Rezension | Simon Beckett – Der Hof

„Die Welt ist voller Leute, die glauben, sie wüssten es besser als Sie“, sagte er und schenkt in beide Gläser nach. […] „Es gibt immer jemanden, der glaubt, er hätte das Recht, Ihnen zu sagen, was Sie zu tun haben. Ärzte. Nachbarn. Die Polizei.“ Er wirft mir einen kurzen Blick zu. „All diese Leute, die über irgendwelche Rechte labern, über Freiheit und darüber, Teil der Gesellschaft zu sein. Gesellschaft, ha! In der Gesellschaft geht es nicht um die Freiheit, sondern darum, das zu tun, was einem gesagt wird.“ [S. 290]

Erster Satz:
Der Wagen fährt auf den letzten Tropfen.

Klappentext:
Ein abgelegener Hof in Südfrankreich. Es ist brütend heiss, Schweine wühlen im Dreck. In der baufälligen Scheune liegt der junge Engländer Sean mit zerfetztem Fuss. Er ist in eine rostige Eisenfalle getreten – aufgestellt von Arnaud: ein feindseliger Eigenbrötler, der keine Fremden auf seinem Besitz duldet.
Sean darf dennoch bleiben, wenn er die maroden alten Wände neu mauert. Er nimmt das Angebot an, denn er ist auf der Flucht. Arnauds Tochter Mathilde, die ihn liebevoll pflegt, macht den Aufenthalt erträglicher. Doch sie und die anderen Bewohner des alten Gemäuers haben etwas zu verbergen. Etwas, das man besser für immer ruhen lässt.

Idee/ Umsetzung:
Durch puren Zufall stolperte ich vor beinahe zwei Jahren in der Buchhandlung über diesen Thriller. Das minimalistische Cover, ganz in schwarz/weiss gehalten und der vielversprechende Klappentext, machten mich neugierig. Und da ich die David-Hunter-Reihe von Simon Beckett liebe, wurde „Der Hof“ eben mal schnell zu den anderen Errungenschaften in den Einkaufskorb gepackt.
Bis ich das Buch dann aber wirklich zu lesen begann, dauerte es eine Weile. Und auch währenddessen machte ich immer wieder lange Pausen, ich begann sogar einmal wieder von ganz vorne, da ich komplett aus der Geschichte raus war.der-hof2
Warum das? Zum einen nennt sich dieses Werk ‚Thriller‘, aber es sind kaum, bis gar keine spannenden Handlungselemente vorhanden, zu lange erstrecken sich Erklärungen oder lässt uns der Autor auf Nebenschauplätzen verweilen. Erst die letzten 100 Seiten werden dem Genre gerecht. Zum anderen hat die Idee hinter den Seiten riesiges Potential, welches aber vom Autoren einfach nicht genutzt wird. Wie bereits weiter oben erwähnt besteht die Lektüre hauptsächlich aus etlichen Beschreibungen, die weder interessant, noch wichtig für die eigentliche Handlung sind. Sie vermitteln einzig ein Gefühl für die Stimmung auf dem Hof.
Schade, sag ich da nur.

Schreibstil:
Eigentlich liebe ich den Schreibstil von Simon Beckett. Die David-Hunter-Reihe habe ich regelrecht verschlungen. Der Schreibstil in „Der Hof“ hat mich nun allerdings wirklich nicht vom Hocker geriessen. Zwar versteht er sich wieder sehr gut darauf, schöne und gelungene Formulierungen zu erschaffen und dem Leser ein Gefühl für die Stimmung und die Personen auf dem Hof zu geben, aber eben, er verliert sich in ca. 80% des Buches in langweiligen und eher unnötigen Beschreibungen. Jede Zigarette und jedes Mittagessen des Protagonisten findet Erwähnung. Irgendetwas musste ja auf der Strecke bleiben. Schade nur, dass es sich hierbei um die Spannung handelte, denn jene erstreckte sich lediglich über die letzten ca. 50 Seiten.

der-hof3Charaktere:
Die Figuren in „Der Hof“, konnten das sinkende Schiff leider auch nicht mehr retten, auch hier gab es ups & downs.
Zwar bekommt man nach und nach ein besseres Gefühl für den Protagonisten, da die Perspektive immer zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, jedoch bleiben die anderen Charaktere mehr oder weniger ohne tiefere Konturen.
Mit einer kleinen Ausnahme: Gretchen, die jüngste Tochter des Bauern. Gretchen ist nämlich ein richtiges kleines Biest mit ihrem eigenen Kopf und grossen Manipulationskünsten. Teilweise hatte ich wirklich das Bedürfnis, dem jungen Mädchen an die Gurgel zu gehen.

Cover/ Innengestaltung:
Das Cover ist einfach nur ein Hingucker! Nach wie vor bin ich total begeistert von der Aufmachung, schliesslich war dies auch mit einer der Hauptgründe, warum ich dieses Buch gekauft habe.
An der Innengestaltung habe ich nichts auszusetzen, denn sie ist, wie auch bei anderen Beckett-Büchern, sehr schlicht. Wie bereits beschrieben, wechseln die Kapitel zwischen den gegenwärtigen und den vergangenen Erlebnissen des Protagonisten. Die Gegenwart wird hierbei durch Kapitelzahlen eingeleitet und die Vergangenheit durch die Überschrift: ‚London‘.

Fazit:
GeschmacksacheDie Grundidee der Geschichte ist gut und auch der Schreibstil an sich lässt den ‚alten‘ Simon Beckett erahnen. Aber alles in allem sind dann doch zu viele Längen und unnötige Beschreibungen im Buch, die das Lesen echt zu einer Geduldsprobe werden lassen. Ich habe nicht umsonst fast zwei Jahre und zwei Neuanfänge benötigt um die ganzen 458 Seiten durchzuackern. Schade, besonders da ich weiss, was Simon Beckett auf dem Kasten hat.


Verlagsinfo:

Die Rechte am gezeigten Cover und am Klappentext liegen beim genannten Verlag.

der-hof erschienen am 31. Juli 2015

im rowohlt Verlag
übersetzt von Juliane Pahnke

Taschenbuch, 464 Seiten

ISBN:  978-3-499-26838-0

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