[Buchbesprechung]: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

»Es gibt normale Zeiten und solche, in denen die Stunden nicht zählen. Dann bleibt die Zeit stehen und entgleitet einem, und das Leben – das richtige Leben – scheint sich von einem zurückgezogen zu haben.«

Erster Satz:
Als er aus dem Bad kommt, ist sie wach, hat sich gegen das Kopfkissen gelehnt und blättert durch die Reiseprospekte, die neben seinem Bett gelegen haben.

Klappentext:
Louisa Clark weiss, dass nicht viele in ihrer Heimatstadt ihren schrägen Modegeschmack teilen. Sie weiss, dass sie gerne in dem kleinen Café arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt.
Sie weiss nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird – und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt.
Will Traynor weiss, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiss, dass er dieses Leben nicht führen will.
Er weiss nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird.
Eine Frau und ein Mann.
Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen.
Die Liebesgeschichte von Lou und Will.

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Eine kurze Bemerkung vorweg:
Ich muss gestehen, dies ist mein erstes Buch von Jojo Moyes und es liegt auch schon ganz lange in meiner kleinen Bibliothek. Warum weiss ich eigentlich gar nicht so genau, denn als ich es zu lesen begonnen habe, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich fand das Buch wunderschön und die Liebesgeschichte sehr ergreifend.
Allerdings habe ich es überhaupt nicht unter dem Aspekt der Tetraplegie und dem Leben mit Behinderung gelesen. Für mich stand die fiktive Geschichte im Vordergrund. Im Nachhinein bin ich jedoch auf einige kritische Stimmen gestossen, die sich daran störten, das Jojo Moyes dem Thema Tetraplegie nicht gerecht werde. Es heisst weiter, dass sie zu viele Stereotype bediene und dadurch beleidigend sei. Diese Punkte kann ich durchaus nachvollziehen.
Aber wie bereits erwähnte, las ich dieses Buch nicht unter dem Aspekt der Behinderung, sondern viel mehr unter jenem der Liebesgeschichte. Und daher beschränkt sich meine Buchbesprechung auch auf meinen Leseeindruck und die Geschichte und lässt die medizinischen Fakten etwas aussen vor.

Idee/Umsetzung:
Themen wie Querschnittlähmung, Tetraplegie oder Suizidhilfe sind ja an und für sich eher selten zu finden in der Unterhaltungsliteratur. Zu schwermütig und komplex sind sie meistens. Dass diese Themen aber gerade in diesem Buch aufgegriffen werden, macht es sehr interessant und vielversprechend.
Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, so ist eine Pflegerin, die sich in ihren Patienten verliebt, oder ein Tetraplegiker, der nach seinem Unfall all seinen Lebensmut verliert, nicht gerade eine neue Erfindung.

»Ich will einfach noch nicht hineingehen. Ich will einfach hier sitzen und nicht daran denken…« Er schluckte […] »Ich will einfach … ein Mann sein, der mit einem Mädchen in einem roten Kleid im Konzert war. Dieser Mann will ich einfach noch ein paar Minuten länger sein.«

Schreibstil:
Trotz der kleinen Kritik an der Grundidee des Buches, gefällt mir der Schreibstil von Moyes sehr gut. Sie schreibt ruhig und unaufgeregt und ist in der Lage grosse Gefühle hervorzurufen, ohne dabei kitschig zu werden. Man merkt, dass Jojo Moyes die Geschichte ernst nimmt und ihre Charaktere respektvoll behandelt.
Moyes lässt sich mit dem Erzählen ihrer Geschichte Zeit, was diesem ernsten Thema aber sicherlich auch gerecht wird. Ich habe jedenfalls nie gemerkt, dass der Roman mehr als 600 Seiten hat. Das Buch ist äusserst gefühlvoll und feinfühlig, stellenweise aber auch energisch und lebensbejahend.
Erzählt wird aus Lou’s Perspektive, so ist der Leser ganz nahe bei ihr und ihren Gefühlen und Gedanken. Das verleiht dem Buch vor allem zu Beginn etwas sehr schwungvolles und auch eine Prise Humor kommt nicht zu kurz.
In der zweiten Hälfte des Buches kommen weitere Erzählperspektiven dazu, so von Will’s Mutter, seinem Vater oder auch von Lou’s Schwester. Das gibt dem Buch zusätzlich Tiefe und bringt unterschiedliche Denkweisen hinzu.

Charaktere:
Ja, Lou ist ein Fall für sich. Zu Beginn erscheint sie wahnsinnig naiv und ziellos und unfähig etwas aus sich und ihrem Leben zu machen. Und, ich meine, wie kann man im England der 2000-er Jahre und mit beinahe 27 keinen blassen Schimmer von Computern haben? Zum Glück machte Louisa eine Entwicklung durch und legte diese Naivität ein bisschen ab.
Will hingegen fand ich von Beginn weg irgendwie sympathisch. Sein Sarkasmus, der seine Wut und Traurigkeit überdeckt, fand ich herrlich. Man spürt auch förmlich seine Zerrissenheit zwischen den schönen Momenten mit Lou und der allgegenwärtigen, ausweglosen Situation um seine Lähmung.
Mir gefielen zudem die Familien um die beiden Hauptprotagonisten sehr gut, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch einen unglaublich guten Rahmen darstellten.

»Es ist einfach diese Sache, die man am Muttersein erst versteht, wenn man eine ist: Man sieht nicht den erwachsenen Mann vor sich – den unrasierten, stinkenden, rechthaberischen Sprössling -, mit seinen Strafzetteln, ungeputzten Schuhen und einem komplizierten Liebesleben. Sondern man sieht all die Menschen, die er je war, in einem.«

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Cover/Innengestaltung:
„Ein ganzes halbes Jahr“ ist eines der wenigen Bücher, die ich als e-Book gelesen habe. Das Cover finde ich sehr ansprechend, vor allem die Farbkontraste rot/schwarz/weiss. Allerdings erschliesst sich mir der Zusammenhang zum Buch nur beschränkt.
Die Innengestaltung ist angenehm. Die Kapitel sind mit Zahlen überschrieben und falls eine andere Erzählperspektive als jene von Lou gewählt wurde, ist dies ebenfalls vermerkt.

HighlightFazit:
Dieses Buch ist ein Highlight, da ich die Geschichte wirklich gut erzählt finde und ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Das Buch ist sehr einfühlsam und behandelt schwierige Themen auf eine gute und positive Art (auch wenn da viele anderer Meinung sind).


Verlagsinfo:

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Durch einen Klick aufs Cover gelangt ihr auf die Verlagsseite.

Seitenzahl: 544
Verlag: rororo
ISBN:  978-3-499-26672-0
übersetzt von: Karolina Fell
Erscheinungstermin: 24.9.2015
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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

4 thoughts on “[Buchbesprechung]: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

  1. Ich mochte die Geschichte nicht. Nicht weil sie traurig ist oder wegen der Charaktere. Sondern weil ich Will für einen Feigling halte, der lieber stirbt statt zu kämpfen. Viele meinten zu mir „Ja, aber ist krank und es wird immer schlimmer“. Ja kann sein. Aber warum wohl? Weil er aufgegeben hat, schon in dem Moment, als er nach seinem Unfall aufwachte. Er ist ein Feigling, weiter nichts. Und ich bin mir sicher, er hätte trotzdem ein schönes Leben haben können. Er hätte alles haben können. Schaut man zu „Ziemlich beste Freunde“. Am Ende hat er wieder geheiratet und sogar noch Kinder bekommen. Warum? Weil er nicht aufgegeben hat, sein Schicksal akzeptiert hat und angefangen hat zu leben. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man niemals aufgibt. Egal, was kommt. Und deswegen mag ich das Buch nicht. Ich kann Feiglinge nicht ausstehen.

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    1. Danke für deinen ausführlichen Kommentar, ich denke, wir sind da ein bisschen anderer Ansicht.
      Ich glaube nicht, dass Will ein Feigling ist, weil er sich dazu entschieden hat, seinem Leben ein Ende zu setzten. Ich denke auch, dass es nicht an uns „Gesunden“ ist zu entscheiden und zu urteilen, wie jemand sein Leben gestalten möchte, wie er gedenkt zu leben und zu sterben. Und schon gar nicht, ist es an uns zu urteilen, wie es wohl ist, wenn man in einer solchen Situation steckt, wenn man für jeden Handgriff auf Hilfe angewiesen ist und ganz oft einfach über deinen Kopf hinweg entschieden wird, weil alle glauben zu wissen, was das beste für dich ist. Und Will ist nicht krank, er ist Tetraplegiker.
      Ich kann verstehen, dass man sich dann nur als Last und Bürde fühlt und einem das eigene Leben nichts mehr Wert scheint. Und dass man dem Ganzen am liebsten ein Ende bereitet. Ob dies nun ethisch korrekt ist, sei dahin gestellt. Man könnte sich jetzt auch noch darüber unterhalten, inwiefern wir uns ins Leben uns ins Sterben ein mischen dürfen, und ob man ein Leben, auch sein eigenes, einfach so beenden darf. Und ob dies nicht eben so viel Mut erfordert, wie zu kämpfen.
      Es sind schlicht und einfach zwei unterschiedliche Lebensentwürfe und Wege, die man einschlagen kann. Genau so wie wenn jemand sich dazu entscheidet eine Karriere in einem bestimmten Bereich zu verfolgen, oder ganz auf die Karte Familie setzt, so kann man auch unterschiedlich mit einer Behinderung umgehen. Und ich glaube nicht, dass die Entscheidung zu sterben oder zu kämpfen leichtfertig getroffen wird, in keinem Fall.
      Ich glaube einfach, dass in diesen Fragen und Entscheidungen jeder Mensch seine eigene Meinung hat und auch sein Wille respektiert werden sollte. So selbstbestimmt man leben kann, so selbstbestimmt sollte man auch sterben können.
      Sterbehilfe ist wohl generell ein sehr umstrittenes Thema, weil man sich einfach in viele Dinge einmischt, in die sich der Mensch auch lange Zeit nicht einmischen konnte und sich unglaublich viele Menschen berufen fühlen etwas dazu zu sagen, Ärzte, Ethiker, Geistliche ect. Beinahe jeder hat eine mehr oder weniger fundierte Meinung dazu.
      Ich finde, es ist ok zu kämpfen, es ist aber auch ein Weg, seinem persönlichen Leiden ein Ende zu setzten. Und mir als Aussenstehender und Nicht-Betroffener steht es nicht zu, zu urteilen, über die Person, die sich für den einen oder den anderen Weg entschieden hat.

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