[Buchbesprechung]: „Agnes“ von Peter Stamm

»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen… Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen… Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.« (S. 68-69)

Erster Satz:
Agnes ist tot.

Klappentext:
Im überheizten Lesesaal der Public Library in Chicago wechseln sie erste Blicke, bei einem Kaffee die ersten Worte: er, ein Schweizer, der über amerikanische Luxuseisenbahnwagen recherchiert, sie, eine amerikanische Physikstudentin, die ihre Dissertation schreibt. Sie gehen  gehen zusammen essen, machen Ausflüge in die nahe gelegenen Wälder oder spazieren am Lake Michigan entlang. Eines Tages fordert die junge Frau ihn auf, ein Portrait über sie zu schreiben. Und er beginnt ihre gemeinsame Geschichte in den Computer zu tippen. Als Spiel inszeniert, verschwimmen mehr und mehr die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, bis die Welt der Phantasie ihre Liebe vollends zu beherrschen droht…

Idee/Umsetzung:
Liebesgeschichten sind nichts neues und doch schafft es Peter Stamm mit seinem distanzierten Erzählstil etwas völlig anderes zu erschaffen, als man gemeinhin erwartet. Der erste Satz nimmt zwar auf eine Art bereits das Ende vorweg, dennoch bleibt die Spannung erhalten für dieses bewegende Portrait einer Beziehung, die zum Scheitern verurteilt ist.agnes2

Schreibstil:
Wie bereits erwähnt pflegt Peter Stamm einen eher distanzierten Erzählstil. Er beobachtet und beschreibt, seine Sprache ist klar, kein Wort ist zu viel, aber auch keines zu wenig. Auf unnötige Floskeln wird verzichtet. Dennoch ist eine enorme Sprachgewalt zu erkennen.

»Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird«, sagte ich endlich zu Agnes.
»Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?«
»Doch«, sagte ich, »aber Glück macht keine guten Geschichten. Glück lässt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen kann?« (S.67)

Die Geschichte trägt eine leise Melancholie in sich, die Stimmung ist irgendwie trüb und verschwommen, wie der Blick aus dem Fenster an einen regenverhangenen Tag.

Charaktere:
Die Charaktere bleiben meiner Meinung nach erstaunlich unscharf dafür, dass Stamm so genau beobachtet und beschreibt. Sie wirken irgendwie unnahbar und emotionslos. agnes3Vielleicht hängt dies aber auch ein Stück weit mit Stamms Erzählstil zusammen und der Distanz, die er damit schafft. Wir sind nur Beobachter, obwohl in Ich-Form erzählt wird.

Cover/Innengestaltung:
Das Cover finde ich sehr ansprechend, auch wenn ich das Bild erst bei genauerem Betrachten der Geschichte als passend empfand. Aber es widerspiegelt das ruhige, beobachtende in diesem Buch wieder.
Die Innengestaltung ist angenehm schlicht, die Kapitel sind mit schlichten Ziffern markiert.

Fazit:
StrandlektüreDrei Herzen gibt es von mir. Das Buch ist an und für sich nicht schlecht, wenn man Bücher mag, die vielleicht auch eher auf einer anderen Ebene gelesen werden wollen. Das Buch bietet nämlich viele Denkanstösse .

»Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?«
»Nein«, sagte ich, »alles wäre irgendwie… sinnlos. Wenn es danach weiterginge.« (S.27)

Es zeigt zwischenmenschliche Beziehungen in einer Nahaufnahme und beschreibt, wie Fiktion und das geschriebene Wort unser Bild vom Sein beeinflussen, wie sich Menschen dutzende von Geschichten im Kopf ausdenken, Ereignisse vorweg nehmen oder Situationen durchspielen, die dann nie so eintreten werden.


Verlagsinfo:

agnes

Durch den Klick auf das Buchcover gelangt ihr zur Verlagsseite.

Taschenbuch
160 Seiten
Erschienen im Oktober 2001
im btb Verlag
ISBN: 978-3442725502

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Veröffentlicht von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

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