[Buchbesprechung]: „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah

»In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.« (S.7)

Erster Satz:
Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.

Klappentext:
Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schliesst sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt?
In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern.

»Sich selbst eine Frage zu stellen, damit beginnt Widerstand. Und dann diese Frage einem anderen zu stellen.« (S.210)

– Remco Campert

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Meine Meinung:
Wie soll ich nur meine Gedanken und Gefühle über diesen bewegenden Roman in Worte fassen, ohne dass sie platt und abgelutscht wirken? Es wurde bereits so viel über „Die Nachtigall“ berichtet und gesagt, dass ich mich wahrscheinlich nur in eine Liste von vielen einreihen werde. Aber meine Gedanken zu diesem Buch einfach ungesagt lassen, würde der Geschichte auch nicht gerecht. Darum starte ich nun doch einen Versuch.

In ihrem Buch beschreibt Kristin Hannah den Alltag jenseits der Front, das einfache Leben zweier unterschiedlicher Schwestern während der Kriegszeit, wo alles knapp ist, Essen, Holz, Wärme.
Viannes Mann Antoine wurde an die Front einberufen, um gegen die vorrückenden Deutschen im 2. Weltkrieg zu kämpfen. Nun muss Vianne ganz alleine für sich und ihre Tochter schauen. Eine heile Welt bricht zusammen und Erinnerungen an den 1. Weltkrieg werden wach, wie ihr Vater als gebrochener Mann zurück kehrte. Vianne weiss, was Krieg heisst.
Ungefähr zeitgleich wird ihre jüngere Schwester von einem Mädchenpensionat geschmiessen und reist zu ihrem Vater nach Paris. Doch wir schreiben das Jahr 1939 und es geht nicht lange, bis die Deutschen in der Stadt einmarschieren. Da schickt sie der Vater zu ihrer Schwester aufs Land, wo es wahrscheinlich sicherer ist.
So treffen die zwei unterschiedlichen Schwestern wieder aufeinander. Vianne ist vorsichtig, ruhig und fürsorglich, während Isabelle ihr Herz auf der Zunge trägt und sich unerschrocken in Abenteuer stürzt.
Konflikte sind vorprogrammiert und dass sich ein Hauptmann der Wehrmacht in ihrem zu Hause einquartiert, verleiht der Situation noch zusätzlich Spannung.

»Krieg zog auf, und sie hatte geglaubt, das würde sich irgendwie in der Landschaft bemerkbar machen, vielleicht indem sich die Farbe des Grases änderte […] doch nun, während der Zug nach Paris dampfte, sah alles vollkommen normal aus.« (S.41)

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Anhand dieser zwei unterschiedlichen Charaktere zeigt Kristin Hannah auf, wie ein Krieg ein Land und seine Einwohner verändert und in unermessliches Leid stürzt. Schonungslos zeichnet sie die sechs Jahre unter Deutscher Besatzung nach und lässt nichts aus. Nicht wie die zurückgebliebenen Frauen lernen mussten alleine zurecht zu kommen und für ihre Familien zu sorgen, nicht wie sie hungern mussten, während sich die Besatzer die Bäuche voll schlugen und auch nicht, wie sie lernten Menschenleben zu retten und zu rebellieren.
Es ist wirklich keine einfache Lektüre und an manchen stellen musste ich das Buch für einen Moment aus der Hand legen, um mich wieder zu sammeln. Immer wieder kam mir beim Lesen der Gedanke, dass es erstaunlich ist, was ein Mensch zu ertragen Imstande ist und dann unweigerlich die Frage, wie ich mit der Situation umgegangen wäre. Wie hätte ich reagiert? Wäre ich eine rebellische Isabelle oder eher eine fürsorgliche Vianne?

Beide Frauen handelten für mich absolut nachvollziehbar und ihr Mut ist bemerkenswert. Beider Leben gerät durch den Krieg völlig aus den Fugen und entsprechend ihres unterschiedlichen Charakters, reagieren beide auch komplett verschieden auf diese Bedrohung für ihr Leben und ihre Freiheit.
Isabelle entschliesst sich zum aktiven Widerstand und tritt der Résistance bei. Sie bringt abgeschossene Piloten der Alliierten auf einer geheimen Route, dem Pfad der Nachtigall, über die Pyrenäen in Sicherheit. Vianne hingegen versucht ihrer Tochter ein möglichst normales Leben zu ermöglichen, trotz Ausgangssperre und Lebensmittelrationierung. Auf den ersten Blick scheint da klar, wer die mutigere der beiden Schwestern ist. Man muss schon zweimal hingucken, um die Stärke Viannes zu entdecken, die mehr im verborgenen liegt. Aus Angst um ihre Tochter erträgt diese nämlich die Demütigungen und Übergriffe des einquartierten Nazis und hungert, damit Sophie (ihre Tochter) genügen zu essen hat. Aber zutiefst beeindruckt hat sie mich durch eine andere Tat, die sie dem Tod nahe gebracht hat. Ich möchte jedoch nicht zu viel verraten.

»›Steig aus‹, sagte Rachel […] ›Das betrifft dich nicht.‹
›Das betrifft jeden‹, sagte Vianne«
(S.371)

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Das Schicksal von Vianne und Isabelle regt zum nachdenken an – wie hätten wir uns entschieden? Und es zeigt, dass Hoffnung, Liebe und Menschlichkeit auch in den dunkelsten Zeiten siegen.
Und glaubt mir, von den ein oder anderen Personen werdet ihr beim Lesen mehr als nur überrascht sein. Sind sie doch viel mehr, als sie scheinen, Vianne zum Beispiel. Oder auch der Vater der Schwestern, indem alle nur den verbitterten Säufer sehen, weil sie sich nicht die Mühe machen, hinter die Fassade zu blicken.

Manchmal, doch nur manchmal hätte ich mir etwas mehr Einbettung in die Geschichtlichen Tatsachen gewünscht. So dass ich als Leser die zeitliche Orientierung besser im Blick hätte halten können.
Und manchmal drückt Kristin Hannah auch etwas arg auf die Tränendrüse, wenn sie ein ums andere mal wiederholt, wie kalt der Winter war und wie schmerzhaft die Frostbeuelen an den Füssen.
Aber ganz ehrlich, stören tut dies bei der Lektüre so gut wie gar nicht. Ist doch das Thema des 2. Weltkrieges an und für sich schon ein sehr emotional aufgeladenes.

»Vielleicht ist es das einzig Vernünftige bei alldem was geschieht. Liebe meine ich.« (S.432)

Ich mag auch den Schreibstil von Kristin Hannah sehr. Sehr detailreich beschreibt sie die Entbehrungen aber auch die freudigen Momente im Leben ihrer Protagonisten. So entsteht ein sehr atmosphärisches Bild dieser Zeit, man spürt förmlich den Hunger oder die Angst oder die Frostbeulen an den Füssen.
Und auch das Cover, mit der orangen Nachtigall als Blickfang spricht mich als Leser sehr an. Ich mag es, wenn man in einem Bild auch beim zweiten und dritte Blick noch neue Details erblickt.

Fazit:
HighlightDie Geschichte der Nachtigall beruht zum Teil auf wahren Tatsachen und doch ist dieses Buch eine fiktive Geschichte über Liebe, Hoffnung und Freundschaft, was in Kriegszeiten so wichtig ist. Aber eben nicht nur, es geht auch um Schuld und Vergebung. „Die Nachtigall“ ist ein Buch das berührt und dass einem emotional mitreisst, mehr als einmal musste ich mir ein paar Tränchen wegwischen.


Verlagsinfo:

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Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

Kristin HannahDie Nachtigall

Übersetzt von Karolina Fell
Gebunden mit Schutzumschlag, 608 Seiten
Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00885-6
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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

8 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah

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