Rezension | Markus Zusak – Die Bücherdiebin

„Irgendwann einmal werde ich über euch allen stehen, so freundlich, wie es mir möglich ist. Eure Seelen werden in meinen Armen liegen. Auf meiner Schulter wird eine Farbe ruhen. Sanft werde ich euch davontragen. (S.10)

Erster Satz:
Zuerst die Farben.

Klappentext:
Im Alter von neun Jahren hat Liesel schon vieles verloren. Ihren Vater, einen Kommunisten. Ihre Mutter, die ständig krank war. Ihren Bruder Werner – auf der Fahrt nach Molching zu den Pflegeeltern.
Als der Bruder stirbt, gerät sie zum ersten Mal ins Blickfeld des Todes. Und sie stiehlt ihr erstes Buch – ein kleiner aber folgenreicher Ausgleich für die erlittenen Verluste.
Dann stiehlt sie weitere Bücher. Äpfel und Kartoffeln. Das Herz von Rudi. Das von Hans und Rosa Hubermann. Das von Max. Und das des Todes. Denn selbst der Tod hat ein Herz.

Idee/Umsetzung:
Der Tod als Erzähler. Der geneigte Leser rechnet mit vielem, diese Perspektive ist dann zugegebener Massen doch eher ungewöhnlich. Und macht doch erstaunlich viel Sinn. Der Tod wird zu einer Person, die Worte, Farben und den Himmel liebt. Und Geschichten zu erzählen weiss.die-bucherdiebin2
Und Geschichten müssen gar nicht immer so besonders sein , in dem Sinne, dass sie ungewöhnlich wären oder besonders verzaubert sein müssten. Der Tod erzählt Geschichten, die das Leben selbst geschrieben hat, in einer Zeit, in der Geschichten die einzige Möglichkeit waren, um aus einer verstaubten, grauen und oft erschreckend grausamen Realität zu fliehen.
Die Geschichte spielt während der Zeit des Nationalsozialismus. ‚Noch so ein Buch‘ werden nun sicherlich viele denken, wurde diese Zeit doch zu genüge durchgekaut. Aber es gibt eben auch besondere Geschichten. Solche, die von Wärme in einer kalten Zeit erzählen, oder einen Hoffnungsschimmer am Horizont erahnen lassen. Wenn Geschichten grausam ehrlich und unglaublich poetisch zugleich sind. Und genau diesen Drahtseilakt meistert „Die Bücherdieben“ meisterlich.

Schreibstil:
Der Tod hat ein Herz, welches man in jeder Zeile des Romans spüren kann. Er malt Bilder mit Metaphern und Symbolen. Geschickt kombiniert er Farben, Töne und menschliche Eigenschaften zu einem Bild und schreibt auf diese ganz besondere Weise mit kurzen, bedeutungsschwangeren Sätzen und Worten mit doppelten Böden. Die so erzeugte Atmosphäre nimmt einem gefangen in ihrer Widersprüchlichkeit.
rezensionsindex2Wie bereits erwähnt meistert Markus Zusak den Balanceakt zwischen grausamer Ehrlichkeit und bildlicher Poesie meisterhaft. Darin liegt die ganze Kraft dieses Buches.
Die Geschichte der Bücherdiebin wird unchronologisch erzählt, Zeitsprünge und Schauplatzwechsel sind an der Tagesordnung. Dennoch tut dies der Spannung und Kontinuität des Werkes keinen Abbruch.

Charaktere:
Der Tod nimmt eine zentrale Rolle ein. Mit viel Witz, Ironie und einer riesigen Sprachgewalt führt er uns durch diese kalte Welt. Markus Zusak gibt der gesichtslosen Gestalt  einen Identität, er lässt ihn fühlen, malen, gestalten.
Aber auch Liesel Memminger ist eine Figur, die dieses Buch so unglaublich liebenswert/lesenswert macht. Denn trotz ihrer traurigen Vergangenheit strahlt sie eine Ruhe und Lebenslust aus, die sie einfach symphatisch erscheinen lässt. Ihre Liebe für Bücher trägt dann ihr Übriges dazu bei, ebenso wie die Menschlichkeit und die Wärme, die sie voll und ganz ausfüllt.
Erstaunlich viele Figuren in diesem Buch schaffen es, das schwere und erdrückende Gefühl im Bauch zumindest ein wenig zu linder.

Cover/Innengestaltung:
Wegen des Covers habe ich „Die Bücherdiebin“ nicht gekauft, so viel vorne weg. Mir ist das Bild des Tanzes von Liesel und dem Tod zu stilisiert und wird meiner Meinung nach dem Inhalt nicht gerecht.
Dafür macht die einzigartige Innengestaltung den ersten Eindruck wieder wett. Es ist
unerlässlich die Titel und Kapitel Überschriften, sowie die Mitwirkenden zu lesen.

HighlightFazit:
Dieses Buch ist einfach nur ein absolutes Lesehighlight!
Die Geschichte strotzt zwar nicht unbedingt vor Spannung, ist aber derart fesselnd und liebevoll geschrieben und vollgestopft mit den Schatten jener Zeit, dass man dennoch nicht von ihr lassen kann.


Verlagsinfo:

Die Rechte am gezeigten Cover, am Klappentext und zitierten Textstellen liegen beim genannten Verlag und dem Autor/der Autorin.

die-bu%cc%88cherdiebin Taschenbuch, Klappenbroschur
586 SeitenErschienen: 07.09.2009
im Blanvalet Verlag
ISBN: 978-3-442-37395-6
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