[Buchbesprechung]: „Hinter den Augen der Welt“ von Tess Schirmer

»Was die Menschen nicht verstehen, ist für sie seit jeher bedrohlich gewesen, und nun bietet sich ihnen die Möglichkeit, ihre ganze Wut gegen das zu richten, was sie für ihre Lebensumstände verantwortlich machen.« (S. 105)

***Spoilerwarnung: der Verlagstext und die Inhaltsangabe enthalten eventuell kleine Spoiler***

Erster Satz

Sie sah die Rauchschwaden in der Luft, die sich wie dunkle Geister über den Himmel ergossen, um auch sein letztes frisches Blau zu ertränken.

Verlagstext

Das Leben der jungen Mary Grosvenor im England des 17. Jahrhunderts besteht aus Reiten, eleganten Ballkleidern und dem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Kein Wunder, dass Fynn, der schweigsame und geheimnisvolle Stallbursche auf Eaton Hall, ihre Welt auf den Kopf stellt.
Als sich bald herausstellt, dass es sich bei dem zupackenden jungen Mann um eine Frau handelt, ist Mary zunächst entsetzt und erkennt schnell, dass Fynn ihr eben deshalb die Sinne so zu vernebeln vermag.
Diese unmögliche Liaison beäugen jedoch viele mit Skepsis und Missgunst: die Tochter des intriganten Earls of Marlborough, Elizabeth; Marys Zofe Camillia, die eigene dunkle Geheimnisse hegt, und nicht zuletzt Marys Vater sowie ihr Halbbruder Richard, die Mary den Familieninteressen unterwerfen wollen – bei einem Hexenprozess zeigt sich schließlich das wahre Gesicht aller Beteiligten.
In Hinter den Augen der Welt erzählt Tess Schirmer die komplexe, lebendige und detailreiche Geschichte zweier starker Frauen, die der Welt, ihrer Zeit und allen Standesunterschieden romantisch-kämpferisch trotzen. (Quelle: Querverlag)

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin selbst, für die Zusendung dieses Leseexemplares. 

Tess_Schirmer_2

Meine Meinung

Vor ziemlich genau zwei Monaten erreichte mich dieses Rezensionsexemplar und musste sich erst einmal ein bisschen gedulden, bis ich Zeit fand, es zu lesen. Ganz ehrlich, irgendwie schreckte mich dieser Schinken etwas ab, zu dick, zu schwer die Kost und dann geht es auch noch um gleichgeschlechtliche Liebe… (und das ist jetzt überhaupt nicht homophob gemeint, es war schlicht etwas, das ich bis anhin noch nie in Büchern gelesen habe) Nach den ersten paar Kapiteln wurde ich dann aber eines besseren belehrt und ich konnte nicht mehr von der Geschichte lassen. Warum mich das Buch dann aber doch nicht bis zum Ende überzeugen konnte, werde ich im Folgenden versuchen zu erläutern.

Inhaltlich geht es um Mary, die Tochter eines Baronets im England des 17. Jahrhunderts. Sie lebt auf dem Gut Eaton Hall und vertreibt sich die Zeit mit allerlei oberflächlichem Kram, Kleidern, Bällen und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Eines Tages lernt sie Fynn kennen, der als Stallbursche auf dem Anwesen arbeitet. Bereits bei ihrer ersten Begegnung spürt sie diese merkwürdige Anziehung zwischen ihnen beiden, ahnt jedoch noch nicht, was sich unter dem grossen schwarzen Hut verbirgt. Als sie entdeckt, dass Fynn eine junge Frau ist, reagiert Mary zunächst entsetzt, merkt jedoch rasch, dass ihr Fynn genau darum den Kopf verdreht.
Diese unmögliche Liebelei wird jedoch von vielen Seiten mit grossem Misstrauen beobachtet, vom Vater, von der Zofe und nicht zuletzt vom intriganten Lord Henry, seines Zeichen Earl of Marlborough, mit dessem Sohn sich Mary verloben soll.
Doch hat die Liebe von Mary und Fynn neben all diesen unterschiedlichen Interessen eine Zukunft? Das lest ihr am besten selbst.

»Leere ist, wenn das Herz vergisst zu sehen.« Sie blinzelte. Ihren Worten fehlte die Festigkeit.
»Kein Grund, es dieser Fertigkeit nicht wieder zu erinnern.« Sherringtons Worte hingegen waren weich, beruhigend, als wollten sie Mary wieder Hoffnung einhauchen. 
(S. 290)

Tess_Schirmer_1

Nach den ersten Kapiteln und bis etwa zur Hälfte des Buches war ich wirklich positiv überrascht von der Geschichte. Dies lag zu einem grossen Teil an der Einführung der beiden Protagonistinnen. Zu Beginn haderte ich noch etwas mit Mary, war sie mir doch reichlich unsympathisch, hochnäsig, versnobt und darauf bedacht, sich eine möglichst gute Stellung innerhalb der damaligen Gesellschaft zu sichern. „Und das soll die Protagonistin sein?“, dachte ich. Doch die Entwicklung die sie durch ihre Beziehung zu Fynn durchmacht, lässt sie offen werden für die wirklich wichtigen Dinge, für wahre Schönheit und echte Gefühle. Diese Offenheit und Lernbereitschaft macht sie unglaublich sympathisch. Fynn hat von Beginn weg den geheimnisvollen Part inne. Ebenso wie Mary weiss der Leser nicht, woher sie kommt, wer sie ist und was sie schon alles in ihrem Leben erlebt hat. Und bis zum Schluss werden auch nicht alle ihre Geheimnisse gelüftet.
Besonders gelungen fand ich auch die Annäherung der beiden. Ich konnte richtig mitfiebern, wenn sie sich zu Ausritten trafen und ihren immer tiefer gehenden Gesprächen lauschen. Ich glaube, ich habe mich noch nie während einer Lektüre so sehr auf den ersten Kuss eines Paares gefreut wie hier. Ich wünschte es den beiden so sehr und freute mich auch richtig, als dann besagte Szene stattfand.
Doch leider verloren sich im Mittelteil meine wohlwollenden Gefühle für das Paar etwas. Zum einen lag dies sicherlich am Schreibstil und der fehlenden Spannung, worauf ich später noch einmal eingehen werde. Zum anderen empfand ich die Entwicklung der Charaktere aber auch als nervig. Zu Beginn noch verliebt und auf Wolke Sieben schwebend, wurden die beiden immer unsicherer und legten jedes Wort der jeweils anderen auf die Goldwaage. Bis hin zum Schluss, wo so mancher gut gemeinte Ratschlag einfach in den Wind geschlagen wird und die ganzen Geschehnisse somit in schlimme Bahnen gelenkt werden. Ich fand das unglaublich anstrengend zu lesen und hätte sowohl Fynn als auch Mary gerne wachgerüttelt und in die reale Welt zurück geholt.

An dieser Stelle muss ich auch noch ein paar Worte über den Schreibstil von Tess Schirmer verlieren. Über weite Strecken schaffte sie es, mich richtig zu begeistern. Ihre Worte sind mit bedacht gewählt und sie verwendet unglaublich schöne Metaphern und Bilder, um Gefühle und Stimmungen zu beschreiben. Grad zu Beginn gibt einem das als Leser ein gutes Gefühl für das Buch und es ist einfach, sich in die Geschichte hinein zu versetzen. Sowohl die Protagonisten als auch die Antagonisten werden durch Tess Schirmer’s Schreibstil zu lebensechten Personen.
Allerdings muss ich gestehen, dass dieser teilweise sehr ausufernde Schreibstil etwa ab der Hälfte des Buches mühsam wurde und meiner Meinung nach die Geschichte in die Länge zog.

Tess_Schirmer_3

Im Mittelteil des Buches flaute sie Spannung merklich ab. Banale und für die Geschichte nicht unbedingt wichtige Geschehnisse rückten in den Vordergrund, teilweise wiederholten sich bestimmte Aussagen. Besonders  schade fand ich jedoch, dass auch die Beziehung von Fynn und Mary zu stagnieren schien. Beide waren sich unsicher und legten jedes Wort des anderen auf die Goldwaage. Auf die Dauer ist das echt anstrengend zu lesen.
Als sich dann die Spannung rund um den Hexenprozess noch einmal zu steigern vermochte, hatte mich das Buch leider bereits etwas verloren. Ich konnte mich nicht mehr richtig auf die Geschehnisse und die Charakterentwicklungen einlassen, auch wenn diese noch ein paar Überraschungen bargen.

»Jacob hatte die Wahrheit gesprochen, wahrscheinlich, ohne dass es ihm bewusst gewesen war. Wie konnte sie nach all ihren Reisen auf der Flucht vor sich selbst sich nun von dem ersten Menschen in ihrem Leben abwenden, bei dem ihr Herz geborgen war?« (S. 311)

Fazit

Hinter den Augen der Welt ist eine tolle Liebesgeschichte, die sich grad im ersten Teil Strandlektürewunderschön entwickelt und den Leser dieses Kribbeln zwischen den Protagonistinnen spüren lässt. Und trotz des Settings in der Vergangenheit vermag dieses Buch sehr moderne und aktuelle Themen, wie die gleichgeschlechtliche Liebe oder Intoleranz in der Gesellschaft gegenüber Fremdartigkeiten anzusprechen.
Leider weist grad der Mittelteil einige Längen und Verzettelungen auf, die mir doch den Lesegenuss erheblich minderten und meine Begeisterung für dieses Buch trübten.

Zu diesem Buch gibt es übrigens auf meinem Youtube Kanal auch eine Videorezension.


Über die Autorin

Tess Schirmer wurde 1990 in Magdeburg geboren. Mit Blick auf die Elbe und einem Wald hinter dem Haus entdeckte sie früh die Liebe zum detail und Verträumten.
Bis 2016 studiert sie Medizin in Berlin und Paris, recherchiert, malt und tanzt argentinischen Tango. (Quelle: Buchrücken)


Verlagsinfo

Tess_Schirmer_Cover
© Querverlag

erschienen am 27. Februar 2017
im Querverlag

480 Seiten
ISBN: 978-3-89656-252-4

erhältlich als Taschenbuch und eBook

Hier geht’s zur Leseprobe.

Advertisements

Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

One thought on “[Buchbesprechung]: „Hinter den Augen der Welt“ von Tess Schirmer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s