[Buchbesprechung]: „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

»Du bist nicht schuld an deiner Kindheit und am Tod deiner Eltern. Aber du bist schuld daran, was diese Dinge mit dir machen. Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast.« (S.185)

Erster Satz:
Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Verlagstext:

»Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiss nie, wann er zuschlagen wird.« (S.136)

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine grosse Liebesgeschichte.

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Meine Meinung:
Von vielen Kritikern und Bloggern wird der neue Roman von Benedict Wells hoch gelobt. Und auch meine Kollegin schwärmt in den höchsten Tönen davon. Kein Wunder also, dass ich neugierig wurde und mir dieses Buch näher ansehen wollte.

»Was wäre das Unveränderliche an dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?« (S.275)

Die Geschichte von Jules und seinen älteren Geschwistern Liz und Marty, die bei einem tragischen Autounfall ihre Eltern verlieren und anschliessend auf ein Internat kommen, braucht etwas, bis sie in Fahrt kommt. Nach den ersten 50 bis 100 Seiten fragte ich mich wirklich, was all diese Lobeshymnen rechtfertigt. Nach diesem etwas harzigen Einstieg entwickelt die Geschichte dann aber einen derartigen Sog, dass man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen würde. Dies liegt vor allem an der wunderschönen und überhaupt nicht kitschigen Liebesgeschichte von Alva und Jules, aber auch an den sehr lebensechten Charakteren, die so langsam an Konturen gewinnen.

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Nach dem Autounfall der Eltern kommen die Geschwister auf ein Internat, doch jeder geht mit den tragischen Ereignissen anders um. Liz wird zu einer Lebefrau, experimentiert mit Drogen und reist durch die Weltgeschichte. Marty entwickelt sich zum typischen Computernerd, und kaschiert seine seelischen Verletzungen mit Ticks, die ihn im Lot halten. Und Jules wird zu einem introvertierten Jungen, der sich in philosophischen und poetischen Gedanken verliert und wahnsinnig gerne Geschichten schreibt.
So lernt ihn Alva, ein Mädchen mit roten Haaren kennen, die ihre Nase oft in Bücher steckt und in Jules einen Seelenverwandten findet. Die zwei verbindet eine Tiefe Freundschaft, welche durch ein tragisches Missverständnis ein jähes Ende findet. Viele Jahre müssen vergehen, bis sie sich wieder treffen. Und sofort spürt der Leser, dass da etwas zwischen Jules und Alva ist, etwas Tiefes, Bedeutendes.
Gebannt folgt man der Geschichte und lässt sich von ihr verzaubern. Über viele Jahre begleitet der Leser die Geschwister auf ihrem Weg, erlebt Freude, Trauer, Hilflosigkeit, Einsamkeit mit ihnen und durchfährt eine wahre Achterbahn der Gefühle.

»Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem grad emotional nahe ist.« (S.213)

Der Roman ist mehr als nur die Liebesgeschichte von Alva und Jules. Er ist vielmehr auch Familiengeschichte und Philosophische Betrachtung des Lebens. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf Jules liegt, so werfen wir als Leser immer wieder einen Blick auf den Lebensweg seiner Geschwister. Faszinierend daran ist vor allem, wie diese drei Persönlichkeiten völlig verschieden mit dem Schicksalsschlag ihrer Kindheit fertig werden und ihren Weg gehen. Was definiert uns als Mensch und wie gehen wir damit um? Geschickt flicht Benedict Wells immer wieder philosophische Fragestellungen in seine Geschichte mit ein.
Des Öfteren habe ich mich gefragt, wo den jetzt eigentlich der Schwerpunkt dieses Buches liegt. Und ich glaube, dass es genau diese philosophischen Fragen sind, die einem dazu anregen, über sein Leben und seine Entscheidungen nach zu denken und schlussendlich für das zu kämpfen, was einem am Herzen liegt.

Und auch das Ende empfand ich als perfekt für diese ruhige und tiefgründige Geschichte. Es ist weder gekünstelt, noch kitschig oder unglaubwürdig. Es sagt schlicht und einfach das aus, was der Titel ja eigentlich schon vorweg nimmt: das Ende der Einsamkeit.

»Was, wenn es die Zeit nicht gibt? Wenn alles, was man erlebt, ewig ist und wenn 
nicht die Zeit an einem vorübergeht, sondern nur man selbst an dem Erlebten?« (S. 327)

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Sprachlich überzeugt „Vom Ende der Einsamkeit“ von Beginn weg. Benedict Wells schreibt intelligent und bedient sich ausgefeilter Worte. Wüsste ich nicht, dass der Autor 1984 geboren ist, so würde ich hinter dieser feinen Art sich auszudrücken eher einen älteren, gesetzteren Herren vermuten. Doch dem ist nicht so und so wirkt die Sprache weder altklug noch behäbig, sondern einfach äusserst präzise und fliessend. Den grössten Beweis dafür sind wohl die aber tausend Post-it’s in meinem Buch, die die schönsten Textstellen markieren.


Fazit:
Highlight
Mit „Vom Ende der Einsamkeit“ hat uns Benedict Wells einen wortgewaltigen, klugen und zutiefst emotionalen Roman geschenkt, der in den Köpfen der Leser wohl noch lange nachhallt. Geschickt verflicht der Autor philosophische Fragen zum Leben mit den unterschiedlichen Lebenswegen der Geschwister. Dieser traurig schöne Roman ist ein Muss für alle, die sich von einem Buch mehr als einfach nur Zerstreuung erhoffen.


Verlagsinfo:

Die Rechte am gezeigten Cover, am Klappentext und zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag und dem Autor/der Autorin.

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© Diogenes Verlag
erschienen am 01. März 2016
im Diogenes Verlag
Hardcover Leinen
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06958-7
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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

8 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

  1. Was für eine schöne Rezension. Du kannst wirklich toll schreiben. Ich lese das Buch gerade und der Anfang fesselt mich gerade auch nicht so. Das hat mich total überrascht, weil das Buch doch von allen so gelobt wurde. Aber wenn es dir auch so ging, dann halte ich jetzt noch ein bisschen durch 😉 mal sehen, was da noch so kommt.
    Ganz liebe Grüße,
    Julia

    Gefällt 1 Person

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