Rezension | Patrick Süskind – Das Parfum

»[…] Denn der Duft war ein Bruder des Atems. Mit ihm ging er in die Menschen ein. Sie konnten sich seiner nicht erwehren, wenn sie leben wollten. Und mitten in sie hinein ging der Duft, direkt ins Herz, und entschied dort kategorisch über Zuneigung und Verachtung, Ekel und Lust, Liebe und Hass. Wer die Gerüche beherrschte, der beherrschte die Herzen der Menschen.« (S.199)

Erster Satz/Leseprobe:

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterläßt: auf das flüchtige Reich der Gerüche.

Idee/Umsetzung:

Welch eine geniale Idee ein Buch über die flüchtige Welt der Gerüche zu schreiben! Und diese Idee zieht Süskind durch das ganze Buch, immer wieder bietet er dem Leser lange und ausführliche Beschreibungen von Düften mit ettlichen Vergleichen und Adjektiven blumig ausgeschmückt. das-parfum2

Schreibstil:

Der Schreibstil von Patrick Süskind ist sehr beschreibend. Er stellt zum Beispiel ausführlich die Methoden der Destillation dar, oder wie bereits oben erwähnt, verliert sich in den Beschreibungen der Düfte. Dennoch schafft er es, dass das Buch nie langweilig oder langatmig wirkt. Der Leser lernt während dem Lesen, etwas über die Parfümeure, über ihr Handwerk, ihre Zunft, was ein Duft alles zu erfüllen hat, oder wie die Düfte die Menschen beherrschen.

»Die Seele aller Wesen ist ihr Duft.« (S.116)

Trotz dem beschreibenden Erzählstil wirkt das Buch nie langweilig oder langatmig. Irgendwie scheint es jedes einzelne Adjektiv zu brauchen, um der Welt der Gerüche Leben einzuhauchen.

das-parfum3Charaktere:

Mit Jean-Baptiste Grenouille hat Patrick Süskind ein seelenloses Genie, einen absolut morallosen Charakter erschaffen. Grenouille lebt nur für die Düfte, alles andere ist ihm egal.
Bereits zu Beginn löst Grenouille eine starke Antipathie beim Leser aus, man findet ihn seltsam, ekelt sich oder hat Angst. Und genau das macht ihn so genial und einzigartig. Ein Genie, ein Aussenseiter und gleichzeitig ein olfaktorisches Monster auf der Suche nach dem einen göttlichen Duft. Misanthropisch und gefühlskalt kommt er daher und lässt uns die Welt durch seine Nase sehen.

Cover/Innengestaltung:

Das Cover ist schlicht, ein typisches Diogenes Cover halt, allerdings gefällt mir das Bild von Watteau nicht sonderlich. Aber das ist einfach mein persönlicher Geschmack.
Das Buch selbst ist in vier Teile gegliedert, die die einzelnen Stationen von Grenouilles
HighlightLeben markieren. Die Kapitel werden schlicht mit Zahlen markiert.

Fazit:
„Das Parfum“ ist Pflichtlektüre für jeden Literaturliebhaber. Es ist die Geschichte eines Mörders, ein olfaktorisches Wunder, ein Psychogramm eines Misanthropen, einer Anomalität in der Gesellschaft und zugleich ein historisches Werk über eine pompöse, von Prunk überlagerten, doch stinkenden, wie wohlduftenden, Zeit.


Verlagsinfo:

Die Rechte am gezeigten Cover, am Klappentext und zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag und dem Autor/der Autorin.

das-parfum Taschenbuch
336 Seiten
erschienen am: 01. Februar 1994
im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-22800-7
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