[Buchbesprechung]: „Loney“ von Andrew Michael Hurley

»Sie meint es gut«, bemerkte Father Bernard. »Deine Mutter. Sie will Andrew nur helfen.«
»Ich weiss.«
»Man merkt es ihr vielleicht nicht an, aber vor allen Dingen hat sie Angst.«
»Ja.«
»Und Menschen tun seltsame Dinge aus Angst.«

Erster Satz:
Der Herbst hatte jedenfalls ein stürmischen Ende genommen.

Klappentext:
Zwei Brüder geraten an einem gottverlassenen Küstenort immer tiefer in eine rätselhafte, unheimliche Geschichte, in der sie selbst einander der einzige Halt sind. Ein berührender, packender Roman über die Suche nach Erlösung und die Abgründe, in die sie führen kann.

»Die Einheimischen nannten es The Loney. Niemand, der auch nur das Geringste über diesen Ort wusste, näherte sich je dem Wasser. Zumindest abgesehen von uns. Doch wahrscheinlich hatte ich stets geahnt, dass das, was dort geschehen war, nicht für immer verborgen bleiben würde, so sehr ich es mir auch wünschte.«

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Meine Meinung:
Grad als erstes vorweg, „Loney“ ist ein Buch, dass einem so schnell nicht mehr loslässt, dass einem gefangen hält mit seiner Atmosphäre und der Vielschichtigkeit der Geschichte. Und dabei würde ich es nicht mal als sonderlich spannend bezeichnen, viel mehr ist es einfach unheimlich und die Atmosphäre so bedeutungsschwanger und voller unausgesprochener Dinge, dass sie mich in einen Bann zog, so dass ich einfach lesen musste.
Nach dem Tod des alten Pfarrers begibt sich eine Gruppe Menschen auf eine Pilgerfahrt an einen unwirtlichen Küstenstrich Englands. Unter ihnen auch die zwei besagten Brüder, Tonto und Hany. Hany ist der ältere der beiden, wird aber als Mann im Körper eines Kindes beschrieben, was auf eine Behinderung schliessen lässt. Diese Behinderung fasst seine Mutter (im Buch „Mummer“ genannt) als ihre persönliche Prüfung auf und mit dieser Pilgerfahrt hofft sie auf ein Wunder.
Religion spielt auch eine wesentliche Rolle im Buch. So beschäftigt sich die Geschichte doch mit wesentlichen Fragen des Glaubens, der Sünde, dem Guten und dem Bösen und dem absoluten Willen, an etwas „Höheres“ zu glauben. Allerdings geht die Thematik auch so weit, dass beleuchtet wird, was dieser fast schon fanatische Wille mit den Menschen anstellen kann. Das beste Beispiel hierfür ist wahrlich Mummer, die mit ihrer Kontrollsucht schon fast wahnhaft wirkt. Das wirft immer wieder die Fragen nach dem Vertrauen in Gott auf und in wie weit jeder einzelne bereit ist, Busse zu tun. Diese zwei Aspekte schaukeln sich im Laufe der Geschichte immer weiter auf und lassen so die Spannung nie abreissen.

»[…] Ihm war klargeworden, was ich schon seit langem über Mummer wusste: Wenn nur ein Teil wegbrechen würde, ein Ritual ausgelassen oder ein Verfahren aus Bequemlichkeit abgekürzt, dann würde ihr ganzer Glaube kollabieren und zerschmettern.«

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Eine weitere zentrale Rolle im Buch schreibe ich „The Loney“, dem Ort selbst, zu. Ein nasskalter Küstenort in England, Nebelschwaden ziehen über die Landschaft, der Regen prasselt nieder und die unberechenbaren Gezeiten, die so manches mit sich reissen oder wieder anspülen. Diese düstere, gottverlasene Landschaft lassen eine wahrlich unheilvolle Stimmung entstehen, so hatte ich während des Lesens mehr als einmal Gänsehaut. Der Ort scheint irgendwie ein Eigenleben zu entwickeln.
Besonders raffiniert erlebte ich die Steigerung des ganzen Konstruktes, Kleinigkeiten werden bereits zu Beginn angedeutet und lassen erahnen, was da noch kommen könnte. Die Stimmung wird immer myteriöser, unheimlicher, es geschehen  merkwürdige Dinge und das Wetter wird immer unberechenbarer. Erst am Schluss fügen sich alle Puzzelteile ineinander.

»Ich hatte oft den Eindruck, dass es hier zu viel Zeit gab. Dass der Ort daran krankte. Davon heimgesucht wurde. Die Zeit sickerte nicht davon, wie sie sollte. Sie konnte nirgendwohin verschwinden, und es gab keine Moderne, die sie vorantrieb. Sie sammelte sich an wie das schwarze Wasser, das sich in den Sümpfen aufstaute.«

Ich mochte Andrew Michael Hurleys Schreibstil sehr. Er lässt sich wirklich gut lesen, auch wenn ich anmerken muss, dass man mit dem Kopf bei der Sache sein sollte. Vieles passiert in den Zwischentönen und wird nicht direkt angesprochen. Es ist kein Buch für einen Nachmittag.
Auch optisch bietet das Büchlein so einiges, Das Cover ist sehr schön und hochwertig gearbeitet. Und betrachtet man das Bild genauer, entdeckt man kleine, feine Einzelheiten, die das Unheimliche der Geschichte perfekt wieder spiegeln.

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Fazit:
HighlightDiese Geschichte bietet wirklich alles, was ein gutes Buch braucht, daher ist es auch ein Highlight für mich. Es ist ein wunderbares Werk, dass durch seine Atmosphäre und die Geheimnisse lebt. Manch einer mag vielleicht die Thematik kritisch betrachten, allerdings macht diese auch irgendwie den Reiz der Geschichte aus.


Verlagsinfo:
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Durch einen Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite

Hardcover
gebunden mit Schutzumschlag
384 Seiten
The Loney
Aus dem Englischen übersetzt von Yasemin Dincer.
ISBN-13 9783550081378
Erschienen: 09.09.2016

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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

5 Kommentare zu „[Buchbesprechung]: „Loney“ von Andrew Michael Hurley

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