[Buchbesprechung]: „Der Geruch des Paradieses“ von Elif Shafak

»Heute war sie die Lehrerin, er der Schüler. Die Rollen wechselten, die Wörter standen niemals still. Das Leben war ein Kreis und jeder Punkt hatte den gleichen Abstand zur Mitte – egal, ob man sie Gott nannte oder irgendwie anders.« (S.551)

Erster Satz

An einem ganz normalen Frühlingstag in Istanbul, einem langen, bleiernen Nachmittag, traf sie wie ein Faustschlag die Erkenntnis, dass sie fähig war zu töten.

Verlagstext

Als Peri auf dem Weg zu einer Dinnerparty in Istanbul auf offener Straße überfallen wird, fällt ein Foto aus ihrer Handtasche ein Relikt aus ihrer Studienzeit in Oxford. Daraufhin wird sie von der Erinnerung an einen Skandal eingeholt, der ihre Welt für immer aus den Fugen gehoben hat. Elif Shafak verwebt meisterhaft Fragen der Liebe, der Schuld und des Glaubens und erzählt, wie der Kampf zwischen Tradition und Moderne die junge Frau zu zerreißen droht.

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Meine Meinung

Dieses Buch entpuppte sich als wahrer Schatz. Ganz spontan in der Buchhandlung meines Vertrauens gekauft, dachte ich mir dann zu Hause nach dem mehrmaligen Lesen des Klappentextes „Auf was hast du dich da eingelassen“. So dümpelte es eine Weile auf meinem Bücherstapel dahin, bis seine Zeit gekommen war. Und nun frage ich mich „Warum hast du es nicht schon früher gelesen?“

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Noch eine kurze Bemerkung vorweg. Dieses Buch habe ich im Rahmen der BUCHweltreise gelesen und mich zusammen mit Peri den Fragen nach Religion, Identität und dem Suchen und Finden im Instanbul der heutigen Zeit gestellt. Für weitere Information genügt ein Klick auf das Banner.

Nazperi Natbantoğlu, kurz Peri genannt, lebt in Istanbul des Jahres 2016, ist verheiratet, hat Kinder und verkehrt in der High Society der Stadt. Zusammen mit ihrer Tochter steckt sie auf dem Weg zu einer Dinner Party im Stau fest, als ihr die Handtasche vom Rücksitz des Autos geklaut wird. Entgegen allen gesellschaftlichen Konventionen beschliesst sie den Dieb zu verfolgen und spürt „eine seltsame Freiheit in sich, als wäre sie in einen verbotenen Bereich eingedrungen“. Das ganze Erlebnis geht glimpflich aus, doch es weckt alte Erinnerungen.
Damit beginnt eine zweite Geschichte, die der Erinnerungen an Peris Kindheit, Jugend und ihre Studienzeit in Oxford. In ihrem Leben gab es immer wieder entscheidende Episoden, an die sie sich bis ins kleinste Detail erinnert. So an ihren säkularen Vater, der dem Alkohol nicht abgeneigt war, oder an ihre tiefgläubige Mutter, die sich weigert, Männern die Hand zu schütteln. Aber auch an ihre zwei wesentlich älteren Brüder, die so unterschiedliche Lebenswege wählten. Und natürlich an ihre Studienzeit in Oxford, an das Gottes-Seminar von Professor Azur und ihre zwei besten Freundinnen, die so grundverschieden waren, dass ihre Freundschaft immer einer Zerreissprobe glich.

Geschickt bewegt sich die Geschichte zwischen diesen zwei Ebenen hin und her. Und während Peri auf der schicken Dinnerparty weilt, lässt sie doch all diese Ereignisse Revue passieren. Und dabei offenbart sich immer mehr ihre innere Zerissenheit zwischen diesen zwei unterschiedlichen Welten – Religion und Säkularität – und ihre Suche nach einem »dritten Weg«, der ein Entkommen aus dieser Dualität ermöglicht.

»Errichten und einreissen. Schreiben und wegradieren. Glauben und zweifeln. […] Die Worte ihres Vaters verstärkten nur, was sie schon längst vermutet hatte: dass sie immer in der Mitte stehen würde zwischen denen, die inbrünstig glaubten, und denen, die mit der gleichen Inbrunst ungläubig waren.« (S.65)

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Diese Suche nach dem dritten Weg begleitet Peri auch in Oxford und führt sie schliesslich in das umstrittene Seminar »Gott« von Professor Azur. Dieser will verschiedene Glaubensrichtungen miteinander konfrontieren und sieht darin die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu entdecken.
In Oxford lernt die Studentin auch ihre zwei besten Freundinnen kennen. Shirin, die zwar in Teheran geboren aber überall auf der Welt aufgewachsen ist, bewohnt im Studentenwohnheim das Zimmer gegenüber und führt ein Leben voller Parties, Affären und Alkohol. Ihr Gegenstück ist Mona, die sich als »muslimische Feministin« bezeichnet und den Hidschab voller Selbstbewusstsein trägt. Und wieder einmal steht Peri zwischen den Fronten – die Sünderin, die Gläubige, die Verwirrte.

Mensur deutete auf das Paar. »Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich eine doppelt kritische Einstellung gegenüber der Religion.«
»Warum?«, fragte Peri, obwohl sie die Antwort ahnte.
»Weil Gott ein Mann ist. Zumindest haben sie uns das eingeredet, die frommen Leute.«
(S.137)

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass gerade Peri als die Verwirrte dargestellt wird, steht doch auch ihr Land, die Türkei zwischen zwei gegensätzlichen Polen und muss sich gegen ein „ungläubiges“ Europa und die starken Islamistischen Gruppen im Osten behaupten. Besonders deutlich zeigt sich dies auf der Abendgesellschaft der Instanbuler High Society, wo Worte fallen wie „Demokratie sei reine Zeitverschwendung“ und besser für die Türkei sei ein „kluger und starker Führer„.
Diese Episoden zeigen aber auch unter welchem sozialen Druck Peri steht und in welchen gesellschaftlichen Zwängen sie sich bewegt. Dies löst bei ihr Wut, Hass und ungeahnte Aggressionen aus, die darin gipfeln, dass sie sich vorstellt, das Aquarium der Gastgeber zu zerstören.

Der Geruch des Paradieses ist nicht nur ein Roman über Freundschaft und die Suche nach Gott, sondern auch eine Milieustudie des modernen Istanbuls, das wie Peri in einer Identitätskrise zu stecken scheint.

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Elif Shafaks Roman stellt viele Fragen nach dem Glauben, der Religion, nach Identität und Tradition, nach dem Suchen und dem Finden. Und bewusst wird auf Antworten verzichtet. In einem Interview meinte die Autorin dazu: „Es ist nicht Aufgabe eines Schriftstellers zu belehren. In meinem Buch beschreibe ich die Gesellschaft und überlasse die Interpretation dem Leser.“
So gelingt es ihr, die gegenwärtige Mentalität in einer poetischen und bildhaften Sprache einzufangen und beinahe als Mittlerin zwischen den zwei Extremen zu fungieren. Peri weigert sich, einen Standpunkt zu beziehen, sie ist neugierig und ständig auf der Suche und vielleicht ist sie damit am Ende die Klügste von allen.

»Als Peri die Bibliothek verliess, durchbrach nur der gespenstische Widerschein der Strassenlampe das tiefe Blauschwarz des Himmels, der so tief hing, dass sie glaubte, sie könnte ihn hinunterziehen und ihn sich wie ein Tuch über die Schulter legen« (S. 355)

Fazit

HighlightDer Geruch des Paradieses ist ein äusserst vielschichtiger Roman, der von Freundschaft und der Suche nach Gott und der eigenen Identität handelt, gleichzeitig aber auch ein genaues Bild der Mentalität im nahen Osten vermittelt. Zusammen mit der poetischen und bildhaften Sprache von Elif Shafka wird dieses Buch zu einem kleinen Meisterwerk.


Über die Autorin

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Sie studierte Internationale Beziehungen an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara, erhielt einen »Master of Sciences in Gender and Women’s Studies« und promovierte an derselben Universität.
Die preisgekrönte Autorin von dreizehn Büchern, darunter »Die vierzig Geheimnisse der Liebe« (2013) und »Ehre« (2014), schreibt auf Türkisch und auf Englisch. Ihre in der Türkei teilweise heftig umstrittenen Werke sind in über dreißig Ländern erschienen.
Elif Shafak lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London und Istanbul. (Quelle: Kein & Aber)


Verlagsinfo

Elif_Shafak_Cover
© Kein&Aber

erschienen am 28. September 2016
im Verlag Kein & Aber

aus dem Englischen von Michaela Grabinger

Hardcover
560 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5752-4

eBook
420 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9345-4

Hier gehts zur Leseprobe.

 

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

8 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Der Geruch des Paradieses“ von Elif Shafak

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