[Buchbesprechung]: „Die Spuren meiner Mutter“ von Jodi Picoult

»Ich arbeite mit Elefanten, weil es ist, als würde man Menschen in einem Café beobachten«, erklärte ich Thomas. »Sie sind lustig. Herzzerreißend. Einfallsreich. Intelligent. […] In ihnen steckt einfach so viel von uns.« (S.220)

Erster Satz:
Früher glaubte man an die Existenz eines Elefantenfriedhofs – eines Ortes, den kranke und alte Elefanten aufsuchten, um dort zu sterben.

Klappentext:
Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter Alice, die nach einem tragischen Unfall im Elefantenreservat von New Hampshire spurlos verschwand. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an die Wahrsagerin Serenity Jones, die früher als Medium half, Vermisste aufzuspüren, und an den abgehalfterten Privatdetekiv Vergil Stanhope, der einst mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice Metcalf betraut war. Das kuriose Trio macht sich mit unkonventionellen Mitteln auf eine spannende und bewegende Spurensuche mit erstaunlichen Erkenntnissen über Menschen und Elefanten…

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Meine Meinung:
Dieses Buch ist mehr als nur ein Roman. Es vereint eine bewegende Familiengeschichte, mit einem Detektivroman und wissenschaftlicher Arbeit. Und so unterschiedliche diese Genres auch sind, so fügen sie sich doch zu einem harmonischen Ganzen.
Überhaupt ist dieses Buch mehr als es scheint. „Die Spuren meiner Mutter“ ist eine Geschichte über Unglück und Tod, über das Trauern und das Loslassen eines geliebten Menschen. Aber auch über die Liebe zwischen Müttern und ihren Kindern und die Stärke der Familie und der Gemeinschaft.
Und immer wieder finden auch die Elefanten ihren Platz.

»Wenn man an jemanden denkt, den man geliebt und verloren hat, ist man schon bei ihm. Alles andere sind Kleinigkeiten.« (S.502)

Die Geschichte selbst wird aus vier unterschiedlichen Perspektiven erzählt, jener von Jenna, ihrer Mutter Alice Metcalf, sowie aus der Sicht von Serenity Jones und Virgil Stanhope. Diese Wechsel machen die Geschichte sehr interessant und abwechslungsreich. Durch jeden Erzähler erfährt der Leser immer nur Bruchstücke des grossen Ganzen, die immer wieder neu zusammengesetzt werden können und so unglaublich viele Szenarien möglich erscheinen lassen.
Durch diese Perspektiv-Wechsel ist es auch möglich verschiedene Situationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Und natürlich lernt man als Leser auch die Hauptfiguren und ihren Hintergrund besser kennen.
Was zusätzlich Spannung in die Geschichte bringt, sind die unterschiedlichen Zeitstränge, die die Erzähler verfolgen. Während sich Jenna, Serenity und Virgil in der Gegenwart bewegen, erzählt Alice hauptsächlich aus der Vergangenheit. Wobei sich diese zwei Zeitstränge während der Geschichte annähern und ganz zum Schluss sogar  zu einem faszinierenden Ende vereinen.
Und überhaupt merkt man während der Lektüre bald, dass nichts so ist wie es scheint. Die Autorin spielt gekonnt mit den Erwartungen ihrer Leser, nur um sie dann wieder in eine ganz andere Richtung zu lenken. Aber die grösste Überraschung dürfte den Leser wohl auf den letzten Seiten erwarten und ihn ebenso sprachlos zurück lassen, wie mich.

»Mein Leben war zu drei Vierteln ein Rollenspiel, das mir jederzeit erlaubte, von der Bühne abzutreten und mich meiner Verkleidung zu entledigen.« (S.404-405)

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Die Charaktere in diesem Buch sind allesamt nicht perfekt. Jeder hat seine Fehler und ist auf die eine oder andere Art vom Leben gezeichnet. Das macht sie aber auch unglaublich greifbar, denn wer ist schon ohne Fehl und Tadel? Es sind alles ganz gewöhnliche Menschen, wie unser Nachbar von nebenan.
Zwangsläufig fühlt man sich den vier Erzählern am meisten verbunden, erfährt man doch auch am meisten von ihnen. Dennoch möchte ich anmerken, dass auch die Nebencharaktere unglaublich fein und genau gezeichnet sind und somit jeder für sich alleine zu bestehen vermag.
Alice lernen wir als Leser vor allem über ihre wissenschaftlichen Notizen kennen. Sie beschriebt die Verhaltensmuster der Elefanten äusserst sorgfältig, so dass man geneigt ist zu glauben, sie spiegeln ihre eigenen Empfindungen wieder. Mit der Zeit wurde sie für mich immer fassbarer und entwickelte sich zu einem der eigentlichen Hauptcharaktere der Geschichte.
Jenna hingegen bleibt da erstaunlich blass. Sie wirkt mehr als Dreh- und Angelpunkt der einzelnen Erzähler, sie führt die unterschiedlichen Geschichten quasi zusammen. Kennt man jedoch das Ende des Buches, so ergibt das erstaunlich viel Sinn.
Serenity und Virgil sind für mich, neben Alice, die wohl interessantesten Charaktere. Im Laufe ihres Lebens haben sie den Glauben an sich selbst verloren und die Entwicklung, die sie in der Geschichte durchmachen ist unbeschreiblich.

»Er hat sein Urteil über mich bereits gefällt und den Stab über mich gebrochen, was mich vermuten lässt, dass er genau weiss, wer ich bin […].« (S. 185)

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An Jodi Picoults Schreibstil musste ich mich erst wieder etwas gewöhnen. Ihre Sprache ist verschnörkelt, verspielt und sehr bildhaft. Damit schafft sie es, den Leser in ihren Bann zu ziehen und eine Spannung aufzubauen, die einem die Seiten nur noch schneller umblättern lässt.
Auch die immer wieder eingestreuten Exkurse über Elefanten wirkten nicht wissenschaftlich trocken, sondern lebendig und beseelt. Ausserdem lassen diese auch erkennen, wie fundiert das Wissen ist und wie gut recherchiert wurde.

Und auch die Liebhaber optisch ansprechender Bücher kommen mit „Die Spuren meiner Mutter“ auf ihre Kosten. Mit den Elefanten auf dem Cover wird ein wichtiger Bestandteil der Geschichte aufgeriffen und mit den geschwungenen goldenen Linien zu einem stimmigen ganzen zusammen gefügt.

Fazit:
Lese-TippDiese bewegende und intelligente Roman ist ein absoluter Lese-Tipp meinerseits. Dies war das erste Buch von Jodi Picoult, das den Weg in mein Bücherregal gefunden hat (und es wird sicher nicht das letzte gewesen sein). Und jenen in mein Herz hat es auch gleich unter die Füsse genommen. Dieses Buch ist ein absolutes „Muss“, nicht nur für Picoult- Fans.


Verlagsinfo:

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Durch den Klick aufs Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Erschienen am: 29.8.2016
im  C. Bertelsmann Verlag
Originaltitel: Leaving Time
Originalverlag: Ballantine Books (Random House), New York 2014
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-570-10236-7

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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

7 thoughts on “[Buchbesprechung]: „Die Spuren meiner Mutter“ von Jodi Picoult

  1. Hey 🙂
    Wow, dein Blog und deine Rezensionen sind wunderschön!
    Jodi Picoults Bücher sind einfach immer toll. Bisher sind mir ihre Geschichten immer unter die Haut gegangen. „Die Spuren meiner Mutter“ habe ich noch nicht gelesen, aber ich bin schwer am überlegen … 😀

    Ganz liebe Grüße,
    Myri

    Gefällt 1 Person

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