[Buchbesprechung]: „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ von Kees van Beijnum

»Ein Zeitalter ist abgeschlossen, das spürt er, ohne eine Ahnung zu haben, was an seine Stelle treten wird. Und die Veränderung betrifft nicht nur ihn, sondern hat weit grössere Auswirkungen. Der Krieg war so anders, als er ihn sich vorgestellt hat, aber der Frieden ist womöglich noch seltsamer.« (S.49)

Erster Satz:
Es ist Donnerstag, heute Abend wird er sie sehen.

Verlagstext:
Tokio 1946: Der Richter Rem Brink ist vom niederländischen Außenministerium zu den sogenannten Tokioter Prozessen gesandt worden, um mit den Siegermächten die japanischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten. Brink ist sich seiner besonderen Verantwortung bewusst, sucht gleichzeitig aber auch Zerstreuung in einer Liaison mit der jungen Sängerin Michiko. Durch sie lernt er eine ganz andere, faszinierende Seite Japans kennen. Doch als Michiko ihn um einen Gefallen bittet, der seinen politischen und moralischen Grundsätzen widerspricht, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

Die Zerbrechlichkeit der Welt ist eine ergreifende Liebesgeschichte und ein Roman über kulturelle Fremdheit, Neuanfang, Schuld und Vergebung. Kees van Beijnum bettet dies eindringlich und authentisch in ein weltpolitisch bedeutsames, aber kaum bekanntes Kapitel der Nachkriegszeit ein.

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Meine Meinung:
Filme wie „Die Geisha“ oder „The Last Samurai“ liessen mich ja bereits in die faszinierende Kultur Japans eintauchen und weckten auch den Wunsch dieser so anderen Welt noch etwas näher zu kommen. Daher freute ich mich, als ich in der Buchhandlung meines Vertrauens den neuen Roman des Holländers Kees van Beijnum entdeckte.
Ich baute darauf, dass die angekündigte Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Tokioter Kriegsprozesse nicht all zu kitschig und rührselig werden würde und wurde nicht enttäuscht.

Wir schreiben das Jahr 1946, Japan ist zerrüttet, die Menschen hungern und kämpfen ums Überleben. Geichzeitig sind sie aber auch voller Zuversicht und Tatendrang ihre zerstörte Heimat wieder aufzubauen. Mittendrin befindet sich Rem Brink, holländer und Richter im internationalen Tribunal, welches die japanischen Kriegsverbrecher verurteilen soll. Ihm geht es allerdings weniger um das Verurteilen selbst, als um einen fairen Prozess, womit er bei seinen Kollegen, aber auch in seiner Heimat auf Unverständnis und Ablehnung stösst. Daher sucht er oft Zerstreuung im Tokioter Nachtleben, wo er auch Michiko kennen lernt. Zwischen ihnen bahnt sich eine zarte Liebesgeschichte an. Doch Brink befindet sich in einem immer stärker werdenden Zwiespalt zwischen seinen Werten als liebender Ehemann und Vater von drei Kindern zu Hause in Holland und seinen Gefühlen für Michiko, die ihn aufblühen lassen.
Aber auch Michiko selbst hat schwer zu kämpfen. Bei einem Bombenangriff auf Asakura verlor sie ihre ganze Familie und lebt nun bei einer reichen Europäerin, die ihr Gesangsstunden gibt. Während einer Soiree lernt sie Brink kennen. Doch als stolze und traditionsbewusste Japanerin fällt es ihr nicht leicht mit der Ablehnung und Verachtung umzugehen, die ihre Affäre mit dem Holländer ihr entgegenbringt.
Als dritte und äusserst spannende Erzählperspektive kommt jene von Hideki hinzu. Er kehrt als Invalide aus dem Krieg zurück und sucht verzweifelt nach einer neuen Berufung und einer Stellung in der Gesellschaft, was aber in einem Land im Umbruch ein schweres Unterfangen darstellt.

»Unter den Umständen zu leiden, das akzeptiere ich, aber ich hüte mich davor, an mir selbst zu leiden.« (S.270)

Abwechselnd wird nun die Geschichte aus einer der drei Erzählperspektiven geschildert. In den einzelnen Kapiteln verfolgt der Leser die Geschichte in einer chronologischen Reihenfolge, allerdings aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Dabei ist die Sprache von Kees van Beijnum ruhig und sehr atmosphärisch. Ich war immer wieder erstaunt, welche zarten Worte er für die einfachsten Begebenheiten zu finden vermochte, oder auch welchen Gräueltaten er ein fast schon  poetisches Kleid verpasste.

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„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ erzählt keine romantisch verklärte Liebesgeschichte. Es handelt vielmehr von einem Land im Umbruch, das seinen Weg zwischen der Tradition und der Moderne irgendwie noch finden muss. Es zeigt, was Menschen bereit sind zu tun, wenn sie am Abgrund stehen, denn fast jeder hat etwas oder jemanden verloren, es herrscht Angst, Egoismus, Korruption und Unverständnis, doch das Leben schreitet unbarmherzig voran.
„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ ist ein besonderes Buch. Besonders im Mittelteil weist es einige Längen auf, wo es weniger aufregend zu und her geht. Wobei ich fast behaupten mag, dass das Buch allgemein nicht durch seine Spannung besticht, sondern mehr durch seine Atmosphäre und die fremdländische Kultur. Aber auch in diesen Längen vermag das Buch irgendwie zu unterhalten und die Bindung zwischen dem Leser und den Charakteren zu vertiefen. Der ganze Roman ist in seiner Weise irgendwie traurig und tragisch aber auch zart und bezaubernd und schön.
Kees van Beijnum hat durch die Verflechtung dreier sehr unterschiedlicher und doch miteinander verbundener Charaktere und zusammen mit den ganzen Veränderungen, die Japan durch die Niederlage nach dem Zweiten Weltkrieg erdulden musste, einen vielschichtigen Roman geschaffen, der sich nicht einfach nur auf die Liebesgeschichte reduzieren lässt.

»Ich hasse die Menschen für ihre blinde Grausamkeit und ihren Machthunger. Ich hasste mein eigenes Unvermögen, dem etwas entgegenzusetzen. Vielleicht bin ich deshalb Richter geworden. Nur im Gerichtssaal werden die Mörder und die Lügner zur Verantwortung gezogen.« (S.84)

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Fazit:
Lese-Tipp
Auch wenn der Mittelteil des Buches einige Längen aufweist, so hat mich das Buch dennoch positiv überrascht. Mit seiner bildhaften und zarten Sprache erzählt Kees van Beijnum von drei unterschiedlichen Figuren, deren Schicksal einem nicht so schnell wieder loslässt. getragen wird die Geschichte zudem von der fremden und faszinierenden Kultur Japans.


Verlagsinfo:

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© C.Bertelsmann Verlag


Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
erschienen am: 3.Oktober 2016
im C. Bertelsmann Verlag
aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originaltitel: De Offers
Originalverlag: De Bezige Bij, Amsterdam 2014
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 480 Seiten
ISBN: 978-3-570-10281-7

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

2 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ von Kees van Beijnum

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