[Buchbesprechung]: „Totenfang“ von Simon Beckett

»Einen verwesenden menschlichen Körper von verbleibendem Weichgewebe zu befreien, ist nie angenehm.« (S.233)

Erster Satz:
Der menschliche Körper, selbst zu über sechzig Prozent aus Wasser bestehend, ist nicht von sich aus schwimmfähig.

Klappentext:
Die Gezeiten spülen einen Toten auf eine schlammige Sandbank in den Backwaters, einem abgelegenen Mündungsgebiet in Essex. Die Wasserleiche ist stark verwest, Hände und Füsse fehlen. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Trotzdem glaubt die Polizei zu wissen, um wen es sich handelt: Ein junger Mann aus dem Ort ist seit Wochen verschwunden, alles deutet auf Selbstmord hin. Doch dem forensischen Anthropologen Dr. David Hunter kommen Zweifel, als am nächsten Tag ein Fuss geborgen wird. Denn der gehört zu einer anderen Leiche, da ist er sich sicher. Kurz darauf treibt ein weiterer Toter im Wasser…

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Meine Meinung:
Aufgepasst liebe Hunter-Fans, die Reihe um den sympathischen forensischen Anthropologen geht in eine neue, rasante Runde.
Nach seinem letzten Fall im Dartmoor hat David Hunters Ruf schwer gelitten und es ist still geworden um ihn. So kommt das Telefonat ziemlich überraschend, dass seine Anwesenheit bei einer Leichenbergung in den Backwaters, einem Mündungsgebiet in Essex, gewünscht ist. Dort wurde eine entstellte und stark verweste Leiche angespült, von der die Polizei aber bereits glaubt zu wissen, wer sie ist.
So beginnt der fünfte Fall von David Hunter und bereits nach dem ersten Kapitel ist die Geschichte ins Rollen gebracht. Und ebenso rasant geht es weiter. Die Geschichte ist vollgepackt mit forensischem Fachwissen, Leichenfunden (ja, es gibt mehr als nur eine davon), einer zarten Liebesgeschichte und natürlich mit einer gehörigen Portion Spannung.

»Ich ging zu meinem Wagen und dachte über die Szene am Kai nach. Egal, wie oft ich das Ganze im Kopf durchging oder meine Einschätzung des Todeszeitpunkts nachrechnete, ich war nicht beruhigt.« (S. 62)

Wie schon in den vorhergehenden Büchern verlässt sich Beckett auf einige Komponenten, die wunderbar funktionieren. Das Rad wurde nicht neu erfunden, es ist ein typischer Hunter-Krimi. Aber seien wir mal ehrlich, genau darum lieben wir sie ja so, oder nicht?
Simon Beckett entführt uns wieder in eine Landschaft, die bereits ohne Leichen ganz schön gruselig und unwirtlich wirkt. Diesmal spielt die Geschichte in den Backwaters und im Mündungsgebiet eines Flusses in Essex. Die Landschafen und Orte sind inspiriert von den realen Walton Backwaters in Essex, existieren aber nicht wirklich. Zumindest nicht genau so, wie im Buch beschrieben. Und trotzdem wirken sie in  der Geschichte so real und erfüllt von ihrem ganz eigenen Leben im Wandel mit den Tiden. Das Labyrinth aus Kanälen, Deichen und Bächen scheint ein eigenes Gehirn zu haben und nur das zu enthüllen, was es will. Und Wetterkapriolen, wie Sturmfluten und Gewitterregen tragen zu dieser unheimlichen Atmosphäre das ihre dazu bei.
Als Leser ist man dann nicht wirklich erstaunt, als sich zu der ersten Leiche eine zweite gesellt.

»Die im Stacheldraht verfangene Leiche stieg langsam aus dem Wasser […]. Dann, als würde er sich vom Tageslicht zurückziehen wollen, versank der Körper wieder im Wasser und verschwand.« (S.200)

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David Hunter ist nicht ein Ermittler im klassischen Sinne, er ist forensischer Anthropologe. Das heisst, er untersucht die stark verwesten Leichen (oder Leichenteile) und kann so den Tathergang und die Todesursache rekonstruieren. Und wie auch in den vorangegangenen Bänden geht Simon Beckett ganz schön ins Detail, beschreibt Methoden um Fleisch von Knochen zu trennen, oder lässt Gerüche durch die Luft wabern, die man eigentlich gar nicht so genau riechen will. Nichts für zarte Gemüter!
Aber wieder einmal bin ich beeindruckt von Becketts Wissen, dass er sich als Journalist angeeignet hat.

Und auch der Fall selbst ist weit aus komplexer, als der Beginn vermuten lässt. Immer wieder tauchen neue Spuren und Beweise auf, die wieder in eine komplett andere Richtung führen. Und am Schluss ist irgendwie nichts mehr so, wie man glaubte, dass es sein sollte.
Und auch unter den Bewohnern der Backwaters herrschen Zwietracht und Missgunst. Jeder verdächtigt jeden und die zwei Leichenfunde geben Anlass zu wilden Spekulationen. Klar das da die Gemüter überkochen und es zu unüberlegten Handlungen kommt.

»Es gibt kaum einen deprimierenderen Anblick als eine Arbeiterstadt, in der niemand mehr arbeitete. So sah Cruckhaven aus.« (S.176)

Hin und wieder habe ich mich aber wirklich gefragt, wie es kommt, dass ausgerechnet immer David Hunter die Leichen findet oder in die gefährlichen Situationen hinein stolpert. Er ist ja schliesslich nicht der Ermittler, sondern nur der Berater. Trotzdem ist die Geschichte so geschickt konstruiert, dass man das als Leser abkauft und es als völlig natürlich ansieht.
Was mich auch etwas stutzig gemacht hat während des Lesens sind die Rang-Bezeichnungen der Detectives. Da war die Rede von einem DI Lundy oder von DCI Clarke. Ich kann mich nicht erinnern, dass dies in den früheren Bänden ebenso gehandhabt wurde und ich musste mich erst etwas einlesen, bis mir die Bezeichnung geläufig und vertraut waren.

Und das Ende lässt hoffen. Ein kurzer Telefonanruf lässt erahnen, wie es in einem sechsten Fall für David Hunter weitergehen könnte. Und auch dass Rachel Darby plötzlich wieder vor der Türe steht, lässt hoffen, dass wir noch mehr von unserem Lieblings-Forensischen-Anthropologen lesen können.

»‚Das nennen Sie also die Füße stillhalten, ja?’ – Es wurde ohne Vorwurf gesagt. Aber wir wussten beide, dass das hier etwas anderes war als der Fund des Turnschuhs. Es änderte alles.« (S.201)

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Fazit:
Lese-TippEin unwirtlicher Ort mit düsterer Atmosphäre, ein spannender Mordfall mit jede Menge falscher Fährten und ein sympathischer Protagonist, den man bei seiner Arbeit begleiten kann. Der fünfte Band der Reihe vereint so ziemlich alles, was man von einem Krimi erwartet und kann mit seinem präzisen Aufbau des Spannungsbogens und seiner Detailgenauigkeit punkten. Tolle Unterhaltung von Anfang bis Ende.


Verlagsinfo:

totenfang


Durch den Klick aufs Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

Verlag:  Wunderlich
Erscheinungstermin:  14.10.2016
560 Seiten
ISBN:  978-3-8052-5001-6
Deutsche Erstausgabe
Reihe:  David Hunter

 

Die Reihe:

Chemie des Todes | Kalte Asche | Leichenblässe | Verwesung | Totenfang

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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

9 thoughts on “[Buchbesprechung]: „Totenfang“ von Simon Beckett

    1. 🙂
      Ich hab extra im August und September die vier Vorgänger Bände nochmals gelesen um vorbereitet zu sein, wenn dann Totenfang endlich und ich muss sagen, es ist einer der besseren Bände aus der Reihe.
      Also ja, lies die Reihe weiter! 🙂

      Gefällt 1 Person

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