[Buchbesprechung]: „Die Geschichte der Baltimores“ von Joël Dicker

»Warum ich schreibe? Weil Bücher stärker sind als das Leben. Sie sind die schönste aller Revanchen. Sie sind Zeugen der unzerstörbaren Mauern unseres Geistes, der uneinnehmbaren Festung unserer Erinnerung« (S.510)

Erster Satz

Morgen muss mein Cousin Woody ins Gefängnis.

Verlagstext

Die Goldmans aus Montclair sind eine typische Mittelstandsfamilie, sie leben in einem langweiligen Vorort von New Jersey und schicken ihren Sohn Marcus auf eine staatliche Schule. Ganz anders die Goldmans aus Baltimore: Man ist wohlhabend und erfolgreich, der Sohn Hillel hochbegabt, der Adoptivsohn Woody ein vielversprechender Sportler. Als Kind ist Marcus hin- und hergerissen zwischen der Bewunderung für diese »besseren« Verwandten und seiner leisen Eifersucht auf ihr perfektes Leben. Hillel und Woody aber sind seine besten Freunde, zu dritt sind sie unschlagbar, zu dritt schwärmen sie für das gleiche Mädchen – Alexandra. Bis ihre heile Welt eines Tages für immer zerbricht.

Acht Jahre nach der Katastrophe beschließt Marcus, inzwischen längst berühmter Schriftsteller, die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben. Aber das Leben ist komplizierter als geahnt, und die Wahrheit über die Familie hat viele Gesichter, die ihm gänzlich unbekannt waren …

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Meine Meinung

Viel habe ich ja schon von diesem Buch gehört, wahre Lobgesänge und Preisungen. So habe ich auch dementsprechend viel erwartet. Und auch viel bekommen. Nur leider überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte. Was diesem grossartigen Werk aber nicht im mindesten schadet.

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Eine kurze Bemerkung vorweg, dieses Buch habe ich im Rahmen der BUCHwelreise von Yvonne gelesen. Zusammen mit den Goldmanns habe ich die Ostküste der USA bereist. Für mehr Informationen klickt einfach auf das Banner.

»Ein Buch zu schreiben ist ungefähr so, als hätte gerade ein Ferienlager aufgemacht: Dein normalerweise einsames und stilles Dasein wird plötzlich von einem Haufen Leuten auf den Kopf gestellt, die ohne Vorwarnung hereinschneien.« (S.9)

In „Die Geschichte der Baltimores“ geht es um die Familie Goldmann, die Grosseltern und deren zwei Söhne. Saul lebt mit seiner Frau Anita und den zwei Söhnen Hillel und Woody in Baltimore, wohnt in einem traumhaften Haus und ist ein erfolgreicher Anwalt. Die ganze Familie scheint vom Glück reich beschenkt. Nathan hingegen lebt mit seiner Frau Deborah und seinem Sohn Marcus ein einfaches, durchschnittliches Leben in Montclair.  Marcus ist diese Durchschnittlichkeit immer etwas peinlich und so verbringt er seine Ferien am liebsten in Baltimore, wo er mit seinen Cousins, der Goldmann-Gang, unvergessliche Abenteuer erlebt und zu einem von ihnen wird.
Doch wie so oft kommt nach dem hohen Flug der tiefe Fall. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen ereilt die Baltimores, bis alles in einer grossen Katastrophe endet. Acht Jahre später findet Marcus endlich die Kraft sich den Ereignissen von damals zu stellen, sie zu überdenken und zu verstehen. Und im nach hinein ist so einiges ganz anders, als gedacht.

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Auf diesen etwas mehr als 500 Seiten kann der Leser nun mitverfolgen, wie Marcus die Geschichte der Baltimores von deren Aufstieg bis hin zum unweigerlichen Fall aufrollt. Dabei entlarvt er nicht nur seine eigenen Idealisierungen und Täuschungen. Die heile Welt hatte nur in seinem Kopf existiert, auch die glücklichste Familie hat ihre dunklen Seiten. Sondern kommt auch zum Schluss, dass weder Reichtum noch Macht im Leben zählen, sondern einzig und alleine die Beziehungen zu den Menschen, die uns lieben.

»Es gab immer Katastrophen, es wird immer Katastrophen geben, und das Leben geht weiter. Katastrophen sind unvermeidlich. Sie haben im Grunde keine grosse Bedeutung. Wichtig ist nur, wie wir sie überwinden.« (S. 505)

Joël Dicker entwickelt seine Story sehr geradlinig, allerdings auf unterschiedlichen Zeitebenen. Es gibt die Vergangenheit vor der Katastrophe, jene danach und die Gegenwart. Die Übergänge sind teilweise fliessend, so dass ich vor allem zu Beginn konzentriert bei der Sache sein musste. Im Laufe des Lesens gewöhnte ich mich jedoch an dieses Zeiten-Hopping und empfand es als sehr gelungenes Stilmittel, um die Spannung zu erhalten.
Obwohl dies eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Bereits zu Beginn des Buches wird nämlich „die Katastrophe“ erwähnt, um die sich das ganze Buch dreht und deren Entwicklung und Auswirkung genau beschrieben wird. Die wachsende Neugier, was damals wohl tatsächlich geschehen ist, treibt den Leser von selbst voran.

Besonders faszinierend fand ich die Charaktere, die ich allesamt hervorragend ausgearbeitet fand. Sie wirken sehr lebensecht, haben ihre Ecken und Kanten, machen Fehler, sind eifersüchtig. Auch wenn Onkel Saul oder Tante Anita vom jungen Marcus als halbe Götter verehrt werden und einfach nur perfekt erscheinen, so erfährt man doch in den Rückblenden, dass auch sie ihre Fehler hatten und nicht alles Eitel Sonnenschein war.
Ganz ehrlich, haben wir nicht alle diesen einen Onkel, oder diese eine Person, die in unserer Erinnerung einfach nur glorifiziert wird? Die wir über alles liebten und bis aufs Blut verteidigt hätten? Und erst mit der Zeit wurde es uns möglich zu sehen, dass sie nicht nur diese Helden waren, für die wir sie hielten.
Diesen Prozess mit Marcus zu durchleben, war unglaublich spannend, seine Erkenntnis mitzuverfolgen, die unerwarteten Wendungen mitzuerleben. Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit, sondern jeder hat seine eigene Sicht auf die Geschichte, seine eigene kleine Wahrheit.

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Richtig spannend fand ich auch, dass man als Leser die Chance hat einen Schriftsteller bei der Arbeit an seinem Buch zu begleiten. Marcus ist nämlich „der Schriftsteller“ und rollt die Geschichte der Baltimores unter anderem auch deshalb wieder auf, da er Onkel Saul versprochen hatte, ein Buch über ihn zu schreiben.
Als Leser gibt einem dieser Umstand aber auch etwas das Gefühl, man habe dem Autor über die Schulter gucken dürfen, während er an seinem Werk schrieb. Das verleiht dem Buch nochmals einen ganz besonderen Charme.

»Wir haben nur ein Leben, Alexandra! Ein einziges mickriges Leben! Möchtest du es nicht dazu verwenden, deine Träume zu verwirklichen, statt auf diese blöden Universität zu versauern? Träume und träume gross! « (S.264)

Fazit

Highlight„Die Geschichte der Baltimores“ ist ein wunderbares Buch, über die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Familien, das mit unerwarteten Wendungen und Sichtweisen punkten kann. Es gibt nicht nur eine gültige Wahrheit, jeder hat seine eigene Sicht der Dinge, seine eigene Wahrheit. Und letztendlich zählen nur die Menschen, die man liebt. Ich habe mich grossartig unterhalten gefühlt.


Über den Autor

Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. 2010 schloss er sein Jurastudium ab und noch im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Roman „Les Derniers Jours de nos Pères“. Für seinen zweiten Roman „La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert“ („Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“) gewann er zahlreiche Preise, darunter den Grand Prix du Roman der AcadémieFrançaise und den Prix Goncourt des Lycéens. Mit seinem neusten Werk „Le Livre des Baltimores“ („Die Geschichte der Baltimores“) konnte er an diesen überwältigenden Erfolg anknüpfen. (Quelle: Wikipedia)


Verlagsinfo

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© Piper Verlag

Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

Erschienen am 2. Mai 2016
im Piper Verlag
Übersetzt von: Andrea Alvermann, Brigitte Große
512 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05764-6
Auch erhältlich als Taschenbuch und eBook

Hier geht’s zur Leseprobe.

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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

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