[Buchbesprechung]: „Elefant“ von Martin Suter

»Als Mediziner sah Reber natürlich auch die Vorteile der Möglichkeit, Erbgut zu entschlüsseln und zu verändern. […] Aber es bedeutete ebenfalls, dass man Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen umgestalten konnte. Man konnte sie designen.« (S.186)

Erster Satz

Eine Entzugserscheinung konnte es nicht sein, er hatte genug getrunken.

Verlagstext

Ein Wesen, das die Menschen verzaubert: ein kleiner rosaroter Elefant, der in der Dunkelheit leuchtet. Plötzlich ist er da, in der Höhle des Obdach­losen Schoch, der dort seinen Schlafplatz hat. Wie das seltsame Geschöpf entstanden ist und woher es kommt, weiß nur einer: der Genforscher Roux. Er möchte daraus eine weltweite Sensation machen. Allerdings wurde es ihm entwendet. Denn der burmesische Elefantenflüsterer Kaung, der die Geburt des Tiers begleitet hat, ist der Meinung, etwas so Besonderes müsse versteckt und beschützt werden. (Quelle: Diogenes)

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Meine Meinung

Ein neues Buch meines Lieblingsautors? Da fackle ich verständlicher Weise nicht lange und noch am Tag des Erscheinens wanderte es zu mir nach Hause und ins Bücherregal. Es musste sich dann allerdings doch noch etwas gedulden, bis ich bereit war, es zu lesen.
Lange Zeit war ich etwas unschlüssig bezüglich der Thematik des Buches, aber Martin Suter konnte mich auch mit „Elefant“ mitreissen.

Die Hauptrolle in dieser Geschichte hat eindeutig ein kleiner rosaroter Elefant, der im Dunkeln leuchtet, inne. Wie aus dem Nichts taucht er in der Schafhöhle des Obdachlosen Schoch auf. Dieser glaubt zuerst an eine Halluzination, doch gleichzeitig ist er merkwürdig fasziniert von diesem Objekt. Doch woher kommt dieses kleine, pinke Geschöpf?
„Elefant“ ist in drei Teile gegliedert. In einem ersten Teil tauchen wir Leser ein in die Geschichte rund um das Elefäntchen und lernen nach und nach alle beteiligten Personen kennen. Da wären Schoch, die Tierärztin Valerie oder Kaung, der Elefantenflüsterer vom Zirkus Pellegrini. Aber auch Roux, der Genforscher, der an der Existenz des rosa Elefanten massgeblich beteiligt ist.
In einem zweiten Teil erfährt der Leser dann in Rückblenden, wie es zur Entstehung des leuchtenden Elefäntchens kommen konnte und warum dieses plötzlich in Schoch’s Höhle steht.
Im dritten und letzten Teil setzt die Geschichte dann wieder in der Gegenwart an Tag X ein und führt den Wettlauf um den Elefanten fort, bis hin zu einem überraschenden Ende im Regenwald von Myanmar.

»Nach einer Weile hob er den Blick. Valerie sah ihn lächelnd an. Erst jetzt bemerkte er, dass er während der Fütterung wohl auch die ganze Zeit gelächelt hatte.« (S.250)

Was ich an Martin Suters Büchern mag, sind die aktuellen und teils sehr komplexen Themen, die er aufgreift und aus denen er wunderbare, verzaubernde, aber auch sehr nachdenklich stimmende Geschichten erschafft. Und das tut er definitiv auch mit diesem kleinen rosa Elefanten. So wie Schoch, Valerie oder Kaung habe ich dieses kleine Wesen sofort in mein Herz geschlossen. Es wird von Suter aber auch derart gut beschrieben, dass ich beinahe meinte, es in meinem Wohnzimmer leuchten zu sehen.
Und auch die Charakterisierung der Figuren trifft genau den richtigen Ton. So erfahren wir die verschiedenen Protagonisten und Antagonisten immer über ihre Beziehung zum Elefäntchen und wie sie zu diesem einzigartigen Wesen stehen. Dies eröffnet Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt ohne dass sich Suter zu sehr darin verlieren kann. Weil sich einfach alles um diesen pinken, leuchtenden Elefanten dreht.

In der Erzählweise und im Aufbau der Geschichte bleibt Martin Suter seinem gewohnten Schema treu. Es gibt die Guten und die Bösen, er baut Spannung auf, beschleunigt die Handlung und findet dann ein mehr oder weniger überraschendes Ende. Sein Erzählstil ist ruhig und ohne Schnörkel, das Setting einfach und klar abgesteckt.
Dies macht auf der einen Seite einen Roman von Martin Suter aus. In diesem Punkt erfüllt er all meine Erwartungen. Aber was würde passieren, wenn man einmal aus diesem Schema ausbrechen würde? Wenn nicht immer die Guten „gewinnen“?

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Mit der Gentechnik wählte Martin Suter für seinen neuen Roman ein sehr komplexes Thema. Ich hatte doch recht hohe Erwartungen an ein Buch, das über ein sehr spezielles Produkt eines ebensolchen genetischen Experiments berichtet. Irgendwie erwartete ich neue Betrachtungswinkel oder Denkanstösse. Diese blieb mir Suter jedoch schuldig. Mir wurde viel zu sehr auf der klassischen Schiene „skrupelloser Forscher gegen ethisch korrekte Bürger“ gefahren. Natürlich empfinde auch ich die Genforschung in vielen Feldern als moralisch und ethisch sehr fragwürdig, aber dennoch wurde nur am Rande darauf eingegangen, dass ihre Erkenntnisse eben auch dazu dienen, viele Krankheiten besser zu verstehen.
So empfand ich die Betrachtungen zu dieser Thematik und auch die rigorose Einteilung der Charaktere in Gut und Böse, als sehr schwarz-weiss und nicht wirklich differenziert. Diese Tatsache tut dem Buch oder der Geschichte an und für sich keinen Abbruch, sie vermag die Spannung sogar zu steigern, die neuen Blickwinkel und differenzierten Betrachtungen, die ich mir jedoch erhoffte, blieben aus.
Die versteckte Kritik, die Martin Suter am kommerziellen Wert der Wissenschaft und der Gentechnik übt, finde ich hingegen wieder ungeheur wichtig. Es kann, meiner Meinung nach, nicht sein, dass dieser über dem Wert des einzelnen Individuums (ob Mensch oder Tier, ob gesund oder behindert) steht.

Fazit

Lese-TippMit „Elefant“ ist Martin Suter ein sehr spannender Roman gelungen, der den Leser verzaubert und an ein komplexes Thema heranführt. Der rosarote Elefant ist ein Sympathieträger und man hofft, dass er nicht den falschen Gestalten in die Hände fällt. Leider fehlte mir etwas die differenzierte, facettenreiche Herangehensweise an das Thema Gentechnik und so geriet auch die Gestaltung der Figuren etwas arg schwarz-weiss. Nichts desto trotz bietet dieses Buch viel Spannung, Gefühl und so einige Überraschungen.


Über den Autor:

Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, arbeitete bis 1991 als Werbetexter und Creative Director, bis er sich ausschließlich fürs Schreiben entschied. Seine Romane und „Business Class“-Geschichten sowie seine „Allmen“- Krimiserie sind auch international große Erfolge.
Mehrere seiner Romane wurden bereits verfilmt. Unter anderem „Lila Lila“, „Die dunkle Seite des Mondes“ oder „Small World“.
Martin Suter lebt mit seiner Familie in Zürich. (Quelle: Diogenes & Wikipedia)


Verlagsinfo

elefant_cover
© Diogenes Verlag

erschienen am 18. Januar 2017
im Diogenes Verlag

352 Seiten
Hardcover Leinen
auch erhältlich als Hörbuch und eBook
Hier geht’s zur Leseprobe.

ISBN:978-3-257-06970-9

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

9 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Elefant“ von Martin Suter

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