht. Mehr Informationen findet ihr auf Yvonne’s Blog.

»If someone asks you how you are, you are meant to say FINE. You are not meant to say that you cried yourself to sleep last night because you hadn’t spoken to another person for two consecutive days. FINE is what you say.« (S. 270)

Fazit

Lese-TippMit ihrem Debütroman Eleanor Oliphant is completely fine hat Gail Honeyman ein vor allem psychologisch sehr interessantes und lesenswertes Werk abgeliefert. Auch wenn die Handlung stellenweise wirklich etwas lasch war, konnten mich die psychologisch interessanten und sehr unterschiedlichen Figuren absolut begeistern. Raymond und auch Eleanor habe ich in mein Herz geschlossen. Und so wurde ich über einige Längen und Unwahrscheinlichkeiten getragen. Vor allem für psychologisch interessierte Leser dürfte dieser Roman also spannend sein.


Über die Autorin

Gail Honeyman lebt und arbeitet in Glasgow. Während sie ihren Debütroman schrieb, arbeitete sie nebenbei Vollzeit und wurde auf die Shortlist für den Lucy Cavendish Fiction Prize gesetzt.


Verlagsinfo

Eleanor_Oliphant_Cover.png
© Harpercollins

erschienen am 18. Mai 2017
im Verlag Harpercollins

Paperback
386 Seiten
ISBN: 978-0-00-819593-9
auch erhältlich als Hardcover oder eBook

ebenfalls auf deutsch erhältlich im Bastei-Lübbe Verlag

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

11 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Eleanor Oliphant is completely fine“ von Gail Honeyman

    1. Guten Morgen Jill,
      ich war also auch sehr überrascht von der psychologischen Dichte. Irgendwie hätte ich das nicht erwartet, vor allem weil ich auch das farbenfrohe Cover der deutschen Ausgabe kenne.
      Eleanor als Charakter ist halt schon sehr speziell und wenn du sie nicht magst, dann wirst du schwerlich auch das Buch mögen, aber das weisst du ja nicht vorher. Darum probier es aus! Ich wurde sehr positiv überrascht. 🙂
      Grüessli, Nela

      Gefällt mir

  1. Hallöchen 🙂
    auch wenn mir das Buch weder vorher noch jetzt nach deiner Rezension zusagt, hat mir dein Einblick sehr gefallen. Ich versuche mich derzeit auch wieder an englischen Büchern, weil ich die Sprache so wunderschön finde. Ich merke dann meist nach den ersten Seiten, wie ich sofort wieder drin bin und es genießen kann.
    Liebe Grüße
    Jule

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Jule,
      Geschmäcker sind verschieden und das ist auch gut so.
      Ich mag die Englische Sprache auch sehr, vieles wirkt einfach knackiger und passender. Grad bei Einigen Zitaten aus dem Buch habe ich das wieder gemerkt. Auf Deutsch sind es ellenlange Sätze und im Englischen ist es kurz und knackig 🙂
      Ich hab grad wieder richtig Lust auf Englisch zu lesen, vor allem, weil es auch so gut geklappt hat.
      Grüessli, Nela

      Gefällt 1 Person

  2. Hey!
    Ich habe es auf Deutsch hier stehen und sollte es wirklich mal lesen.
    Aufgrund meiner Arbeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie bin ich natürlich sehr auf den psychologischen Aspekt und die Umsetzung im Buch gespannt.

    Eine wirklich schöne Rezension!

    Liebe Grüße,
    Nicci

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