[Buchbesprechung]: „Die Hexe von Freiburg“ von Astrid Fritz

»Volle fünf Tage verbrachte Catharina noch in der Dunkelheit des Christoffelturms, fünf Tage, in denen der Scharfrichter ihre ausgekugelten Glieder wieder einrenkte, den Verband ihrer zerquetschten Finger wechselte, mit Öl aus Alraun und Zaubernuss das brandig gewordene linke Bein behandelte und die eitrigen Schwären am Rücken reinigte. Mit einem Geheimrezept aus Baldrian, Haselwurz, Steinbrech und einer Spur Schierling linderte er ihr Fieber und ihre Schmerzen. Der Alte verstand sein Handwerk, denn er hatte nicht nur das Töten, sondern auch das Heilen gelernt.« (S. 433)

Erster Satz

Die Frau schob sich eine weisse Strähne aus der Stirn und rückte den Stuhl näher ans Herdfeuer.

Verlagstext

Ein erschütterndes Frauenschicksal aus der Zeit der Hexenverfolgung
Freiburg im 16. Jahrhundert: Der Hexenwahn fegt über Deutschland. Als in dem Universitätsstädtchen am Rande des Schwarzwalds zum ersten Mal die Flammen über einer Hexe zusammenschlagen, wird Catharina geboren. Ein schlechtes Omen? Das wissbegierige Mädchen wächst zu einer selbstbewussten jungen Frau heran, die ihr Leben lang gegen die Abhängigkeit von den Männern ankämpft. Am Ende droht sie deswegen alles zu verlieren – nur eines bleibt ihr: eine unendliche Liebe, vor der selbst der Tod seinen Schrecken verliert.
«Ein absolut gelungenes Roman-Debüt von Astrid Fritz. Einfühlsam, spannend, traurig bis zur letzten Seite.» BAYERN 3 (Quelle: rowohlt)

Näheres zur Aktion Buch-Date findet ihr bei wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende. Alle Rezensionen dieser Runde findet ihr übrigens in diesem Artikel.

Für dietest BUCHweltreise bin ich zusammen mit Catharina durch die Gassen von Freiburg gestreift und habe den Mief dieser Zeit eingeatmet. Mehr Informationen zur BUCHweltreise bekommt ihr durch einen Klick auf das Banner.

Für alle die Lust haben, sich meine Buchbesprechung als Video anzusehen, lasse ich den Link zu meinem Youtube Kanal da.

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Meine Meinung

Darf ich ehrlich sein? In einer Buchhandlung hätte ich ja nie zu diesem Werk gegriffen, zu sehr glaubt man als Leser schon zu wissen, worauf die Geschichte hinaus läuft. Und dass es kein Happy End geben wird, dürfte eigentlich bereits nach der Lektüre des Titels klar sein. Da ich aber von den drei Büchern, die mir von der lieben Bloggerin von seesternsbuecher vorgeschlagen wurden, eines bereits gelesen hatte (den Christie, wen wunderts) und das andere mir so gar nicht entsprach, blieb nur noch diese, durch historische Quellen belegte Geschichte.

Wer jetzt aber einen schaurig schrecklichen Roman über Hexenprozesse und Folter erwartet, der wird bitterlich enttäuscht. Vielmehr widmet sich dieses Buch über weite Strecken den Irrungen und Wirrungen des Lebens von Catharina Stadellmenin. Sie wird just jenem Tag geboren, als in Freiburg zum ersten Mal eine Hexe verbrannt wird. Sofort wird getuschelt, dass dieser Tag unter keinem guten Stern stehe und die Geburt darum ein schlechtes Omen sei. Cathatrina wächst in der Obhut ihres Vaters, eines Marienmalers auf, der sie Lesen und Schreiben lehrt. Nach dem Tod der Mutter lebt das Mädchen dann auf dem Land bei ihrer Tante. Nach der unglücklichen Liebe zu ihrem Vetter Christoph zieht es sie schliesslich nach Freiburg, wo sie den Schlossermeister Michael Bantzer kennen lernt und heiratet. Die Ehe ist jedoch unglücklich, Michael entpuppt sich als gewalttätig und stark dem Alkohol zugeneigt. Er demütig Catharina sowohl öffentlich als auch privat und verprügelt sie erbarmungslos.
Nach dem Tod ihres Ehemannes versucht Catharina ein unabhängiges Leben zu führen und erwirbt sich eine Lizenz zum Bierbrauen, was ihr ein Auskommen gibt. Etwa zu dieser Zeit wird sie als Hexe denunziert, in Gefangenschaft genommen, peinlich verhört und grausam gefoltert. In dieser Zeit erweist sich ihr Vetter Christoph, zu dem sie den Kontakt nie ganz verloren hatte, als grosse moralische Stütze. Er vermag es auch zu erwirken, dass sie und ihre Mitangeklagten vor der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen enthauptet werden.

»Sie [Catharina] war keine Hexe. Ihr einziger Fehler mag gewesen sein, dass sie nicht in der Weise gelebt hat, wie es die Welt von einer Frau erwartet« (S. 8)

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Astrid Fritz‘ Geschichte hat mich wirklich überrascht, denn sie ist äusserst genau recherchiert und dadurch sehr realistisch. Detailliert schildert die Autorin die damaligen Umstände, richtet ihren Blick auf die Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben, und berichtet von Armut und Wohlstand in der damaligen Zeit. Sie zeigt, wie beschwerlich und gefährlich Reisen waren und wie patriarchalisch die Strukturen zu Hause, in Staat und Kirche und auch, wie stark magische Bräuche und Rituale im Leben des normalen Bürgers verankert waren. Astrid Fritz ermöglicht es dem Leser in eine längst vergangene Zeit einzutauchen und zeichnet ein sehr genaues und vor allem realistisches Bild vom Leben im 16. Jahrhundert.
Genau dieser Realismus liess mich manches Mal schier verzweifeln, denn als Leser weiss man in etwa, wie die Geschichte enden wird. Die Hexenprozesse des Mittelalters und der Neuzeit dürften wahrscheinlich den meisten ein Begriff sein. Und genau dieses Damoklesschwert schwebt die ganze Zeit über dem Kopf der Protagonistin. Mehr als einmal wird sie bei den Ratsherren angeschwärzt, nicht nur wegen Hexerei, oder pflegt Umgang mit Frauen, die später der Hexerei angeklagt werden. Dabei ist besonders auffällig, dass nicht nur die Hebammen, Kräuterweiblein und Heilerinnen angeklagt werden, sondern Frauen jeglichen Alters und Standes, oft auch Witwen aus angesehenen Familien. Auch Catharina hatte mit Zauberei nichts am Hut, sondern lebte ein normales Leben als Ehefrau.
Als spannend empfinde ich es auch immer, wenn mir die Schauplätze und Handlungsorte bekannt sind, oder wenn diese heute noch besucht werden können und sichtbar sind. So ist der Hinrichtungsplatz am Holzmarkt ebenso historisch belegt, wie das Martinstor oder das Haus zum Kehrhaken oder das Haus zum Walfisch.

Durch diesen Realismus und das Damoklesschwert der Hexenverfolgung, das ständig über der ganzen Geschichte schwebt, wird das Buch nie langweilig oder zäh und mich persönlich störte es auch nicht, dass die eigentlichen Hexenprozesse erst auf den letzten 50 bis 100 Seiten zur Sprache kommen. Dabei wird besonders deutlich, dass den Frauen, einmal in diesen Strudel der Anschuldigungen und des Verdachts geraten, keine Chance blieb.

»Wird ein Hexenmal gefunden und angestochen und es fliesst Blut, wird dies als stigma diaboli gedeutet, fliesst jedoch kein Blut oder wird kein Mal gefunden, kann dies als Beweis gewertet werden, dass es sich um eine besonders treue Hexe handelt, die solche Erkennungszeichen nicht nötig hat.« (S. 392)

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Ihr seht, das Buch hat mich richtig gepackt, einen kleinen Kritikpunkt gibt es trotzdem. Und zwar wird uns die Geschichte Catharinas von ihrer Base Lene erzählt und diese unterbricht ihre Erzählung immer wieder mit ihren eigenen Gedanken oder wirft Sätze ein wie „Oh, wenn wir dies doch damals schon gewusst hätten!“. Dies geschieht leider nicht nur ein oder zweimal, sondern immer wieder. Irgendwann wurde es mir zuviel und ich empfand es nur noch als störend. Meiner Meinung nach wäre dies überhaupt nicht nötig gewesen, da die Geschichte spannend genug war. So störten diese Einschübe viel zu oft meinen Lesefluss.

Fazit

HighlightNichts desto trotz ist Die Hexe von Freiburg ein ganz klares Lesehighlight. Erzählt wird eine ergreifende Geschichte, über das Schicksal einer Frau in einer von Umbrüchen geprägten Zeit. Durch die historisch belegten Tatsachen gewinnt das Buch eine ganz eigene Authentizität und als Leser glaubt man, dass sich die Geschichte wirklich bis ins kleinste Detail so zugetragen haben könnte.
Eine ganz klare Leseempfehlung meinerseits.


Über die Autorin

Astrid Fritz ist in Pforzheim geboren und aufgewachsen. In München, Avignon und Freiburg im Breisgau studierte sie zunächst Tiermedizin, dann Theaterwissenschaft und schließlich Germanistik und Romanistik.
1994 ging sie mit ihrer Familie für drei Jahre nach Santiago de Chile, wo sie als freie Mitarbeiterin für eine deutsch-chilenische Wochenzeitung schrieb und ihr erstes Romanmanuskript entstand.
Heute ist Astrid Fritz freiberufliche Texterin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Waiblingen bei Stuttgart. (Quelle: Wikipedia)


Verlagsinfo

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© Rowohlt Verlag
erschienen am 6. März 2009
als Neuauflage im Rowohlt Verlag

erhältlich als Taschenbuch
448 Seiten
ISBN:  978-3-499-25211-2

und als eBook
544 Seiten
ISBN:  978-3-644-40481-6

Die Reihe:

Band 1: Die Hexe von Freiburg | Band 2: Die Tochter der Hexe | Band 3: Die Gauklerin

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

3 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Die Hexe von Freiburg“ von Astrid Fritz

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