Rezension | Patrick Ness & Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

»Geschichten sind das gefährlichste von der Welt«, knurrte das Monster. »Geschichten jagen, beissen und verfolgen dich.« (S.45)

Erster Satz:
Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf.

Verlagstext:
Wir müssen die, die wir lieben, manchmal gehen lassen, um sie im Herzen zu behalten.
Manchmal fällt es unsäglich schwer, einen geliebten Menschen loszulassen. Manchmal fällt es unsäglich schwer, über das zu reden, was uns am meisten bedrückt. Und manchmal sind wir gerade in unserem tiefsten Leid mutterseelenallein. Es ist sieben Minuten nach Mitternacht. Wie jede Nacht erwartet Conor bange den Alptraum, der ihn quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Doch diese Nacht klopft etwas an sein Fenster und ruft seinen Namen: ein Wesen, das uralt ist und wild und weise – und das wie niemand sonst Conors Seele und seine geheimsten Ängste kennt. Von da an kommt das Wesen Nacht für Nacht, und allmählich begreift Conor, dass es der einzige Freund ist, der ihm in den schwersten Stunden seines Lebens zur Seite steht. Denn Conor wird zerrissen von der einen Frage, die er sich nicht zu denken und nicht auszusprechen wagt. Der Frage, ob er seine Mutter, die er über alles liebt, loslassen darf? Ob er sie nicht gar loslassen muss, um selbst nicht verloren zu sein?

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Meine Meinung:
So, hier ist nun des Rätsels Lösung. Im Rahmen des Buch-Dates durfte ich zwischen drei Geschichten wählen, die mir wortgeflumselkritzelkram empfohlen hat. Ohne viel nachzudenken, sondern mehr auf mein Bauchgefühl hörend, entschied ich mich für „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Patrick Ness und Siobhan Dowd.
Und falls ihr Lust auf ein paar weitere tolle Buchempfehlungen habt, so guckt im  Sammelbeitrag von wortgeflumselkritzelkram vorbei. Dort fasst sie alle Beiträge zum Buch-Date zusammen.

Bevor ich aber ein paar Worte über das Buch verliere, möchte ich auf die zwei Autoren eingehen, denn sie verbindet eine traurige Geschichte. Es ist kaum zu glauben, aber persönlich kannten sich die beiden nicht. Die Idee, sowie die Charaktere in diesem Buch stammen von Siobhan Dowd, doch sie kam nie dazu ihre Geschichte niederzuschreiben. Denn ihr fehlte die Zeit, wie Patrick Ness in seinem Vorwort erläuterte. Die Autorin starb 2007 an Krebs und so führte er ihre Gedanken fort und schrieb die Geschichte für sie auf.

Nun aber zum Buch selbst: Seit vielen Wochen schon leidet Conor O’Malley unter einem schrecklichen Alptraum. Und als wäre das nicht genug, erscheint ihm eines Nachts – genau sieben Minuten nach Mitternacht – ein riesiges Monster in Gestalt einer alten Eibe, die unweit seines Hauses steht. Dieses Monster erzählt Conor drei Geschichten und verlangt als Gegenleistung dessen eigene Wahrheit zu hören.
Doch von all dem darf sich Conor nichts anmerken lassen. Er muss stark sein, für sich und seine Mutter, die aufgrund ihres Krebsleidens ans Bett gefesselt ist. In der Schule ist er der Aussenseiter, wird gemobbt und legt sich mit seiner einzigen verbliebenen Freundin an.
All diese Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten lässt Conor stoisch über sich ergehen. Aber so langsam wächst in seinem Bauch eine unbändige Wut heran.
Wie lange kann das gut gehen?

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 »Manchmal müssen die Menschen vor allem sich selbst belügen.« (S.72)

Conor weiss, dass seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist, diese Wahrheit lässt er aber nicht an sich heran, weil sie ihn viel zu sehr schmerzt. Darum gibt er sich nach aussen stark, selbstständig und gleichgültig. Er will nicht von jedem wie ein rohes Ei behandelt und mit übermässigem Verständnis konfrontiert werden. Gegenüber seiner Grossmutter gibt er sich besonders störrisch und verschlossen.
So frisst Conor seine Trauer und seine Hilflosigkeit immer mehr in sich hinein, bis ihm das Monster erscheint. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Conors Wahrheit ans Licht zu bringen, seinen Alptraum von seinen tiefsten Gefühlen und seiner Angst vor dem Loslassen.

»Dein Verstand ist bereit, tröstliche Lügen zu glauben, obwohl er die schmerzhafte Wahrheit kennt, die diese Lügen notwendig macht. Und dein Verstand wird dich dafür bestrafen, dass du beides glaubst.« (S. 201)

Patrick Ness hat es wirklich geschafft ein eindrückliches und nachhallendes Werk aus der Grundidee von Siobhan Dowd zu erschaffen. Die Geschichte ist authentisch und geht unter die Haut. Und auch die Entstehungsgeschichte rund um die Krankheit von Siobhan Dowd geht ans Herz.
Die drei Geschichten, die das Monster Conor erzählt, sind sehr aussagekräftig und oftmals muss man etwas länger überlegen, bis man den tieferen Sinn dahinter versteht. Meistens kommt es ganz anders, als man denkt. Auch Conors Geschichte ist nur schwer verdaulich, aber dennoch verständlich. Und durch diese drei Erzählungen kommt er den Wurzeln seines Alptraums und seiner Wahrheit immer näher und kann sich schlussendlich seiner grössten Angst stellen.
Zudem empfinde ich die Szenen mit Conors Mutter als äusserst realistisch. Schonungslos wird ihre Krankheit aufgezeigt, ihre Schwäche, ihre Müdigkeit und die kräftezehrenden Behandlungen.

Da die Aufgabe beim Buch-Date ja auch beinhaltete, Bücher zu empfehlen, die man zu Weihnachten verschenken würde, leistete ich mir die Ausgabe mit den wunderschönen Illustrationen des Künstlers Jim Kay. Die Geschichte wird von diesen stimmungsvollen Bildern ganz wunderbar unterstützt. Beinahe auf jeder Seite sind Verzierungen und Abbildungen zu entdecken. Einige Doppelseiten wurden sogar für Illustrationen ganzer Szenen reserviert. Dabei geht Jim Kay äusserst behutsam vor und zwängt dem Leser nicht seinen persönlichen Eindruck auf. So zeichnet er beispielsweise Conor stets als weisse Silhouette, um es so dem Leser zu ermöglichen, sich sein eigenes Bild von den Charakteren zu machen.

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»Es gibt nicht immer einen Guten. Genauso wenig, wie es immer einen Bösen gibt. Die meisten Menschen sind irgendwas dazwischen.« (S. 74)

Trotz seiner starken und wichtigen Botschaft, sowie der wunderschönen Aufmachung vermochte mich das Buch nicht vollends zu überzeugen.
Unter anderem lag dies sicherlich am Schreibstil von Patrick Ness. Ich weiss, dass dieses Buch auch für jüngere Leser gedacht ist. Von daher ist seine einfache und jugendliche Sprache sicherlich angemessen. Dennoch vermochte sich bei mir dadurch kein wirklicher Genuss beim Lesen einzustellen. Ich blieb seltsam distanziert gegenüber den Charakteren und ihren Gefühlen und Gedanken. Auch die tränenreichen letzten Seiten, die so manch anderer Blogger beschrieben hat, blieben bei mir aus.
Zudem fand ich manche Charaktere sehr blass und zu wenig ausgearbeitet. So blieb mir die Grossmutter oder auch Conors Freundin Lily sehr fremd. Diese Distanziertheit zog sich für mich durch das ganze Buch, so konnte mich auch die Geschichte nicht ganz so fesseln, wie ich mir das eigentlich erhofft hatte.

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Fazit:
Lese-Tipp
„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist sicherlich keine einfache Lektüre für zwischendurch, man muss es lesen, um selbst ein Gefühl für die Geschichte und die Botschaft zu entwickeln. Das Buch behandelt nämlich ein Thema, dem sich jeder im Laufe seines Lebens stellen muss.

Die ganzen Beiträge zum Buch-Date werden von wortgeflumselkritzelkram in einem Sammelbeitrag zusammengefasst. Guckt doch dort mal vorbei für tolle Buchempfehlungen!


Verlagsinfo:

Die Rechte am gezeigten Cover, am Klappentext und zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag.

buchdate DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Erschienen am 29. August 2011
im Goldmann VerlagAus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Mit Illustrationen von Jim Kay
Gebundenes Buch, 216 Seiten, mit s/w Illustrationen
ISBN: 978-3-442-31280-1

 

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