[Buchbesprechung]: „Vincent“ von Joey Goebel

»Und das Schnapsglas-Medizinfläschchen, sein Markenzeichen, lag auch in der Nacht neben ihm, als ich in bewusstlos auf dem Wohnzimmerboden fand, mit blutenden Handgelenken, inmitten zerrissener Drehbücher.« (S. 255)

Erster Satz

Tut mir Leid, dass Du das ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst nie glücklich sein.

Verlagstext

Wußten Sie, daß große Popsongs und Filme von einem unglücklichen, aber genialen Künstler stammen? Und damit einem solchen die Ideen nicht ausgehen, sorgen in diesem Roman ›Beschützer‹ dafür, daß ihm ständig neues Leid widerfährt. Denn das ist der Rohstoff, aus dem wahre Kunst entsteht. Bringt das Genie das Kunststück fertig, trotzdem ein glücklicher Künstler zu werden? Vincent – ein Chamäleon von einem Roman, der als Satire beginnt, sich in einen bizarren Alptraum verwandelt und am Ende zu Tränen rührt. (Quelle: Diogenes)

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Meine Meinung

Das ist wohl das erste Mal, dass ich mich nicht direkt nach der Lektüre hingesetzt habe und meine Eindrücke zu „Papier“ brachte. Ich habe sogar überlegt, keine Rezension zu diesem Buch zu schreiben, weil ich es auf der einen Seite zwar unglaublich gut fand. Andererseits lässt es mich auch völlig unberührt und kalt zurück.

Die Geschichte von Vincent wird uns von seinem Manager Harlan Eiffler erzählt. Dieser entdeckte Vincent als kleinen Jungen im Rahmen eines Projektes mit dem Namen New Renaissance. Diese Organisation – gegründet vom grössten Medienmogul der Zeit – fördert hochbegabte Kinder und erzieht sie zu wahren Künstlern. Damit soll die Unterhaltungsindustrie vor ihrem unaufhaltsamen Sinkflug bewahrt und der Oberflächlichkeit und Verdummung entgegen gewirkt werden. Getreu nach dem Grundsatz „Aus Leid erwächst Kunst“ fällt es nun diesen Managern zu, das Leben der ihnen anvertrauten Kinder zu sabotieren und zu lenken. Und genau dies tut Harlan nun mit dem Leben von Vincent, angefangen bei seiner Familiensituation bis hin zu seinem Liebesleben und Selbstbild. Doch irgendwann gelangen beide an einen Punkt, wo der Preis, den sie für die Kunst zahlen, zu hoch wird und sie mit den Rückwirkungen ihres Handelns konfrontiert werden.

»Ich weiß nicht, ob die verdummte Unterhaltung nach und nach dem kollektiven Intellekt unserer Nation geschadet hat oder ob die geistige Faulheit des Publikums zuerst da war und wir sie nur bedient haben.« (S.93)

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Wie bereits in der Einleitung erwähnt, lässt mich dieses Buch sehr zwiegespalten zurück. Es werden Dinge angesprochen, die ich selbst auch so wahrnehme, wie zum Beispiel die Austauschbarkeit ettlicher Popsongs in den Charts, oder auch die Überstrapazierung gewisser Genres, weil sich die Bücher und Filme dazu so gut verkaufen. Aber dann sind da auch gewisse Charaktere, die so abgedreht und überzeichnet sind, dass ich sie nicht mehr ernst nehmen kann, oder Situationen, die einfach nur grotesk anmuten. Aber beginnen wir mit den Dingen, die ich an dem Buch mochte.

Hervorzuheben ist da die klare und eingängige Sprache Joey Goebels. Mit einfachen Worten und Sätzen beschreibt er die Unterhaltungsbranche und ihre Mechanismen. Dabei blickt er äusserst genau hin und blinzelt quasi kein einziges mal. Schonungslos werden dem Leser die Mechanismen vor Augen geführt, gezeigt, welcher Einheitsbrei eigentlich konsumiert wird und wie wir doch alle dadurch verblöden.
Der flotte und moderne Erzählstil tut dann sein übriges, dass dieses Buch stellenweise kaum aus der Hand zu legen ist.

»Was ist trauriger: ältere Menschen wegen all dem, was sie gesehen, gehabt und verloren haben? Oder Kinder ohne jeden blassen Schimmer von all dem, was sie sehen, haben und verlieren werden? Das hier wird noch trauriger: ein Kind mit der bedrückenden Weisheit eines alten Menschen.« (S.15)

Ausserdem kommen im Buch ein paar kleine aber sehr liebevolle Details vor. So werden zum Beispiel alle Figuren mit ihrem Lieblingsfilm, Lieblingsband und liebster TV-Serie vorgestellt. Darum dreht sich ja schliesslich die ganze Geschichte.
Das vermag aber nicht darüber hinweg zu täuschen, dass mich keiner der Charaktere wirklich für sich gewinnen konnte und so eigentlich bis auf die Romanidee und die satirischen Züge des Erzählstils nicht mehr viel bleibt, das mich begeisterte.

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Das grösste Manko für mich an diesem Buch waren die Charaktere, vielfach wirkten sie einfach nur überspitz und überzeichnet. Okay, für eine Satire mag dies ja wohl passen, für mich als Leser war es aber etwas mühsam. ich bekam keine der Figuren zu fassen, sie wirkten auf mich distanziert und gesichtslos. So könnte ich weder für Vincent noch für Harlan die herausragende Charaktereigenschaft benennen. Während der Lektüre dieses Buches habe ich einmal mehr gemerkt, wie wichtig für mich die Protagonisten (und auch die Antagonisten) sind. Die Idee kann noch so revolutionär, die Aufmachung noch so wunderschön sein, wenn die Charaktere nicht stimmen, dann fehlt für mich eine wichtige Identifikationsmöglichkeit.
Und auch die detaillierten Beschreibungen diverser Drogenexzesse und Partyorgien wurden mir irgendwann zu viel. Es wirkte für mich gekünstelt und aufgesetzt und eben einfach nur übertrieben. Natürlich könnte man hier auch wieder anmerken „Das ist Satire und Satire darf das“, aber gefallen muss es mir deswegen noch lange nicht.

Warum ich das Buch dennoch zu Ende gelesen habe? Wahrscheinlich einfach darum, weil mich die Frage, die schon der Klappentext stellte, nicht mehr los lies: Wird es Vincent gelingen, trotz allem ein glücklicher Künstler zu werden?

»Mir erging es besser als den meisten anderen, weil ich das Glück hatte, etwas mit meiner Qual anfangen zu können.« (S.424)

Fazit

GeschmacksacheVincent ist wahrlich ein Chamäleon von einem Buch und als Leser muss man sich darauf einlassen können. Die Idee, welche dem Buch zu Grunde liegt ist wirklich originell und macht Lust, das Buch zu lesen. Auch der Schreibstil von Joey Goebel ist toll, er treibt das Buch voran und erzählt es in einem flotten Tempo. Leider konnten mich die Charaktere allesamt so gar nicht überzeugen, trotz detaillierter Charakterstudien blieben sie über weite Strecken farb- und gesichtslos.
Leider war dieses Buch wirklich nichts für mich, aber andere Menschen andere Geschmäcker. Ich kann durchaus nachvollziehen, warum Vincent ein grosser Lesegenuss sein kann.


Über den Autor

Joey Goebel wurde im Jahre 1980 geboren. Mit fünf Jahren schrieb er bereits seine erste Geschichte. Goebel hat einen Bachelor in Anglistik und schloss an der University of Louisville einen Master of Fine Arts in „Creative Writing“ ab.
Bevor er 2003 mit The Anomalies (Name der deutschsprachigen Ausgabe: Freaks) seinen Debütroman veröffentlichte, war er Frontmann, Gitarrist und Songwriter der Punkband The Mullets. Später war er Sänger und Gitarrist bei der Band Novembrists, mit der er eine CD veröffentlichte.
2005 wurde Vincent als sein erstes Buch in deutscher Sprache veröffentlicht. Es folgten 2006 Freaks, 2009 Heartland und 2013 Ich gegen Osborne. Alle vier Romane erschienen im Diogenes Verlag. (Quelle: Wikipedia)


Verlagsinfo

Vincent_CoverTaschenbuch
448 Seiten
erschienen am 27. März 2007
im Diogenes Verlag

ISBN: 978-3-257-23647-7
ebenfalls erhältlich als eBook

Hier geht es zur Leseprobe.

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

7 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Vincent“ von Joey Goebel

  1. Liebe Nela,

    auch wenn ich scheinbar noch ein bisschen mehr Lesespaß mit „Vincent“ hatte als du, gab es für mich auch ein paar Kritikpunkte an dem Roman. Vor allem mit den Charakteren hatte ich ja auch so meine Schwierigkeiten, da ging es uns wohl sehr ähnlich. Übrigens hatte ich die gleichen Probleme mit den Romanfiguren aus „Ich gegen Osborne“, das ich ein wenig später noch gelesen habe, weil ich Joey Goebel noch einmal eine Chance geben wollte. Nach dieser Erfahrung denke ich mir aber auch, dass ich seine anderen zwei Romane „Freaks“ und „Heartland“ wohl auch nicht so schnell mehr lesen werde – wenn überhaupt…

    Viele liebe Grüße,
    Elena

    P.S.: Sehr schöne Fotos, ich kann da ein paar tolle Alben und DVDs erkennen. 😉

    Gefällt 1 Person

      1. Da hast du recht! Und „Ich gegen Osborne“ kann ich dir dann, wie gesagt, eh schon mal nicht empfehlen. Hätte ich es nicht schon zusammen mit „Vincent“ gekauft gehabt, hätte ich es wahrscheinlich auch gar nicht gelesen. 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Joey Goebel- Ich liebe seine Bücher. Ich kann da nur zustimmen, sein Schreibstil ist sehr lebendig und seine Bücher sind leider tatsächlich Geschmacksache. Aber „Heartland“ von ihm ist meiner Meinung nach sehr zu empfehlen. :p

    Gefällt 1 Person

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