[Buchbesprechung]: „Summertime – die Farbe des Sturms“ von Vanessa Lafaye

»Das war ich. Ich habe dich herbei gerufen Agaou [den Sturm]. Einen Neuanfang für Heron Key, das war es, was ich wollte. Aber wie immer hatten Wünsche ihren Preis. Und wie es aussah, war er diesmal besonders hoch(S.327)

Erster Satz

Die schwüle Luft fühlte sich wie Wasser in der Lunge an; man kam sich vor, als ertrinke man.

Verlagstext

Ein Sturm zieht auf, der alle Geheimnisse ans Tageslicht bringen wird…
Florida, 1935. In Heron Key sind die Beziehungen zwischen den Einwohnern so verworren wie die Wurzeln der Mangrovenbäume. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Henry die Stadt verlassen hat, um in Europa zu kämpfen. Die ganze Zeit hat Missy auf ihn gewartet. Als gutes Dienstmädchen kümmert sie sich um das Baby und das Haus der Familie Kincaid und zählt bis zu seiner Rückkehr die Sterne. Nun ist er zurück, doch in dem Veteranen erkennt sie kaum noch den einst stolzen Mann. Als eine weiße Frau in der Nacht vom 4. Juli halbtot am Strand gefunden wird, gerät Henry in Verdacht. Während die Anspannung in der kleinen Stadt weiter ansteigt, fällt das Barometer – der verheerendste Tornado aller Zeiten zieht auf. Im Auge des Sturms offenbaren sich Tragödien, lüften sich Jahrzehnte alte Geheimnisse – und Missys und Henrys Liebe wird auf die Probe gestellt. (Quelle: Randomhouse)

Dieses Buch habe ich unter anderem für das Projekt BUCHweltreise von Yvonne gelesen und habe zusammen mit Missy und Henry gegen die Rassengesetze gekämpft und der Zerstörungswut des Tornados getrotzt. Für mehr Informationen genügt ein Klick auf das Banner.

Beeren_und_Buecher

Meine Meinung

Wie sehr man sich doch in einem Buch täuschen kann. Das fröhliche und Farbenfrohe Cover lassen auf eine ebenso fröhliche und leichte Geschichte schliessen, doch weit gefehlt. Vanessa Lafaye’s Roman ist vielmehr eine genau Studie der damaligen Zeit, der Rassenkonflikte und Lynchjustiz und taucht ab in die dunkelsten Winkel der menschlichen Psyche.

Florida, Mitte der 30er Jahre. Der erste Weltkrieg ist vorbei, aber nach wie vor liegen viele Dinge im Argen. So herrscht eine strikte Rassentrennung, mit getrennten Bereichen für die Schwarzen und Weissen am Strand, im Lebensmittelgeschäft und gar für die Lage ihrer Wohnhäuser. Einhergehend mit diesen Rassentrennungsgesetzen greift eine allgemeine Unzufriedenheit um sich, die bis hin zur Selbstjustiz reicht. So sind auch die Beziehungen der weissen und farbigen Bevölkerung von Heron Key so fragile und verworren, dass nur ein Tropfen nötig ist, um das Fass zum überlaufen zu bringen.
In dieses aufgeheizte und spannungsgeladene Klima kehren Kriegsveteranen aus dem 1. Weltkrieg zurück. Gebrochene und desillusionierte Männer, die in einem Lager untergebracht werden, trinken, fluchen und sich nicht gerade angemessen benehmen.
Doch nicht nur die Veteranen sorgen für Unruhen, sondern jeder der Einwohner von Heron Key hat ein grösseres oder kleineres Geheimnis zu verbergen. Wer ist der Vater des „milchkaffeefarbenen“ Baby’s der Campbells, eines hellhäutigen Ehepaars? Oder wo vertreibt sich Mr. Kincaid die Zeit, wenn er seiner unglücklichen Ehe entfliehen will? Und nicht zuletzt, wer liess Hilda Kincaid brutal zusammengeschlagen und schwer verletzt im Strassengraben zurück?
Und über all dem braut sich ein gewaltiger Sturm zusammen…

»Sie sind aber nicht wie du und ich«, zischte Ronald ihn an. »Absolut nicht. Und wenn du nicht tust, was getan werden muss« – er setzte sich wieder hin und kreuzte die Arme vor der Brust -, »dann werden die Bürger dieser Stadt diese Aufgabe übernehmen.«
Dwayne gefiel das fiebrige Flackern in seinen Augen ganz und gar nicht. Er hatte es allzu oft im Schein von brennenden Kreuzen gesehen.
(S. 162)

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Diese Geschichte hat mich wirklich überrascht. Summertime ist kein Buch, dass sich eben mal so schnell weg liest und sommerlich leichte Lektüre ist. Die Autorin vermag es viel mehr die schwelenden  Konflikte und Unzufriedenheiten der Bewohner deutlich zu machen. Was manchen vielleicht als langatmig und wenig interessant vorkommen mag, empfand ich als äusserst spannend. Der Roman bekommt so eine Tiefe und Vielschichtigkeit, die ich mag. So werden Kriegstraumata ebenso thematisiert, wie Armut, Rassentrennung, Gewalt in der Ehe und jedwegliche Beziehungskisten. Selbst Voodoo Zauber finden ihren Platz.
So vermag Vanessa Lafaye ein äusserst detailreiches und stimmiges Bild der damaligen Zustände und Umstände zu zeichnen. Und dies tut sie nicht nur aus der Sicht einer Person oder eines Erzählers, sondern so gut wie jeder Charakter kommt zu Wort. Das mag zu Beginn etwas verwirrend sein und es verlangt ein genaues lesen, jedoch unterstützt dieser Umstand eben diese Vielschichtigkeit, die ich mag.
Zudem vermag die Autorin den Hurrikan geschickt zu nutzen, als äusserliche Manifestation der inneren Unruhe der Inselbewohner. Den auf diese innere Unruhe konzentriert sich ein grosser Teil des Romans. Nicht nur der Wirbelsturm wirbelt die Gemüter durcheinander, sondern auch mit der eigene Zerstörungswut und inneren Unzufriedenheit haben die Figuren zu kämpfen.

»Es war, als hätte der Zweifel das gesamte Fundament seines Lebens untergraben und in sich zusammenfallen lassen. Er wollte, dass es wahr war. Es musste wahr sein.« (S.221)

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Die eigentliche Hauptattraktion des Buches, der Hurrikan, tritt erst auf den letzten Buchseiten in Erscheinung, dafür aber umso heftiger. Auch hier zeichnet Vanessa Lafaye ein realistisches Bild der Zerstörungswut dieser Naturgewalt. Die Ausmasse der Zerstörung sind unbeschönigt beschrieben und als Leser fiebert man mit, wie Heron Key die Katastrophe übersteht und ob sie den gewünschten Neuanfang bringt.

Ebenfalls absolut lesenswert sind die geschichtlichen Vor- und Nachbemerkungen der Autorin, da der Sturm nicht etwa eine ausgedachte Katastrophe ist. Am Labor Day 1935 zog in Florida der wohl schlimmste bis dato registrierte Wirbelsturm über das Land hinweg und brachte Zerstörung und Tod mit sich. Dieses Buch schildert somit fiktive Ereignisse rund um einen realen Wirbelsturm. Allerdings habe ich als Leser das Gefühl, dass es sich wirklich so zugetragen haben könnte.

Fazit

Summertime – Die Farbe des Sturms von Vanessa Lafaye ist ein spannender Roman, in dessen Zentrum nicht nur ein alles zerstörender Hurrikan steht, sondern auch die inneren Kämpfe und Unzufriedenheiten der Bewohner von Heron Key. HighlightDiese gipfeln in persönlichen Machtkämpfen, Rassentrennung und Lynchjustiz und zeigen so ein sehr realistisches Bild der 30er Jahre in Florida.
Dieses Buch war für mich ein absolutes Lesehighlight, lasst euch vom farbenfrohen Cover nicht täuschen. Es spiegelt nämlich nur die aufgesetzte Fröhlichkeit der Einwohner von Heron Key wieder. Die Geschichte geht jedoch um einiges tiefer, ist vielschichtiger und weist einen wahren Kern auf.


Über die Autorin

Vanessa Lafaye wurde in Talahasse geboren und wuchs in Tampa, Florida, auf, wo kaum ein Jahr ohne Wirbelstürme vergeht. 1987 kam sie das erste Mal nach England, suchte das Abenteuer – und wurde fündig. Nach Zwischenstopps in Paris und Oxford lebt sie nun mit ihrem Mann in Marlborough, Wiltshire.
Vanessa Lafaye leitet dort den örtlichen Gemeindechor und verbringt ihre Freizeit am liebsten mit Musik und Schreiben. (Quelle: Buchumschlag)


Verlagsinfo

Summertime_Cover
© Limes Verlag

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl
Originaltitel: Summertime
Originalverlag: Orion, London 2015

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8090-2653-2

Erschienen am 13.März 2017
im Limes Verlag

Die Rechte am gezeigten Cover und dem Verlagstext liegt beim genannten Verlag.
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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

4 thoughts on “[Buchbesprechung]: „Summertime – die Farbe des Sturms“ von Vanessa Lafaye

  1. Hallo,
    da siegt man wieder wie wichtig solch tolle Buchbesprechungen sind. Das Cover hätte mich nie zum Kauf verleitet, geschweige denn es überhaupt in die Hand zu nehmen um den Klappentext zu lesen. Und jetzt? Hast Du mich so sehr überzeugt, das ich es lesen will/möchte/muss. Ich hätte niemals diese interessante Thematik dahinter vermutet und bin sehr froh es bei Dir entdeckt zu haben.
    Eine sehr schöne aussagekräftig Rezension – vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße und eine schöne Lesezeit
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank Kerstin!
      Mir ging es mit dem Cover ähnlich wie dir, nie im Leben hätte ich mit einer solch vielschichtigen Geschichte gerechnet. Mich hat das Buch also auch überrascht. Solche Überraschungen liebe ich ja! 🙂
      Herzlich, Nela

      Gefällt mir

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