[Buchbesprechung]: „Windgeflüster in Fella“ von Lara Kessing

»Dass für den Abend wieder eine Unwetterwarnung ausgesprochen wurde, hatte Sorija nicht in Angst versetzt. Es war derWind, der jeden ihrer Schritte unruhiger machte.« (S.4)

Erster Satz:
Der Wind zerrte wild an ihren langen nussbraunen Haaren, während ein ungutes Gefühl sie zur Eile trieb.

Klappentext:
Sorijas Welt ändert sich von einem Tag auf den anderen. Ein zerstörerischer Hagelsturm wütet in Fella und sorgt dafür, dass die Senk, eine Gruppe gewaltbereiter Fella-Bürger, die Kontrolle übernehmen. Während Sorija um ihr Überleben kämpft, unterläuft ihr ein gravierender Fehler und sie hat nur einen Versuch, diesen Fehler wiedergutzumachen.
Schnell wird klar: Die Senk bleiben dabei nicht ihre einzigen Feinde und die Liebe wartet nicht auf einen günstigen Zeitpunkt. Um ihr Ziel zu erreichen, muss Sorija die Rolle ihres Lebens spielen.

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Meine Meinung:
Es gibt Bücher, die überraschen mich positiv, reissen mich mit und beinhalten so viel mehr, als ich es mir erhofft hatte. Das sind die Bücher, für die ich alles stehen und liegen lasse und die ich jedem mit gutem Gewissen weiter empfehle
Leider gibt es aber auch Bücher, die mich enttäuschen, die ihr Versprechen nicht halten und ein leicht schales Gefühl zurück lassen. Und weil ich weiss, wie viel Zeit und Herzblut hinter „Windgeflüster in Fella“ steckt, tut es mir persönlich fast etwas im Herzen weh, dass dieses Buch in die Kategorie enttäuschend fällt.

Warum ich das so empfinde, werde ich noch genauer erläutern. Nun aber zuerst etwas zum Inhalt. Sorija lebt mit ihren Eltern sowie zwei älteren Brüdern und der jüngeren Schwester Mirina in Fella, das in vier Sektoren aufgeteilt ist. Eines Tages zieht ein fürchterliches Unwetter auf, welches begleitet von einem Hagelsturm die gesamte Infrastruktur zerstört. Das Chaos, das darauf folgt, machen sich die Senk, eine Gruppe gewaltbereiter Fella-Bürger, zu nutze und reissen die Macht an sich. Sie herrschen mit einer harten Hand, wer nicht für sie kämpft, kämpft gegen sie.
Zusätzlich zu all der Zerstörung brachte der Hagelsturm eine geheimnisvolle Seuche mit sich. Niemand weiss, wie sie sich überträgt und ob sie heilbar ist. Um die Ausbreitung einzudämmen, richten die Senk einen Quarantänebereich ein, in den alle Kranken verfrachtet werden. Doch bald finden sich dort nicht nur Kranke, sondern auch politische Gegner und Querulanten.
Sorija und ihre Familie verstecken sich im Keller ihres eingestürzten Hauses vor den Senk. Nur ab und zu wagen sich ihre Brüder uns sie hinaus um nach Nahrung und Wasser zu suchen. Als sie von einem ihrer Streifzüge zum Versteckt zurück kehrt, beobachten sie, wie die Senk ihre Familie und Freunde abführen. Durch eine List gelingt es ihnen, die Gefangenen zu befreien. Allerdings werden sie im ganzen Durcheinander getrennt und Sorija muss sich mit Mirina alleine zum vereinbarten Treffpunkt in Sektor Vier durchschlagen.
So beginnt ein grosses Abenteuer, in dessen Verlauf Sorija in den Quarantänebereich einbricht, um ihre Schwester zu retten und eine Revolte gegen die Cheftruppe, die Machthaber innerhalb des Quarantänebereichs, anzuzetteln. Unterschlupf findet sie bei Reva und ihren Mitbewohnern, Unterstützung bei Lask, in den sie sich auch nach und nach verliebt. Wäre da bloss nicht Tello, Lasks Bruder, der dem ganzen Vorhaben noch gefährlich werden könnte.

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Auch wenn mich dieses Buch alles in allem nicht überzeugen konnte, so ist es doch nicht einfach nur schlecht. Ich möchte einen etwas differenzierteren Blick darauf werfen.
Als ein grosses Plus empfand ich die konsequent voranschreitende Handlung. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Autorin den Leser hinhalten will, oder das Buch unnötig in die Länge zieht. Von Anfang an war da ein Fluss, der die Geschichte vorwärts zog oder wie es im Buch immer wieder so schön heisst, der Wind schiebt die Handlung vorwärts und weist uns die Richtung. Überhaupt fand ich die Rolle des Windes in diesem Buch wunderbar. Da hatte Lara Kessing eine tolle Idee, der Wind als stiller Zuhörer, Überbringer von Nachrichten und Freund.
Nicht nur der Wind scheint ein Darsteller in der Geschichte zu sein, immer wieder tauchen auch Gefühle und Empfindungen auf, die sich zwischen den Leuten verstecken. So spazieren die Hoffnungslosigkeit und die Gleichgültigkeit über den Markt im Quarantänebereich, oder das schlechte Gewissen fläzt sich in einem Sessel und isst Chips.

»[…], doch das schlechte Gewissen hatte es sich bei ihr gemütlich gemacht und dachte gar nicht daran zu gehen. Mit Chips und Cola bewaffnet, fläzte es sich in einem Sessel und sah genüsslich dabei zu, wie Sorija sich quälte.« (S. 85-86)

Ebenfalls toll zu lesen, war die Liebesgeschichte zwischen Lask und Sorija, wie sie sich erst nicht über den Weg trauen und dann aber so langsam die Geheimnisse des jeweils anderen aufdecken. Wie aus Misstrauen Verständnis wird und dann nach und nach immer mehr Gefühl ins Spiel kommt. Ich weiss, dass dies nicht das Hauptthema des Buches ist und doch hätte für meinen Geschmack noch etwas mehr von den beiden darin enthalten sein dürfen. Zusätzliche Spannung in diese ganze Liebesgeschichte brachte Tello, Lasks Bruder, der ziemlich wichtig für Sorijas Vorhaben wird. Ihre Taktik, mit ihm umzugehen, war äusserst amüsant zu lesen.
Überhaupt schreibt Lara Kessing mit einem Humor, der mir sehr zusagt. Die Dialoge sind oft überraschend witzig und locker.

»Krisa liess ein raues Lachen hören. »Ich habe dir nur einen Rat gegeben, was du tun solltest, wenn du die Leute nicht wütend machen willst. Niemand sagt, dass ich sie nicht wütend machen will.« (S.18)

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Wie ich bereits erwähnte, entspricht dieses Buch nicht uneingeschränkt meinem Lesegeschmack, daher gibt es auch einige Punkte, die ich hier etwas kritisch betrachten möchte.
Angefangen mit dem Schauplatz der Handlung, Fella selbst. Ich konnte für mich gar nicht einordnen, wie zum Beispiel die politische Lage in Fella vor dem Hagelsturm war. Warum ist es in vier Sektoren eingeteilt? War das schon immer so? Wie war die Regierung bevor die Senk das Ruder an sich rissen? Herrschte da auch schon Ungerechtigkeit und Angst? Leider beginnt die Geschichte just am Tag des grossen Unwetters, so dass die Autorin gar keine Zeit hat ihren Lesern wichtige Hintergrundinformationen zu vermitteln. Aber dies ist, grad wenn die Geschichte in einer anderen Welt oder einem anderen politischen System spielt, entscheidend für das Verständnis und die Identifikation. So konnte ich leider gar nicht richtig in die Welt von Fella eintauchen, weil ich mir einfach keine passende Vorstellung davon machen konnte.
Das Gleiche gilt auch für Sorija und ihre Familie. Da wir grad mitten in die Handlung geworfen werden, ist keinen Platz, um das Verhältnis der Familie untereinander zu beleuchten oder die Charaktere sorgfältig aufzubauen. Im Buch wird immer wieder erwähnt, dass Sorija ängstlich und vorsichtig ist. In ihren Handlungen kann ich hierfür jedoch nicht wirklich einen Hinweis entdecken. Und nur weil sie bei einem solchen Sturm, wie er zu Beginn des Buches tobt, lieber in den sicheren Vierwänden ist, zeigt mir das noch nicht, dass sie ein Angsthase ist. Genauso wie für mich Mirina nicht mutig ist, weil sie, während der Wind tobt, noch schnell ihre Freundinnen besuchen möchte.
Allgemein empfand ich die Charaktere als sehr blass und leblos, so dass ich mich nur schlecht mit ihnen identifizieren konnte. Viele ihrer Handlungen blieben für mich unlogisch und nicht nachvollziehbar. So möchte Reva Sorija am liebsten aus ihrer Wohnung schmeissen, weil sie alle mit ihrem Plan in Gefahr bringt. Zwei Absätze weiter unten meint sie jedoch, dass Sorija einen Unterschlupf brauche, um sich zu verstecken.
Und es ist doch auch sehr verwunderlich, dass Sorija in einer Welt, in der das Böse regiert, immer wieder auf Menschen trifft, die ihr unter grösster Gefahr versuchen zu helfen, und das, obwohl sie sie nicht kennen. Nicht einmal gerät sie an den Falschen.
Und als Leser fand ich es auch sehr schade, dass man nur den Erlebnissen von Sorija gefolgt ist. Was ist mit ihrer Familie geschehen? Haben es die Eltern und ihre Brüder in den Sektor Vier geschafft? Ich denke, ein Perspektivwechsel hätte der Geschichte noch etwas mehr Würze und Tiefe verleihen können.

Gerne würde ich noch ein paar lobende Worte über Lara Kessings Schreibstil sagen, doch auch hier wurde ich enttäuscht. Über weite Strecken hatte ich das Gefühl den Aufsatz einer Gymnasialschülerin zu lesen, einer talentierten zwar, aber trotzdem. Ihre Wortwahl, wie auch der Satzbau bleiben meist sehr einfach, wenig verschachtelt oder verschnörkelt. Das konnte mich nicht begeistern und mitreissen.
Gelungen hingegen finde ich das Cover des Buches, die fliegenden Haare von Sorija und das dunkle Blau als Himmelsfarbe passen hervorragend zur Geschichte.

»Was ist das Wertvollste, was ein Mensch besitzt? Seine Freiheit! Dagegen sind die drei Seifenstücke Kaninchenkacke.« (S.223)

Fazit:
GeschmacksacheLara Kessings Debüt „Windgeflüster in Fella“ konnte mich nicht überzeugen. Vor allem fehlte es mir an Hintergrundinformation zum Handlungsort und emotionaler Tiefe der Protagonisten. Ich hoffe sehr, dass der Leser diesbezüglich in den nachfolgenden Bänden etwas mehr geboten bekommt. Ich kann mir jedoch auch vorstellen, dass eine etwas jüngere Leserschaft sich sehr gut mit Sorija identifizieren kann und so mit ihr mitfiebert wie die Geschichte ausgeht.


Buchinfo:

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Lara Kessing für das Rezensionsexemplar. Meine persönliche und ehrliche Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

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© Lara Kessing
erschienen am 30. September 2016
Self Publisher

erhältlich als eBook und Taschenbuch bei Amazon

412 Seiten
ASIN: B01LX23S19

 

 

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

Ein Kommentar zu „[Buchbesprechung]: „Windgeflüster in Fella“ von Lara Kessing

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