[Buchbesprechung]: „Was der Nebel verbirgt“ von Maximilian Seese

»Der Satz blieb unvollendet im Raum stehen, als Grand auf die schier unendlich wirkende Fehlerkette im Rahmen der Ermittlungen zurückblickte.« (S.387)

Erster Satz

Chief Inspector Riper verzog keine Miene beim Anblick der hysterischen Frau, die nur mühsam von zwei Rettungssanitätern davon abgehalten werden konnte, sich auf die Leiche des Mannes zu stürzen, der dort im hohen Gras lag, vielleicht zehn Meter von Riper entfernt.

Verlagstext

Seit einer fehlgeschlagenen Festnahme vor vierzehn Jahren wird der Serienkiller Laxley Doherty vergeblich von der Polizei gesucht. Jetzt muss Gordon Grand, langjähriger Fahndungsleiter, auf einer Polizeikonferenz hilflos mit ansehen, wie die Akte des »Schlächters von Plymouth« offiziell geschlossen wird. Am nächsten Tag jedoch wird in London ausgerechnet die Leiche Dohertys gefunden. Erneut taucht Grand in die Ermittlungen und die Abgründe des Serienmörders ein. Je größer Grands Obsession für den Fall Doherty wird, desto näher kommt er seinen eigenen Dämonen, die im Nebel auf ihn lauern …

An dieser Stelle geht ein herzliches Dankeschön an den Autor Maximilian Seese selbst, der mir ein Taschenbuch als Rezensionsexemplar zukommen liess. 

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Meine Meinung

Was lange währt wird endlich gut. Bereits im Dezember nahm Maximilian Seese Kontakt mit mir auf und machte mir sein Erstlingswerk schmackhaft. Doch wie das so ist, kamen erst die Feiertage dazwischen und anschliessend blieb das Buch an irgend einer Poststelle hängen. Ende Januar konnte ich das Werk dann endlich in meinen Händen halten und natürlich habe ich mich auch sofort dran gemacht, es zu lesen. Und was soll ich sagen, es hat mich gepackt.

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Noch eine kleine Bemerkung vorweg, ich habe diese Geschichte im Rahmen der BUCHweltreise von Yvonne von umgeBUCHt gelesen und bin mit den Ermittlern durch Südengland und ins Dartmoor gereist. Für mehr Informationen klickt einfach auf das Banner.

Die Geschichte beginnt vor gut 14 Jahren, genau zu jenem Zeitpunkt als der Schlächter von Plymouth im Dartmoor gejagt wird. Dabei lernen wir erstmal Gordon Grand kennen, damals ein Neuling bei der Polizei und heute Abteilungsleiter der Special Investigation Unit – SIU. Während 14 Jahren ermittelt er im Fall Doherty und kann – abgesehen von Unmengen an laufenden Kosten – keine Ergebnisse vorweisen. Daher soll die Akte nun endgültig geschlossen werden.
Doch genau jetzt wird die Leiche von Laxley Doherty gefunden und zwar nicht irgendwo, sondern auf dem Anwesen des millionenschweren Unternehmers Douglas Anderson. Rasant entfaltet sich nun die Story und ein Katz und Maus Spiel zwischen Gut und Böse beginnt.

»Doch ganz gleich, wie der Mord abgelaufen war, eine Tatsache traf Grand wie ein Schlag ins Genick: Sie hatten den Täter um nicht mehr als eine halbe Stunde verpasst.« (S. 154)

Dieser Debüt-Thriller kann sich wirklich sehen lassen. An so mancher Stelle konnte er mich richtig packen und mitreissen. Vor allem die Charaktere konnten mich überzeugen. Da wäre zum Beispiel Gordon Grand, der etwas in die Jahre gekommene Ermittler, der schon fast besessen ist, diesen Fall zu lösen. Oder auch der Profiler Sean Bradock, der vor Jahren in Verdacht geriet, mit der Mafia Geschäfte zu machen und daher von allen Beratertätigkeiten bei der Polizei suspendiert wurde. Aber auch John Frey, der zwielichtige Ermittlungsleiter von Scotland Yard oder der millionenschwere, überhebliche Unternehmer Douglas Anderson sind äusserst lebensecht und facettenreich gezeichnet. Als Leser nimmt man ihnen ihre Rolle komplett ab und auch Klischees, die bedient werden, stören überhaupt nicht.
Mich persönlich störten eher diese klar verteilten Rollen. Bereits von Beginn weg ist mehr als klar, wer die Guten sind und wer Dreck am Stecken hat. Und im Laufe der Geschichte ändert sich an dieser Ausgangslage auch nichts. Keiner der guten Cops wechselt die Seiten, diesbezüglich gibt es keine Überraschungen, die Fronten sind erstaunlich klar.

An Action hat die Story so einiges zu bieten, die Geschichte entwickelt sich äusserst rasant, teilweise überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Es gibt Schusswechsel, Verfolgungsjagden, es wird erpresst, bestochen und gelogen. Und auch an Leichen mangelt es wahrlich nicht.
Dieses Buch ist nichts für zart besaitete Leser, teilweise erfährt man sehr bildhaft, wie die Leichen zugerichtet wurden. Und ab und an, ist auch die Sprache äusserst deftig. Aber passend.
Überhaupt hatte ich das Gefühl einen äusserst genau recherchierten Thriller zu lesen. Die handelnden Personen wirkten kompetent und glaubhaft, die Handlungen und Überlegungen nachvollziehbar. Ein Detail, dass mir beim Lesen besonders aufgefallen ist, ist der Sprachgebrauch und die Ausdrucksweise der verschiedenen Personen. Während die Ermittler und Polizisten öfters mal derbe fluchen und Kraftausdrücke verwenden, drücken sich Anwälte, Ärzte und Pathologen äusserst gewählt und mit Fachbegriffen aus. Ein Stilmittel durch das Maximilian Seese die Protagonisten (und Antagonisten) wunderbar charakterisieren konnte.

»Der Mann ging in den schön angelegten Park und liess sich im Schatten einer Weide auf einer Bank nieder. Von hier aus konnte er die gesamte Hinterseite der Villa begutachten. Fünf Minuten sass er reglos im Schatten. Beobachtete, reflektierte, plante. Und schliesslich wusste er, was zu tun war.« (S. 320)

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Ein sehr spannender Gedankengang begegnete mir dann fast zum Schluss des Buches, wo sich Grand und Doherty darüber unterhalten, was das angemessene Strafmass für einen Mord ist. Deutlich wird, wie unterschiedlich diese beiden das bewerten und wie verschieden jeder von uns dies bewerten würde.

»Eine Pause entstand, bevor er mit gesenkter Stimme fragte: „Wäre das nicht auch für Sie ein akzeptabler Preis, Grand?“« (S.400)

Maximilian Seeses Schreibstil zeichnet sich durch eine besondere Beobachtungsgabe und sehr detailreiche Beschreibungen aus. Es werden Personen, Handlungsorte und Büroräumlichkeiten penibel genau gezeichnet. Was an manchen Stellen sehr schön und passend ist, da es die Stimmung perfekt transportiert oder einen Charakter zu zeichnen hilft, ist wiederum an anderen Stellen sehr störend.
Grad die Szenen im Dartmoor gewinnen durch diese stimmigen Beschreibungen ganz viel, der Leser ist hautnah dabei, spürt das unwirtliche, unheimliche in diesen Momenten. Aber vor allem die Actionszenen leiden unter diesem Beschreibungszwang. Immer wieder werden sie von Gedankengängen unterbrochen und dass sich jemand in der Hitze des Gefechts zügig bewegt, versteht sich meiner Meinung nach von selbst. Das darf man als Autor gerne auch etwas der Fantasie des Lesers überlassen.
Oft empfand ich den Thriller als nur wenig überraschend. Die Wendungen waren für mich eher vorhersehbar und meistens erwies sich meine Vermutung dann auch als richtig. Und leider enttäuschte mich auch die Auflösung zum Schluss des Buches. Irgendwie wirkte sie für mich hölzern und konstruiert und warf mehr Fragen auf, als eigentlich beantwortet wurden. Ich meine, wie schafft es jemand – und sei er noch so einflussreich – dass wirklich alle Spuren einer menschlichen Existenz ausgelöscht werden?  Oder wie bitte stellt es ein Normalsterblicher an, seine DNA mit derjenigen seines Bruders zu vertauschen?

Aber irgendwie hat dieses Erstlingswerk doch etwas, dass mich gepackt hat und tief in die Geschichte eintauchen liess. Trotz aller Kritik ist es solide geschrieben und gut recherchiert. Ich bin überzeugt, dass wir noch ganz viel von Gordon Grand und Sean Bradock lesen werden. Zumindest ich würde mich darüber freuen.

Fazit:

Strandlektüre„Was der Nebel verbirgt“ ist ein packender und gut recherchierter Thriller, der uns in die unheimliche Landschaft des Dartmoor und in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche führt. Stellenweise werden die Beschreibungen etwas langatmig und viele Wendungen sind vorhersehbar. Dennoch lässt einem die Geschichte nicht mehr los und man ist mit Eifer bei den Ermittlungen von Gordon Grand und Sean Bradock mit dabei.


Über den Autor:

Maximilian Seese wurde 1994 in Bad Hersfeld geboren. Seit 2013 studiert er an der Georg-August-Universität Göttingen Kulturanthropologie und Philosophie.
Seine grosse Leidenschaft gilt der Literatur und den Worten – geschrieben oder gesprochen. „Was der Nebel verbirgt“ ist sein Debüt als Krimi-Autor. (Quelle: Amazon)


Verlagsinfo:

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© Edition M

Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

erschienen am 13. Dezember 2016
im Verlag Edition M
erhältlich als Taschenbuch und eBook
418 Seiten
ISBN: 978-1-503-94306-3

Hier gehts zur Leseprobe.

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

4 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Was der Nebel verbirgt“ von Maximilian Seese

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