[Buchbesprechung]: „Die Knochenuhren“ von David Mitchell

»Sie […] haben mich geheilt. Geheilt von der grausamen Krankheit Sterblichkeit. Sie befällt jeden. Die Jungen halten eine ganze Weile durch, aber irgendwann endet selbst der zäheste Patient als vertrockneter Embryo, […] als dürre, durchsichtige, undichte Knochenuhr, deren Gesicht verrät, wie wenig Zeit ihr noch bleibt.« (S.683)

Erster Satz

Ich reisse die Vorhänge auf, und da ist der durstige Himmel und der breite Fluss voll mit Booten und Schiffen, aber ich denke schon wieder nur an Vinnys schokoladige Augen, Schampooschaum auf Vinnys Rücken, Schweissperlen auf Vinnys Schultern, an Vinnys schelmisches Lachen, und mein Herz tickt aus, o Gott, wäre ich doch jetzt bei Vinny in der Peacock Street und nicht in meinem dämlichen Zimmer.

Verlagstext

An einem verschlafenen Sommertag des Jahres 1984 begegnet die junge Holly Sykes einer alten Frau, die ihr im Tausch für „Asyl“ einen kleinen Gefallen tut. Jahrzehnte werden vergehen, bis Holly Sykes genau versteht, welche Bedeutung die alte Frau dadurch für ihre Existenz bekommen hat.
Die Knochenuhren folgt den Wendungen von Holly Sykes‘ Leben von einer tristen Kindheit am Unterlauf der Themse bis zum hohen Alter an Irlands Atlantikküste, in einer Zeit, da Europa das Öl ausgeht. Ein Leben, das gar nicht so ungewöhnlich ist und doch punktiert durch seltsame Vorahnungen, Besuche von Leuten, die sich aus dem Nichts materialisieren, Zeitlöcher und andere kurze Aussetzer der Gesetze der Wirklichkeit. Denn Holly – Tochter, Schwester, Mutter, Hüterin – ist zugleich die unwissende Protagonistin einer mörderischen Fehde, die sich in den Schatten und dunklen Winkeln unserer Welt abspielt – ja, sie wird sich vielleicht sogar als deren entscheidende Waffe erweisen.
Metaphysischer Thriller, moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns – dieser kaleidoskopische Roman mit seiner Vielfalt von Themen, Schauplätzen und Zeiten birst vor Erfindungsreichtum und jener Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.

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Meine Meinung

Wie bespricht man ein Buch, dass einem sprachlos zurück lässt, dass voller unterschiedlicher Geschichten und Genres ist? Ich bin grad etwas ratlos. Wie viele Ideen und überraschende Wendungen passen in ein einziges Buch? Es ist wirklich so, David Mitchell lässt den Leser einfach mal sprachlos und nach Atem ringend zurück, nach dieser geballten Ladung an Ideen und geflügelten Wortkreationen. Oder habt ihr schon mal von Anachoreten und Knochenuhren gehört?

Im Grunde wird die Lebensgeschichte von Holly Sykes erzählt, die als junges Mädchen von zu Hause ausreisst. Sie ist ein typischer Teenager, bockig, nervig und bis über beide Ohren verliebt. Und genau darum reisst sie auch von zu Hause aus. Auf ihrer Odyssee zur Isle of Sheppey begegnet sie einer älteren Frau beim Angel und tut ihr einen Gefallen, in dem sie ihr „Asyl“ verspricht. Schnell vergisst Holly diese komische Begegnung wieder ohne zu wissen, wie wichtig dieses Versprechen in ihrem Leben einmal sein wird.
So führt sie ihr Leben fort, und wir erleben, wie sie heiratet und wie sie Witwe wird, wie sie an Krebs erkrankt und wieder genest. Nur hin und wieder wird ihr ruhiges Leben von mysteriösen Vorahnungen, Begegnungen und kurzen Zeitlücken heimgesucht.

»Er überreicht mir ein rundes Stück Pappe […], auf das er ein Labyrinth gezeichnet hat. […] ´Nimm es mit´, sagt er. ´Es ist diabolisch.´ ´Dia-was?´ `Diabolisch heisst teuflisch, Schwesterherz.´ ´Was ist so diabolisch an deinem Labyrinth?´ ´Die Dämmerung verfolgt dich, wenn du hindurchgehst. […] Eine falsche Abzweigung in eine Sackgasse, und es ist aus mit dir. Darum musst du dir den Weg genau einprägen.´« (S. 15-16)

Die Geschichte ist unterteilt in sechs grosse Abschnitte. Lediglich im erste und im letze Abschnitt wird die Handlung aus der Sicht von Holly erzählt, Anfang und Ende. Die restlichen Abschnitte, denen immer ein grösserer Zeitsprung voran geht, erzählen von ganz anderen Geschichten und Personen, deren Verbindung zu Holly oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Als Leser musste ich mich so immer wieder auf neuen Gegebenheiten und Umstände einstellen und oft tappte ich auch im Dunkeln. Wurden doch diese grösseren und kleineren Zusammenhänge erst am Schluss des jeweiligen Abschnittes deutlich.
Jeder einzelne Zeit- und Handlungsabschnitt ist wie eine Geschichte in der alles überspannenden Hauptgeschichte. Und jede dieser Geschichten in der Geschichte lässt sich auch einem anderen Genre zuordnen. So kommt ein Coming of Age Roman ebenso darin vor, wie eine Kriegsreportage, ein Fantasy Roman und eine düstere Endzeitstimmung in einer Dystopie.

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Ich muss gestehen, grad zu Beginn haben mich diese Zeitsprünge und Perspektivwechsel doch sehr verwirrt, da sie natürlich meistens an besonders interessanten Stellen sind. So muss man sich als Leser ganz oft komplett neu orientieren, sich auf neue Gegebenheiten und einen neuen sprachlichen Ausdruck des Autors einstellen. Und grad am Anfang, wenn man noch nicht richtig in der Geschichte drin ist, ist es wirklich mühsam.
Nach und nach offenbaren sich die einzelne Zusammenhänge und im fünften Abschnitt fügen sich dann alle noch so kleinen Teile dieses Puzzles zu einem wundervollen, alles überspannendem Ganzen. Und das ist wirklich beeindruckend, wie es David Mitchell gelingt aus vielen kleinen Einzelgeschichten eine grosse einheitliche und gewaltige Geschichte zu schaffen.

»Macht wird verloren oder gewonnen, sie lässt sich weder erschaffen noch zerstören. Macht gehört nicht den von ihr Ermächtigten, sie ist nur ein temporärer Gast. Wahnsinnige streben nach ihr, viele geistig Gesunde ebenfalls, die Weisen aber fürchten ihre Langzeitnebenwirkungen. Macht ist Crack für das Ego und Batteriesäure für die Seele. Macht kommt und geht, von Wirt zu Wirt, durch Kriege, Eheschliessungen, Wahlurnen, Diktate oder reinen Zufall. Ob die Machthabenden der Gerechtigkeit dienen und die Welt neu gestalten oder blühende Landschaften in rauchende Schlachtfelder verwandeln und Wolkenkratzer zum Einsturz bringen, die Macht an sich ist immer amoralisch.« (S.133-134)

David Mitchell erzählt aber nicht nur Hollys Lebensgeschichte, sondern auch die Geschichte der Horologen und Anachoreten. Die Horologen sind die Guten, unsterbliche Überzeitliche, deren Seelen nach dem Tod in den Körper eines anderen Menschen fahren. Die Anachoreten sind die Bösen, die sich ihre Unsterblichkeit durch Mord erkaufen. Seit je her herrscht zwischen ihnen eine Fehde und der alles entscheidende Kampf steht bevor. Auch Holly wird in diesen Kampf hineingezogen, da sie als Teenager eine einfache Frage mit „Ja“ beantwortet hat.
In dieser Fehde vereinen sich Esoterik und Fantasy, was ich als sehr gelungen empfand. Vor allem weil dies übernatürlichen Elemente in den ersten vier Abschnitten so schnell aus der Geschichte verschwinden, wie sie gekommen sind. Das sorgt zu einem grossen Teil für Verwirrung, nicht nur bei mir als Leser, sondern auch bei den Protagonisten selbst, die oftmals ihren eigenen Augen nicht trauen. Durch diese übernatürlichen Elemente wird allerdings auch die Spannung unterschwellig hoch gehalten.

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Sehr spannend ist auch der sechste Abschnitt, Mitchells düstere Zukunftsvision zu lesen. Er hat sich eingehend mit der Frage beschäftigt, wie wohl unsere Welt in der Zukunft aussehen wird und inwieweit sie sich noch verbessern und entwickeln kann. Von daher ist sein Ansatz, dass die Entwicklung rückläufig sein wird, sehr interessant zu lesen. Und durchaus plausibel wie ich finde, da irgendwann die Ölreserven aufgebraucht, die Klimaveränderung zu dramatisch und somit auch die Umwelt zu sehr geschädigt sein werden, dass wir sie noch nutzen können.
So bildet der sechste Abschnitt einen würdigen Abschluss für diesen, ich kann es nicht anders ausdrücken, allumfassenden Roman.

Ebenso beeindruckend wie die einzelnen Geschichten selbst, ist auch die Sprache von David Mitchell. Er schafft es, seine Figuren durch wenige Worte sehr lebendig wirken zu lassen. Vor allem im ersten Abschnitt finde ich Holly wunderbar getroffen und als Leser kann man sich ihr Verhalten und ihre Denkweise nur allzu bildlich vorstellen.
Zudem ist Mitchell der inoffizielle Meister der Wortkreationen. Da wäre das »perfekte transsylvanische Quietschen« mit dem Kirchentüren geöffnet werden oder der »Gorgonzola-und-Farbverdünner-Atem«, der Brechreiz verursacht. Nur um zwei Beispiele zu nennen.
Und auch auf das Cover möchte ich euch kurz hinweisen, da es mit seinen vielen, liebevollen Details äusserst passend zur Geschichte ist. Es enthält viele kleinen Details, wie der goldene Apfel, den Leuchtturm, oder die Kassette, die wichtig für die Geschichte sind. Aber auch das Fluss ähnliche Gebilde, auf dem die Gegenstände dahin gleiten, hat in der Geschichte einen grossen Part inne.

Fazit

HighlightIch möchte diesen grandiosen Roman wirklich jedem ans Herz legen, da er einfach für jeden Geschmack etwas bietet. Für Fans von Fantasy Romanen ebenso, wie für Liebhaber von Jugendbüchern oder Dystopien. Für Jene, die gerne aus der Vergangenheit lesen, aber auch für die, die sich Zukunftsvisionen ausdenken. Ein bisschen Action, Esoterik und Liebe werdet ihr in diesem Buch genau so finden, wie Gesellschaftskritik und psychologische Betrachtungen vom Leben.
„Die Knochenuhren“ ist ein Buch, dass sich nicht einfach in Worte fassen lässt und das am besten selbst gelesen und erfahren wird.


Über den Autor

David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancaster, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Er gehört zu jenen Autoren, deren Thema nichts weniger als die ganze Welt ist. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. Sein Weltbestseller Wolkenatlas wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt.
Heute lebt David Mitchell mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty, Irland. (Quelle: Rowohlt)


Verlagsinfo

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© Rowohlt Verlag


Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagshomepage.

Erschienen am 11. März 2016
im Rowohlt Verlag
Übersetzt von Volker Oldenburg
Originaltitel: The Bone Clocks
816 Seiten
Erhältlich als Hardcover und eBook
Das Taschenbuch erscheint im Juli 2017 ebenfalls im Rowohlt Verlag

ISBN:  978-3-498-04530-2

Hier geht es zur Leseprobe.

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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

6 thoughts on “[Buchbesprechung]: „Die Knochenuhren“ von David Mitchell

  1. Hallo Nele!

    Eine wirklich tolle Rezi und ich kenne das wenn ein Buch einen so überwältigt hat das man nicht mehr weiss wie man das alles in Worte fassen soll. Dieses Buch steht schon länger auf meiner WuLi und ich hoffe es mir wirklich mal zu holen. Denn es klingt nach einer Geschichte ganz nach meinem Geschmack.

    Ich werde aber wahrscheinlich warten bis es als TB raus kommt, denn ich habe mit den Händen ab und an Probleme und so schwere und grosse Teile mag ich nicht mehr all zu lange halten ohne das sie dann schmerzen. Ich weiss, es gäbe ja noch das eBook, aber ich kann mich nur schwer überwinden solche auch zu lesen, auch wenn sie bei mir kein tabu sind und auch schon sehr gerne gelesen wurden.

    Na mal sehen… kommt zeit kommt Buch *gg*

    Ich wünsch dir noch einen schönen Abend und lass dir liebe Grüsse da
    Alexandra

    Gefällt 1 Person

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